Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 27 (1.7.1884)
- Date
- 1884-07-01
- Page
- Seite 433 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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433 fordern, und im Falle, daß dasselbe binnen zweier Tagend nicht gezahlt und die Abgesandten zurückgehalten oder derj letzt würden, die Niedermetzelung der Gefangenen und; zwar unter den größten Qualen und Martern androhen > sollten. Man zweifelte nicht, daß um diesen Preis die Ju- J däer das Lösegeld zahlen würden, und dann wollte man so ■ schnell wie möglich das Land verlassen und nach Syrien j zurückkehren, da sie sonst Gefahr liefen, von den aufgeregten j Judäern umzingelt zu werden. Nachdem diese Beschlüsse gefaßt worden, überließ man sich der ganzen Lust des Gelages und holte die Würfel herbei, um die Beute zu spielen. Ein Hauptgegenstand des Streites bildete Abijah. die schöne judäische Jungfrau. Alle Häuptlinge machten sie sich streitig. Jeder von ihnen hatte sich schon um ihre Gunst beworben, ihr geschmeichelt und große Versprechen gemacht. Sie hatte sie alle trotzig abgewehrt, da sie in ihrem Innern beschlossen hatte sich lieber selbst, den Tod zu geben, als die Beute dieser scheußlichen Verbrecher zu werden. An einen Baumstamm gelehnt, saß sie inmitten ihrer Verwandten, von Trauer erfüllt über das Geschick, das sie aus der Mitte der heitersten Hoffnungen von der Seite ihres geliebten Abiram gerissen hatte. Ach! hatte sie doch den geliebten Jüngling im Kampfe fallen sehen und mußte ihn für tobt auf dem Schlachtfelde zurückgelaffen glauben! . . . Der wüste Lärm der Räuber wurde immer lauter, und die armen Gefangenen fürchteten, daß jene in ihrem Rausche ihre verständigeren! Beschlüße vergeffen, und in ihrem wilden Haffe über sie herfallen würden ... In ihrem Schmerze gedachten sie der heiligen Lieder, die sie vor so kurzer Zeit beim Antritt des Zuges zuversichtlich und begeistert gesungen hatten und ans ihre Lippen drängten sich die Worte des Psalms: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" (Schluß folgt.) Ein Ärbeiis-Jubiläum. Ueber das Berhältniß jüdischer Industriellen zu ihren Arbeitern haben die Antisemiten die falschesten und verlennn derischen Behauptungen ausgestreut, und so wird hier ein Gegenbeweis wohl an der Stelle sein. Die zu Elbing erscheinende „Altpreußische Zeitung" vom 5. Juni enthält unter der Ueberschrift „Ein Arbeits-Jubiläum" folgenden Bericht: „'Elbing, 3. Juni. Wiederholt haben wir Gelegenheit und Veranlassung gehabt, einer frisch aufblühenden heimischen Industrie, der Cigarrcnfabrik von Löser u. Wolf, lobend und ehrend Erwähnung zu thun. Dieselbe erfreut sich nicht blos bei uns dadurch, daß ca. 700 Bewohner unserer Stadt ihr Brot darin verdienen, eines guten Klanges, sondern sie hat sich auch durch die Vorzüglichkeit ihrer Fabrikate, die tu Bromberg und Melbourne mit den höchsten Preisen prämiirt wurden, geradezu einen Weltruf errungen. Neben einer respectabeln Zahl von florirenden Filialen in allen Theilen der Reichshauptstadt Berlin, erstrecken sich ihre Absatzgebiete weit über die Grenzen Deutschlands, ja Europas hinaus bis Australien, Südafrika :c. Höher jedoch als ihre Fabrikate stehen ihre Einrichtungen, die auf wahrer Humanität basirend, das Wohl der Fabrikangehörigen fördernd, ein Verhältniß zwischen Chef, Beamten und Arbeitern resp. Arbeiterinnen geschaffen, das wohl einzig dastehen dürfte. Ein statutarisch geregeltes Prämiirungssystem gewährt ehrende Anerkennung für Treue und Fleiß in sechs sich steigernden Stufen. Jeder Beamte, jeder Arbeiter und jede Arbeiterin erhält als Prämie! nach sechs Jahren: ein Diplom, eine silberne Broche mit goldenem Rande in Form einer Medaille, die Beamten resp. Arbeiter eine silberne Medaille und 10 Mark. Nach 1t) Jahreu 30 Mk., nach 15 Jahren 50 Mk., nach 20 Jahren 70 Mk., nach 2b Jahren H)0 Mk. und nach 30 Jahren 150 Mk-, jedesmal mit einem Gegenstände als Andenken und mit entsprechendem Diplom. Eine Krankenkasse, zu deren Fond der Chef die volle Hälfte der von den Mitgliedern geleisteten Beiträge aus eigenen Mitteln zahlt, sorgt für Pflege und Unterstützung der Kranken: eine Fabrikküche gewährt den Fernwohnenden oder Alleinstehenden billigste und nahrhafte Kost: Mittag (stets mit Fleisch) für 15 Pf., Abendbrot (Suppe und belegtes Butterbrot) für 10 Pf. und Cafföe ü Portion 2»A, Pf. Eine Alterversorgungskaffe, die der Chef durch eine Schenkung von 10,000 Mark fundirt hat, welche Summe er selbst mit 10 pEt. verzinst, bis sich durch Zins und Zinscszins ein die Kaffe sicherstellendes Grundkapital gebildet hat, schützt die im Dienste der Fabrik arbeitsunfähig gewordenen Arbeiter und Arbeiterinnen vor Mangel und Noth im Alter. Ein Gesangverein, .welchen der Chef aus eigenen Mitteln unterhält, veredelt Geschmack, Empfindungen und Sitten seiner Mitglieder und erhöht die Feste der Fabrik. Um unvorhergesehenen Fällen in den Verhältnissen jedes Einzelnen zu begegnen, besteht eine Fabriksparkasse, wozu ebenfalls der Chef den 20. Thcil der auf der städt. Sparkasse hinterlegten Beträge zahlt. Alle diese von der echten Humanität des Chefs zeugenden Einrichtungen haben im Laufe der Zeit eine enge Zusammengehörigkeit wechselseitiger Unterstützung , ja ein zrvischen Chef und Arbeitern bestehendes Familicnverhältuiß geschaffen, von dessen Innigkeit und Aufrichtigkeit auch die gestern stattgehabte Feier des ersten 10jährigen Arbeitsjnbiläums das beredteste Zeugnis gab. Das ganze Fabrikpersonal war um 11 Uhr Vormittags in dem ausgeräumten und festlich decorirten großen Fabriksaale versammelt und sah in gehobener Stimmung und weihevoller Ruhe dem Eintritte des Chefs, der aus Berlin zu > dieser Feier herübergekommen war, entgegen. Stehend und