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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1884-07-08 · Heft 28 (8.7.1884) · p. Seite 445

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
48 (1884)
Issue
Heft 28 (8.7.1884)
Date
1884-07-08
Page
Seite 445 (sequence 9)
Language
German
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445 des jüngsten Jahrmarkts den Pöbel auf, so daß sich dieser auf die jüdischen Butter- und EierhSndler und andere! Waarenlager plündernd stürtzte. Die anwesenden Polizisten sahen ruhig zu, bis der Polizeidirector Herr Parschin mit anderen Polizisten erschien, und — nicht ohne eigene Lebens-! gefahr — die Ruhe wieder herstellte. Die Polizisten, welche | ruhig zugesehen, sowie einige Tumultuanten wurden, ver-i hastet. Wir wissen dem humanen und voruriheilslosen! Herrn Parschin den herzlichsten Dank. — Einige Stunden von Pultawa entfernt liegt die Colonie Repetyna, die von ungefähr 100 jüdischen und 20 deutschen Familien bewohnt wird. Alle bearbeiten in Frieden und Einttacht ihre Felder. Bor einigen Tagen überfiel ein bewaffneter Haufe arbeitsloser Kerle aus der Stadt die Colonie und begann die jüdischen Häuser zu plündern und die Hausgeräthe zu zertrümmern. Die Dorfbewohner aber, namentlich mit Hülfe der deutschen Colonisten, vertrieben die Excedenten und 30 derselben wurden geschlossen nach Pultawa ttansporttrt. — In Petersburg wurden in diesen Tagen Abends auf dem jüdischen Friedhofe die Grabdenkmäler zertrümmert, die Gräber aufgerissen, und die Leichen der Sterbehemden entkleidet. Die Untersuchung ergab, daß einige wohlhabende Christen die Urheber dieses Verbrechens waren. Hierbei ergab sich, daß eine Woche vorher auf dem christlichen Kirchhofe dieselbe That begangen worden, und man hatte die Juden derselben bezichtigt, was eine große Austegung veranlaßte. Es erwies sich nunmehr, daß auch dieses Verbrechen von denselben Menschen verübt worden. In ähnlicher Weise wurden, da in Kowle (Volhynien) eine Kirche beträchtlich bestohlen worden, die Juden der That beschuldigt. Die gerichtliche Untersuchung fand aber die gestohlenen Sachen bei drei wohlhabenden christlichen Bürgern. Diese wurden arretirt und ihr Vermögen mit Beschlag belegt. — Eine erfreuliche Erscheinung ist es, wie viele jüdische Schüler und Schülerinnen des Conservatoriums und der Universitäten sich Auszeichnungen erwerben. Im Petersburger Conservatorium erhielten 5 jüdische Schülerinnen und ein jüdischer Schüler die Medaille, der letztere, der ausgezeichnete Violinspieler Pysternikow, die größte. An der Universität Petersburg erhielten Medaillen drei Schülerinnen und zwei Schüler, in Kiew zwei Schüler, in Moskau 5 Schüler und 3 Schülerinnen, in Riga 2 Schüler und 1 Schülerin, in Warschau 1 Schüler jüdischer Religion. — »Die konfessionelle Eintracht, die in Lodz besteht, hat sich in jüngster Zeit glänzend bewährt. Zu dem Bau einer griechisch-katholischen Kirche ttugen Juden über 30,000 Rubel bei. Der Grundsteinlegung derselben wohnten der Rabbiner und mehrere Juden bei, und ebenso bei der am 10. d. stattgefundenen Einweihung. Zu dieser spendete ein Jude, Herr Konstadt, einen Teppich für 5000Rubel. Dagegen spendeten zu der neuen deutschen Synagoge, welche eine Million Rubel kosten wird, christliche Mitbürger bis 80,000 Rubel. Die jüdischen Fabriksherren Posnomski, Rogenblatt, Konstadt geben Tausenden von arbeitslosen Arbeitern täglich 5 Kopeken. Posnomski stiftete ein israelisches Hospital mit über 75,000 Rubeln, in welches jedoch Kranke aller Confesfionen ausgenommen werden. Im Laufe dieses Quartals wurde 2026 Kranken ohne Unterschied der Confesfion ärzüiche Hülfe geleistet. Moses Feinkind. Nischnhnowgorod, 25. Juni. Bei den Ausschreitungen gegen die Juden am 19. d. sind 8 Personen getödtet und 9 verwundet worden, davon 5 lebensgefährlich. Seitdem sind weitere Ruhestörungen nicht vorgekommen. Zur Untersuchung der Vorfälle ist der Prokurator des Moskauer Apellhofes Muranjeff eingettoffen. Eine Publikatton des Gouverneurs im heutigen Lokalblatte macht gegenüber den Gerüchten, in Kunaniwo wohnhafte Juden hätten ein Christenkind geschlachtet, bekannt, daß eine strenge Untersuchung der Vorgänge am 19. d. ergeben hätten, daß die Gerüchte lediglich erfunden seien. Rumänien. Bukarest, 18. Juni. Als sich vor einigen Tagen eine Deputation der hiesigen Judenschaft zum König begab, um dessen Intervention zur Erleichterung des Looses ihrer Glaubensgenossen zu erbitten, wurde diese aus den Herren vr. Beck und vr. Stern bestehende Deputation zwar in huldvollster Weise empfangen, derselben aber auch gleichzeitig bedeutet, daß sie ihre Beschwerden und Wünsche bei der Regierung anbringen möge. Als sie dann dem eben ins Palais kommenden Minister des Aeußern gegenüber die Bitte aussprach, derselbe möge für die Beseitigung der den auswanderungslustigen Israeliten bereiteten Paßschwierigkeiten interveniren, bemerkte der Minister, daß sich die Juden Rumäniens im Besitze jener Rechte befinden, die sie verlangt hätten. Wenn mit diesen Worten den Israeliten Rumäniens der Borwurf gemacht werden soll, daß sie sich ihrerzeit an die Unterstützung des Auslandes um Verbesserung ihrer socialen Stellung gewendet hätten, und daß sie sich daher nicht beklagen dürften, wenn nun Rumänien auf seinem mit der internattonalen Genehmigung des Berliner Kongresses versehenen Standpuntt verharre, so ist diese Auffassung und der aus ihr resultirende Borwurf vollständig unbegründet. Schon zwei Jahre vor dem Berliner Kongresse, als eben die traurige Lage der rumänischen Judenschaft die Aufmerksamkeit der Anslandsregierungen in höherem Grade zu beschäftigen begann, halten die Wortführer der hiesigen Juden sich sowohl bei der Opposition, wie auch bei der Regierungspattei um eine Verbesserung der Rechtsverhältnisse ihrer 28

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