Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 28 (8.7.1884)
- Date
- 1884-07-08
- Page
- Seite 446 (sequence 10)
- Language
- German
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Glaubensgenossen erworben. Man hatte ihnen aber damals erklärt^ daß keine politische Partei die Frage der Judenemanzipation zur öffentlichen Debatte bringen könne, ohne sich im Lande unmöglich zu machen. Und dabei blieb es, bis man zwei Jahre später die Formel gefunden hatte, welche bei prinzipieller Anerkennung des Grundsatzes der bürgerlichen Gleichberechtigung aller Confessionen doch Ausfluchtspförtchen genug darbot, um selbst der schon seit Generationen im Lande ansässigen jüdischen Bevölkerung das erbetene rumänische Bürgerrecht verweigern -zu können. Auf diese Art wurde für jene Israeliten Rumäniens, welche kein anderes Vaterland kennen und besitzen, ein moralisches Ghetto geschaffen, dessen Druck schwerer und schmerzlicher empfunden wird, als die beengenden lokalen und socialen Schranken, in welche der fanatische Glaubenshaß des finsteren Mittelalters die israelitischen Mitbürger einzuschließen für gut fand. Uebrigens kann die von den antisemitischen Hetzaposteln anderer in der Kultur weiter fortgeschrittener Länder mit besonderer Vorliebe gebrauchte Phrase, daß die Juden jede productive Arbeit scheuen und nur vom Schacher leben wollen, auf Rumänien absolut keine Anwendung finden. Die im Jahre 1866 auf über 300,000 Seelen geschätzte, seitdem aber in Folge systematischer Bedrückung bis tief unter die Hälfte obiger Ziffer herabgesunkenc israelitische Bevölkerung Rumäniens hat ein großes, ja in vielen Fällen ein weit größeres Kontingent zum Handwerkerstande gestellt, als die eigentlichen Rumänen. Und zwar finden wir sie nicht allein als Schneider, Glaser, Klempner, sondern auch als Maurer, Ziegel- und Schieferdecker thätig, sowie denn überhaupt Juden und später eingewanderte Fremde als die eigentlichen Stützen des rumänischen Gewerbestandes zu bezeichnen sind. Freilich ist ihnen ebenso wie allen nicht im Besitze des rumänischen Bürgerrechts befindlichen Fremden die Erwerbung von Grundbesitz versagt. Doch haben sie sich in vielen Distrikten als Pächter kleiner Landgüter wesentliche Verdienste um die Hebung der landwirthschaftlichen Productionskraft erworben, ohne daß jedoch ihre wiederholten Bitten, ihnen die Anlage von Ackerbaucolonien zu gestatten, beziehungsweise ihnen bisher unkultivirte Flächen zur Besiedelung anzuweisen, Berücksichtigung gefunden hätten. Die Zigeuner hat man emanzipirt und mit Grundbesitz bedacht — der Jude darf nicht auf gleiche Rechte Anspruch machen! Ja noch mehr: In der Moldau werden gegenwärtig selbst solche Israeliten aus den Landgemeinden vertrieben, welche nach Erfüllung der Waffenpflicht im rumänischen Heere ihren Lebensunterhalt als landwirthschaftliche Hilfsarbeiter suchten. Der Jude darf und soll nun einmal mit der bekanntlich zu keinem besonderen Fleiße inklinirenden rumänischen Bevölkerung auf gar keinem Gebiete der Erwerbsthätigkeit concurriren — will er aber das Land verlassen, das von ihm zwar die Erfüllung aller bürgerlichen Pflichten einschließlich der Blutsteuer fordert, dagegen seine Hand jedesmal zurückzieht, wenn von der Anerkennung staatlicher Pflichten der Israeliten die Rede ist, so zuckt man die Achseln und verweigert die zur Auswanderung erforderlichen Pässe! Helotendes rumänischen Staates, haben die rumänischen Israeliten nicht einmal auf jenen Rechtsschutz zu rechnen, welchen Staatssclaven sonst zu genießen pflegen. Freilich machten sich neben dem Haffe gegen das Judenthum in neuester Zeit auch zahlreiche Symptome eines krankhaft gesteigerten Fremdenhasses, namentlich gegen Ungarn und Deutsche geltend. Die Ursache hievon mag zwar theilweise in den Versuchen der Opposition zu suchen sein, den Brodneid der rumänischen Arbeiter gegen ihre ausländischen Konkurrenten als Agitationsmittel gegen die Regierung zu benützen. Doch liegt der eigentliche Grund hievon viel tiefer. Er wurzelt in der geringen Arbeitstüchtigkeit der niederen rumänischen Bevölkerungsklaffen und in den Folgen der verschwenderischen Wirthschaft, welche die meisten der alten Großgrundbesitzerfamilien einem finanziellen Ruin entgegenführte. Doch ist es eine gefährliche Verirrung, wenn man der öffentlichen Meinung Rumäniens den Glauben beizubringen sucht, daß die Juden und Fremden die Verantwortung für den unleugbaren Niedergang des nationalen Wohlstandes zu tragen haben. Die Erklärung für diese betrübende wirthschaftliche Erscheinung liegt vielmehr in der socialen Eigenart der derzeitigen rumänischen Generation, welche, statt Juden und Fremde zu verdächtigen, weit besser thun würde, wenn sie das von demselben gegebene Beispiel einer rastlosen Arbeit und eines sparsamen Haushalts auch der eignen Nation einimpfen wollte. Ieuilleton. Der Zug nach Jerusalem. Eine Erzählung aus alter Zeit. IV?) Unterdeß hatten die judäischen Männer auf der Höhe des Berges eine kurze Berathung gepflogen. Sie theilten sich in drei Haufen, die auf drei Seiten des Berges Aufstellung nehmen sollten. Der Führer des mittleren Haufens sollte nach einiger Zeit durch eine angezündete Fackel das Zeichen zum Angriff geben; dann sollten sich alle drei den Berg hinunterflürzen und kurz bevor sie die Thalsohle erreicht 1) In Nr. 1l dieser Erzählung (Nr. 26) bitten wir zu verbessern: j Sp. l Z. 13 v. o. „stimmten". — Z. 17 „Feigen-". — Sp. 2 Z. 23 S. 414 Sp. 1 Z. 4 „altem". — Z. 7 v. u „Psalm an". -- S. 415 [ö. o. „Abijah".