Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1884-07-08 · Heft 28 (8.7.1884) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
48 (1884)
Issue
Heft 28 (8.7.1884)
Date
1884-07-08
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3227501-3227530--41849-3310356
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Allgemeine Zeitung -es Zudenthunrs. Ein unparteiisches Organ für alles indische Julercsse. Herausgegeben von Nabbiner Dr. Ludwig Philippson in Vonn. Gzepeditiorr: Leipzig, Woßpkcrh 18. Tiefe Aeitunq erschein: wirckieiUlich. Preis vierteljährig 3 Mark. Abonnement in Deutschland (Postzeitungsliste Ar. 92) und Lesterreich bei allen Postämtern, außerdem durch den Buchhandel. In redaktionellen Angelegenheiten wende man sich an vr.L. Phrlippson in Bonn direct, in allen übrigen an die Berlagshandlung. Beilagen (Gebühr 12 TO.) sind gleichfalls an letztere einzusenden. 48. Jahrgang Leipzig, den s. Juli 1864. Mi. 28. Inhalt. Leitende Artikel: Ter Antisemitismus im Volke. — Zur fünften Rabbinerversaminlung. — Ter ungarische Unterrichts- Minister über den Antisemitismus. — Tie Wahlen in Ungarn. — Literarischer Wochenbericht. - Zeitungsnachricht,:»: Deutschland: Berlin. — Oesterreich-Ungarn: Bonn, Wien, Pest. — Belgien: Brüssel. — Frankreich: Paris. — Rußland: Petersburg, Ans Polen. — Rischnynowgorod. - Rumänien: Bukarest. Fcnillcton: Ter Zug nach Jerusalem. Eine Erzählung aus alter Zeit. IV. — Das Jubiläum des Rabbiners Professor Heidenheim. — Vermischtes. Sei Feilte dtfißcf. Bonn, 2. Juli. Der Antisemitismus im Volke. Es ist schon wiederholt bemerkt worden, daß in Deutschland die Hochfluth des Antisemitismus, wie sie polternd und schäumend in der Zeitungspresse, Bersammlungen, Flugblättern und Broschüren sich ergossen, im Ablauf begriffen ist. Ist es doch auch natürlich, daß ein solches Thema sich erschöpft und das Publikum dessen überdrüssig wird; noch dazu, da selbst die Agitatoren nichts anzugeben wissen, womit dem vermeintlichen Uebel abgeholfen werden könnte, und die Pöbelereesse Gesetz und Ordnung verspotten und Gefahren über die ganze Gesellschaft herausbeschwören, welchen der Strafrichter mit Ernst und Strenge entgegentretcn muß. Wären wir also mit. all' jenen schmählichen Erscheinungen vorläufig fertig, so können wir uns doch nicht verhehlen, daß sie in der Volks- Masse selbst eine dauernde Wirkung unseliger Art zurückgelaffen haben. Der in den letzten vier Jahrzehenden zurückgetretene Haß und das vielfach zerstreute Borurtheil gegen die Juden sind von Neuem und in heftigem Maße geweckt, groß gezogen, gepflegt worden. Man hat die allgemeine Bolksmeinung dermaßen wieder bearbeitet, daß Unduldsamkeit, Inhumanität, Verfolgungssucht sich in der verschiedensten Weise äußert. Vor uns liegt ein Schreiben aus Breslau, in welchem uns eine traurige Schilderung von der Behandlung gegeben wird, welcher die Inden in dieser Stadt ausgesetzt sind. Es giebt ganze Straßen dort, wo es den Juden unmöglich gemacht wird zu wohnen, weil ihnen die Mitbewohner das Leben auf alle mögliche Weise verbittern und sie kaum in ihren eigenen Zimmern vor Beschimpfungen sicher find. Ans manchen Straßen kann sich kein Jude blicken laffen, ohne mit Beleidigung überhäuft zu werden. Daß diese Zustände auch auf Handel und Wandel Einfluß üben, versieht sich von selbst. Allerdings gereicht cs zum Tröste, daß solch ein Treiben doch nur an gewissen Orten stattfindet. Von Beginn an waren, außer Berlin, nur Breslau, Dresden, Leipzig und zuletzt auch Cassel Heerde des Antisemitismus, und deshalb ist cs nicht zu verwundern, daß gerade an diesen Plätzen die Bolksmaffe davon infizirt worden ist. Im Gegentheil giebt es Landschaften und Städte genug, in welchen das Verhältniß der Juden zu ihren christlichen Mitbürgern ein durchaus friedliches und harmloses geblieben ist. Gerade ans dem Lande ist dieses, wie wir wissen, vielfach ein recht vertrauliches, und den oft gehörten Anschuldigungen gegenüber, sieht der ärmere Bauer im Juden seinen Helfer in der Noth, während der begüterte Bauer stets mißtrauisch und geldgierig ist und jede Hülfe versagt. Wir kommen da allerdings zu der Frage: woher dieser immer wieder erwachende Judenhaß, dem selbst die fortschreitende Cultur nicht abzuhelsen vermag? Was man gewöhnlich als Ursache angiebt, reicht zu einer vollständigen Erklärung nicht aus. Der religiöse Fanatismus ist ja zumeist > aus den Geistern geschwunden und giebt es und wird cs geben verschiedene Religionsparteien, deren gegenseitiger Zwist; aus das bürgerliche Leben von keiner oder doch von geringer 26

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.