Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 28 (8.7.1884)
- Date
- 1884-07-08
- Page
- Seite 438 (sequence 2)
- Language
- German
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438 Einwirkung ist. Die äußeren Unterschiede zwischen Jude und j solcher Exasperationen haben wir auch in unserem Jahrhun- Christ sind immersort im Abnehmen begriffen, und übt doch; dert schon einige Male erlebt, und sie gingen vorüber, sich sonst auch Verschiedenheit der Stände und Bildung keinen solchen Einfluß aus, daß daraus Verfolgung und Mißhandlung entstehen. Immerhin mögen Neid und Mißgunst gegen begüterte Juden im Antisemitismus eine Rolle spielen. Diese fallen jedoch gegen die ärmere Klasse der Juden, und diese ist die Mehrzahl, hinweg, während gerade die ärmere Klasse der Juden dem Hohn und Spott am meisten ausgesetzt ist. Nein! die wesentliche und immer wieder fließende Quelle ist und bleibt der von Geschlecht zu Geschlecht vererbte, von Kindesbeinen an eingeflößte und in den Schulen von vielen Lehrern und namentlich auch vom Religionsunterrichte genährte und gepflegte Judenhaß, wie er aus vergangenen Zeiten überliefert worden. Wenn schon den Kindern der Jude als ein Gegenstand der Verachtung und Verspottung bezeichnet wird; wenn das Beispiel, wie man friedliche Juden verhöhnt und mißhandelt, gegeben wird; wenn der Lehrer in der Schule nicht selten seine Mißachtung gegen die Juden ausspricht und an den eigenen jüdischen Schülern ausläßt; wenn in den Schulbüchern die Juden mit Kain, dessen That und dessen Strafe verglichen werden, in diesen und im größten Theile der Literatur die verleumderischesten Vorstellungen von den Juden gemacht werden — so wäre cs wahrlich ein Wunder, wenn in der auswachsenden Generation dieselben Gehässigkeiten und Vorurtheile wie bei den Urvätern nicht immer von Neuem aufschössen. Hierin liegt das Uebel enthalten. Als in der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts die öffentliche Schule von diesen schmählichen Feindseligkeiten vielfach frei gemacht und zu Pflanzstätten der Humanität und der Nächstenliebe, der Gesittung und Aufklärung erhoben wurde — nahm auch jenes Mißverhältniß, jenes Vorurtheil, jene unsittliche Feindschaft merkbar ab. Aber seitdem der Partei- und Klassenhaß wieder im politischen und sozialen Leben eine Rolle spielt, seitdem der consessionelle Hader sich wieder ver-! schärft hat und täglich zum Ausdruck kommt, gerade von! denen genährt, welche ihn zu bekämpfen berufen wären, seit-; dem der Zerfall im bürgerlichen Leben durch die sozialistischen Ideen und Bestrebungen gewachsen ist — seitdem hot man sich wieder auch auf die Juden geworfen, und stellt man sie dem Volke als Feinde, als Fremde, als überlästige Eindringlinge, als Ausbeuter u. dergl. vor, so wachen die alten Leidenschaften und Gehässigkeiten, die einzuschlummern begonnen hatten, von Neuem aus und lassen ihre traurigen Wirkungen verspüren. Was dagegen zu thun sei? Wir wiffen kein anderes Mittel, als daß wir diese Zeit vorübergehen lassen, mit dem vollen Vertrauen, daß der Geist der Aufklärung, der humanen Cultur, der ganzen Richtung des modernen Geistes, auch diese Zeit vorüberführen werde. Achnliche Perioden allmälig abschwächend und in eine beffere Stimmung überlenkend. Andrerseits dürfen die Juden nicht stille stehen und sich nicht abschrecken lasten. Sie mästen unermüdlich an ihrer eignen Cultur Mitarbeiten und an sich abschleifen, was noch aus alter Zeit von abstoßenden Gewohnheiten, von unpassendem und auffälligem Gebühren an ihnen haftet. Vor Allem muffen sie danach streben, in gewerblicher Beziehung immer weniger von ihren Mitbürgern sich zu unterscheiden und darum dem Handwerk und der technischen Arbeit sich mehr und mehr zuwenden — was sie Alles recht wohl thun können, ohne ihrer Religion und den wahren Vorschriften derselben zu nahe zu treten. Wenn dieses Streben in uns lebendig ist und wir uns immer mehr sagen können, daß alle diese Anschuldigungen und Mißhandlungen unverdient und nur der Ausfluß eines noch "immer nicht ersterbenden Borurtheils und Hasses sind, so können wir mit voller Zuversicht sagen, wie unsre Urväter gesprochen: „Der Hüter Israels, er schläft und schlummert nicht!" 3üx fünfte» Rabbinerversammlung. Berichtigung und Nachtrag. Von der Havel, 26. Juni. Das Präsidium wurde nach Ausweis des veröffentlichten „Vorläufigen Berichts" durch Acclamation ernannt und zwar in dieser Reihenfolge: Joel, Ungerleider, Bamberger. Ferner haben seit Veröffentlichung jenes „Berichts" folgende Rabbiner ihre Zustimmung zur „Erklärung, die interconfessionelle Stellung des Judenthums betreffend", ertheilt: Rabbiner Dr. PhilippsonBonn. Rabbiner Dr. Perles München. Rabbiner Dr. Frank-Köln a. Rhein. Rabbiner Dr. Hannover-Wandsbeck. Rabbiner Dr. Braun-Schneidemühl. Rabbiner Dr. M. Herz-Göppingen (Würtemberg). Districtsrabbiner Dr. Werner-Burgebrach. > Consistorial-Oberrabbiner Dr. A. Auerbach-Bonn.! Rabbiner Dr. Rülf-Braunschweig.! Rabbiner Dr. Aschkenaß-Neustadt bei Pinne, j Rabbiner S. Lewy-Brumath. Rabbiner Dr. Löwenmeyer-Frankfurt a. O. j Rabbiner Simon Levy-Schirrhofen i. E. Großherzogl. Landrabbiner Dr. Landsberger-Darmstadt. Der „Erklärung" sind darnach bis jetzt 103 Rabbiner Deutschlands beigetreten.