Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 29 (15.7.1884)
- Date
- 1884-07-15
- Page
- Seite 454 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3227501-3227531--41867-3310375- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
454 werden sollen, so daß solche geprüfte und bewährte Lehrer sowohl der Versammlung anwohnen, als auch in den Rabbinerverband eintreten könnte. Abgesehen davon, daß solche Lehrer aus ihrer Erfahrung, da sie unmittelbar den Religionsunterricht zu Pflegen haben, zu Rath und That sehr geeignet sind, so sind sie zugleich die besten Werkzeuge, die unentbehrlichen Träger der in dem Plane aufzustellenden Aufgaben. Man bedenke, daß die Lehrer, ausgenommen in den meisten Gemeinden, die einen Rabbiner haben, einem Rabbiner gar picht unterstellt sind, und es daher ganz von ihrer Bereit' Willigkeit abhängt, den Anweisungen des Rabbiners Folge zu geben. Wir haben im deutschen Reiche weit über 2000 jüdische Gemeinden und nur ungefähr 180 Rabbinen. Es giebt Provinzen Und Landschaften, wo gar kein Rabbiner vorhanden, z. B. in Westfalen, wo es jedoch eine verhältnißmäßig große Anzahl seminaristisch gebildeter und tüchtig geschulter Lehrer giebt, die sowohl im Unterricht wie in gottesdienstlichen Vorträgen den Gemeinden genügen. Wollen die Rabbinen wirklich etwas durchführen und den zukünftigen Organisationsplan zur Ausführung bringen, so können sie des Lehrerstandes und seiner eifrigen Betheiligung nicht entbehren und würden ohne ihn lahm gelegt sein. Aus diesen Gründen wäre es überaus vortheilhast, den Lehrersland sofort mit in die Aktion zu ziehen, wie wir oben vorgeschlagen. Besteht doch noch ein anderes Hinderniß, mit welchem man rechnen muß, wir meinen in den Gemeinden selbst. Bei den abhängigen Berhältnisien, in welchen in vielen deutschen Ländern, namentlich aber in Preußen, die Rabbinen von den Gemeinden stehen, hängt es davon ab, ob die Gemeinden ihrem Rabbiner die persönliche Wirksamkeit innerhalb anderer Gemeinden, namentlich wenn deren viele sind, und deshalb die öftere Abwesenheit ihres Rabbinen gestatten werden. Andererseits kommt es wieder darauf an, ob die Gemeinden ohne Rabbiner das thätige Eingreifen eines solchen zulassen. Uns bedünkt es deshalb, daß es noch viel mehr auf eine Organisation der Gemeinden als der Rabbinen und deren Thätigkeit ankommt. Ein schönes Borbild hierfür hat der Gemeindeverband in Ostpreußen, über dessen letzte Generalversammlung wir kürzlich referirt haben, gegeben, und nach diesem Muster müßten solche Verbände in allen Provinzen und Landschaften angestrebt werden. Erst auf Grund solcher provinziellen Gemeindeverbände könnte auch die Wirksamkeit der Rabbinen eintreten. Ohne solche würde jeder Organisationsplan in der Luft schweben und mehr theoretisch als praktisch sein. — Wir haben wiederholt darauf aufmerksam gemacht, daß nach unserer Meinung viel mehr von unten auf als von oben her gebaut werden müsse, wenn man ein dauerhaftes Werk vollbringen will. Wir bedauern deshalb, daß unser Vorschlag, den wir in Nr. 21 ausführlich erörtert haben, nämlich in allen Gemeinden Vereine zur Hebung des religiösen Sinnes zu bilden mit alll den Mitteln, die zu diesem Zwecke solchen Vereinen zu Gebote stehen, namentlich auch betreffs der Verbindung derselben in naheliegenden Gemeinden, in der Rabbinerversammlung nicht zur Sprache gekommen. Wir empfehlen ihn deshalb der Commission für den Organisationsplan zu sorgfältiger Erwägung, weil wir überzeugt sind, daß vorzugsweise auf Grund solcher Vereine eine reelle Organisation möglich sein wird. Man braucht nur an die leidige Geldfrage zu denken, um sich die Lage der Sache klar zu machen. Die Beschlüsse der Versammlung schließen in den zukünftigen Plan Momente ein, welche Geld, viel Geld kosten, z. B. die Errichtung neuer Seminarien. Aber schon das sehr dringliche, einfache .Wanderpredigen" erfordert Geldmittel, da der Rabbiner bei seinem kärglichen, meist kaum auskömmlichen Gehalte auf Reisen nicht viel verwenden kann und er auf Ersatz aus den Mitteln der betreffenden kleineren Gemeinden im Wiederholungsfälle nicht zu rechnen hat. Es ist und bleibt daher, nach unserer Meinung, das nächste Ziel: Provinzielle Gemeindeverbände und Vereine zur Hebung des religiösen Sinnes in möglichst vielen Gemeinden. Ohne diese wird das Meiste nur auf dem Papiere bleiben. Ueberhaupt bedarf es, um etwas zu Stande zu bringen, der thatkräftigsten Anstrengung jedes einzelnen Rabbinen in seinem Kreise. Wir haben oft genug die Erfahrung gemacht: in den Versammlungen glühender Eifer; nach Hause gekommen, völlige Indolenz, natürlich außer den gewohnten amtlichen Funktionen. Die fünfte Rabbinerversammlung hat aber eine ganz besondere Verpflichtung auf sich genommen: indem sie jede Diskussion, ja nur Berührung religiöser Differenzpunkte ausschloß, übernahm sie um so mehr die Pflicht, reale Ergebnisse zu erzielen. Allerdings gehört gerade hierzu Zeit und allmähliche Entwickelung , aber noch mehr die Wahl richtiger' Mittel und Wege. Die Liu-erfterblichkeit in Preußen. Von dem amtlichen Quellenwerk „Preußische Statistik" sind neuerdings mehrere Hefte erschienen. Eines derselben behandelt die Kindersterblichkeit in Preußen während deS Jahres 1882, mit Unterscheidung des Religionsbekenntnisses der ge« storbenen Kinder. Die Statistik beschränkt sich auf die Kinder, welche das fünfte Lebensjahr noch nicht vollendet haben.! Die ehelichen Kinder sind nach dem Religionsbekenntniß des j Vaters, die unehelichen nach dem der Mutter gruppirt. Die! Tabellen weisen für Knaben und Mädchen evangelischer, j katholischer, mennonitischer, sonst christlicher und jüdischer Eltern die Zahl der Todtgeborenen, der an jedem Tage der l etften Lebenswoche, in der zweiten Lebenswoche, bis zum! Schluß des ersten Lebensmonats, in jedem Monat des ersten Lebensjahres, sowie in jedem der eisten fünf Lebensjahre