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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1884-07-08 · Heft 28 (8.7.1884) · p. Seite 439

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
48 (1884)
Issue
Heft 28 (8.7.1884)
Date
1884-07-08
Page
Seite 439 (sequence 3)
Language
German
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439 Der ungarische Unterrichts-Minister über -en Antisemitismus. Pest, 23. Juni. Der ungarische Kultus- und Unterrichts-Minister Trefort übernahm gestern in Preßburg das ihm zugefallene Abgeordneten-Mandat des Preßburger 1. Wahlbezirkes. Aus diesem Anlasse hielt er eine lange Rede, in welcher er die wichtigsten Angelegenheiten des Landes besprach und auch dem Antisemitismus, dieser „heiklen Frage", wie Herr Trefort sich ausdrückt, nicht aus dem Wege ging. Nach dem „P. Lloyd", der die Rede vollinhaltlich mittheilt, äußerte sich der Minister über die Juden in folgender Weise: „DasJudenthum ist eine der bedeutendsten welthistorischen Erscheinungen. Ueber die Welt zerstreut, übte es, dcrCivilisation der Völker entsprechend, auf dieselben eine verschiedenartige Wirkung aus. Vom Grundbesitz und vielen anderen Bcrufszattungen ausgeschlossen, waren die Juden genöthigt, sich ausschließlich mit Handel und Geldgeschäften zu beschäftigen. Als sodann der moderne Staat auf Grund der Gleichberechtigung organisirt wurde, verstand es sich von selbst, daß man die Juden mit denselben Rechten bekleiden müsse, welche die christlichen Landesbürger besaßen. Ob die sogenannte Emancipation der Juden dem Lande und dein Judenthum selbst zum Nutzen gereichte? Ich zweifle nicht, daß dem so ist, allein Verhältnisse, welche Jahrhunderte hindurch bestanden, verändern sich nicht mit einem Schlage in Folge legislatorischer Maßnahmen. Ein Gesetz ist rasch anders gemacht, jedoch die Menschen mit ihren Neigungen und Gewohnheiten gestalten sich nur langsam um. Allein der Proceß der Annäherung und Assimilation ist in Fluß gerathen, und er wäre rasch fortgeschritten, wenn der Antisemitismus nicht dazwischen! gekommen wäre. Dieser ist eine geistige Krankheit, welchej nur böse Folgen hat und haben kann, denn der Antisemitis-' mus ist keine Bewegung gegen eine Race oder Confession j gerichtet — diese dient nur zum Vorwände — das Ziel des; Antisemitismus ist eigentlich die Revolution und der Socia-! lismus oder vielmehr Communismus, — das Land in steter! Aufregung zu erhalten und die Grundlage der gesellschaft-! lichen Ordnung zu untergraben. Hierzu ist nichts mehr ge-! eignet, als der Antisemitismus, welcher das Vermögen und das Eigenthum bedroht. Ein solcher Angriff aber beginnt bei dem armen Dorf-Branntweinschänker Herschko oder Jtzig, um sich bis zum Fürsten Esterhazy oder dem Primas von Ungarn fortzupflanzen. Was ist zu thun, um den Antisemitismus aushören zu machen? Die Legislative kann in dieser Beziehung wenig thun, die Executivgewalt aber Alles, indem sie, wo es nöthig ist, die Juden gegen die Ausschreitungen des Volkes vertheidigt, Aufreizungen nnd Reden gegen Besitz und Eigenthum nicht duldet und indem andererseits unter den ungebildeten Juden jene Cultur verbreitet wird, die das wirksamste Gegenniittel gegen den Antisemitismus ist. Am meisten können jedoch gegen den Antisemitismus die gebildeteren und vermögenderen Klassen der Juden selbst thun, wenn sic bewirken, daß ihre Glaubensgenossen jene Gebräuche ausgeben, welche sie von der christlichen Gesellschaft sernhalten, wenn sie dieselben zu Landbauern und Gewerbtrcibenden erziehen, damit cs nicht scheine, als wenn sie die Angehörigen der Mittelklasse aus deren natürlichen Stellungen verdrängen wollten. Daneben werden die gemeinsamen Schulen und die Armee das beste Palliativinittel gegen den Antisemitismus sein." Diese Rede ist recht diplomatisch, ganz angemessen den Verhältnissen der Zeit, in der, und des Ortes, wo sie gehalten wurde; Preßburg ist bekanntlich eine alte Brutstätte des Judenhasses und war in jüngster Zeit wiederholt der Schauplatz von Judenkravallen. Diesen Verhältnissen wollte der auch mit der Geistlichkeit auf gutem Fuß lebende Eultus- und Unterrichtsmittister Rechnung tragen: ganz antisemitisch reden, das ging nicht, dagegen sträubte er sich auch wohl als Mann der Wissenschaft, der doch gern auf der Höhe der Zeit steht, und gar nicht antisemitisch angehaucht zu scheinen, das ging seinen Preßburger Wählern gegenüber noch viel weniger. Um des Beifalls der Preßburger Spießbürger gewiß zu sein, gab Se. Excellenz sogar den Herschko und den Jtzig zum Besten!! Es ist aber geradezu beschäinend für Ungarn, daß ein Minister vor aller Welt bekennt: Die Legislative kann gegen | bcn Antisemitismus wenig thnn; was werden zu dieser uni überlegten Aeußcrung mehrere seiner Minifter-Collcgen, was wird die ganze liberale Partei des Abgeordnetenhauses sagen? Männer wie Horvath, Jranyi, Jrauda u. a. sind, und das sollte Trefort doch wissen, mit ganz concreten Vorschlägen zur Bekämpfung des Antisemitismus ausgetreten und Tißa wird, so heißt es wenigstens, gleich nach Eröffnung des Reichstags einen desfallsigen Antrag einbringcn. Was Herr Trefort sonst vorbringt, ist nicht neu; den guten Rath, den er den Juden erthcilt, Landbauer und Gewerbtreibende zu werden, den gab er einer Deputation orthodoxer Rabbiner erst vor einigen Monaten, und die immer wieder von ihm ausgesprochene Phrase, daß die Juden die Gebräuche aufgeben, welche sie von der christlichen Gesellschaft sernhalten, wird gar nicht mehr beachtet. Ganz anders als der ungarische Unterrichtsminister! äußerte sich an demselben Tage der österreichisch - ungarische Finanzminister Benjamin Kallay in einer Ansprache, welche er an eine Deputation der österreichisch-ungarischen israelitischen Gemeinde-Repräsentanz in Banjaluka (Bosnien) richtete: „Es freut mich sehr, Sie als Repräsentanz der österreichisch-! ungarischen Cultusgemeinde begrüßen zu können; um so mehr

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