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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1884-07-08 · Heft 28 (8.7.1884) · p. Seite 441

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
48 (1884)
Issue
Heft 28 (8.7.1884)
Date
1884-07-08
Page
Seite 441 (sequence 5)
Language
German
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441 i. I a .! | * 1 ■s am 26. Juli 1808 in dem Pommer'schen Städtchen! Treptow a. R. geboren, Sohn eines evangelischen Predigers. Droysen gehörte zu den ersten, welche die Erklärung der ausgezeichnetsten Männer Berlins gegen den Antisemitismus unterschrieben, eine Erklärung, welche einen Wendepunkt in der Geschichte des modernsten Antisemitismus bildete, indem sie die breite Kluft bezeichnete, welche zwischen der Intelligenz und Gesittung einerseits und der antisemitischen Bewegung andererseits besteht. Die ganze antisemitische Agitation wurde dadurch in die unterste Region der Kultur verwiesen. Aus Droysens Jugend ist hervorzuheben, daß er nicht allein als Student ein eifriger Anhänger des „glänzenden" Eduard Gans, sondern auch der intimste Freund von Felix Mendelssohn, G. Friedläuder und Moritz Beit (diesem edlen und eifrigen Verfechter des Judenthums), also von getauften und ungetauften Semiten war, in letzterem seinen Verleger fand und endlich daß er aus diesem Kreise die Tochter des Bankiers Mendheim hcirathete, wodurch er auch über alle äußeren Sorgen hinweggehoben wurde. Solche Berhältniffe waren zu jener Zeit ehrenvoll und fördernd, während sie jetzt, 40 Jahre später, von den Antisemiten mit Schmutz beworfen werden. Jndeß hoffen wir, daß sie nicht lange mehr dieses Vergnügen genießen werden. — Eine eigenthümliche Störung erfuhr, wie hiesige Blätter melden, am Sonnabend Vormittag der Gottesdienst in der in der Lindenstraße 50 belegencn Synagoge. Aus Anlaß des siebenten Stiftungsfestes der Gemeinde hielt der Prediger I)r. Landsberger eine Festrede. Plötzlich machte sich eine unruhige Bewegung in den vorderen, in der Nähe der Kanzel gelegenen Reihen der Zuhörer bemerkbar. Der Prediger unterbrach seine Rede, stieg ein paar Stufen hinunter, kehrte dann wiederum auf die Kanzel zurück und verkündete Folgendes: „Meine Andächtigen! Ein schmerzlicher Augenblick ist gekommen; unser lieber Mitbruder und Gemeindeältester K. ist soeben gestorben." Regungslos, mit gebrochenen Augen, das Haupt zurückgesenkt, lag der vierundachtzigjährige Greis da. Tiefe Ergriffenheit bemächtigte sich der Gemeinde; nach einigen Minuten forderte der Prediger auf, für den soeben Verschiedenen das Stcrbegebct zu sprechen, und „Höre Israel" :c. ertönte es in vielhundertstimmigem Rufe. Die Leiche sollte nun aus der Synagoge hinausgetragen werden — da begann der Todtgeglaubte sich plötzlich zu regen, die Augen aufzuschlagen und das Haupt zu erheben. Ein Schlaganfall hatte den Greis getroffen, der sich, nachdem man ihn mit Wasser besprengt hatte, allmählich so weit erholte, daß er nach seiner Wohnung geschafft werden konnte. Die unterbrochene Fesipredigt wurde in Folge der allgemeinen Erregung nicht fortgesetzt. — Wir haben schon bemerkt, daß die Wahlagitation im zweiten Berliner Reichstagswahlkreise bereits sehr lebhaft betrieben wird. In den Vordergrund drängen sich hierbei einerseits die „Christlich-Sozialen" mit ihrem Candidaten Stöcker, andrerseits die „Sozialdemokraten", die sich Arbeiterpartei" nennen, mit ihrem Candidaten Lutzauer. Beide stehen sich feiudlich gegenüber und alle Lockreden Stöckers haben bei den letzteren nicht verfangen. Tie „Deutsch-Freisinnigen" haben bis jetzt eine öffentliche Kundgebung nicht veranstaltet. Am 23. d. Abends hielten die Christlich-Socialen auf dem „Berliner Bock" eine Versammlung, in welcher Stöcker das Wort führte. Er ließ alle Parteien Revue passiren und kam zu dem Schluß, daß bei den nächsten Reichtagswahlen die Christlich-Socialen mit den Socialdemokraten und der deutschfreisinnigen Partei nichts anderes zu thun haben dürften, als sie zu bekämpfen und zu vernichten. (!!) Auch mit den 'Nationalliberalen sei kein Frieden zu machen. Alle diese drei Parteien krankten an einem Hebel, das sie vom Verkehr mit den Christlich-Socialen ausschlösse: „Sie halten mit den Juden!" Auch mit den Conservativcn könnten die Christlich-Socialen keine enge Bundcsgenossenschaft schließen. Denn diesen feien er und Prof. Wagner, die Führer, wie sie sagen, zu weit vorwärts geschritten. Es bleibe daher nichts anderes übrig, als die Christlich-Socialen für die nächsten Wahlen zum Reichstage als neue Partei zu proklamiren. Ihr Name sei: die neue Fortschrittspartei, als deren Can didat für den Reichstag er aufgestellt werden wolle. Die Versammlung folgte denn auch diesem Gebote und wählte Herrn Stöcker zum Candidaten für den zweiten Reichstagswahlkreis. Tie Socialdemokraten, die dagegen sprechen wollten, wurden theils aus dem Saale gedrängt, thcils zum Schweigen gezwungen. — Man ersieht hieraus, daß diesmal Herr Stöcker auch bei den Conservativen keinen Einklang findet, und daß somit in diesem zweiten Wahlkreise vier Parteien mit einander kämpfen werden. Auch die Arbeiterpartei hielt eine Versammlung, in welcher die Confer vativen und die Liberalen viel Böses hören mußten. Sie wurde schließlich polizeilich aufgelöst. — Verleger und Redactcur der „Wahrheit", die Herren Albert de Groussilicr und Wilhelm Käse, hatten sich an, 25. d. wegen Aufreizung verschiedener Klassen der Bevölkerung zu Gew altthätigkei ten gegen einander in einer den öffentlichen Frieden gefährdenden Weise vor der I. Strafkammer hiesigen Landgerichts 1 zu verantworten. Unter dem Titel „Luther für oder wider die Inden" hatte der Angekl. Groussilicr zur vorjährigen Lutherfeicr ein Flugblatt verfaßt und verlegt und den Inhalt desselben auch in 'No. 45 des von ihm verlegten antisemitischen Witzblattes „Wahrheit" von 10. November pr. übernommen. In dem selben wird u. A. der Ausspruch Luthers reproducirt, das; die Juden Gottesfeinde und ein verboßtes Volk seien, das nicht arbeiten wolle, gute, faule Tage »erbringe und die

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