Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 27 (1.7.1884)
- Date
- 1884-07-01
- Page
- Seite 431 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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431 Reichstagsabgeordneter in Wien, in einer jüngst erschienenen Schrift „Einblicke in die Geschichte der Entstehung der talmudischen Literatur" (Wien 1884, D. Löwy) neuerdings eingehend behandelt. Der Vers, stellt die Behauptung auf, daß! das jüdische Volk, abgesehen von dem alexandrinischen Juden-! thum und von Josephus, der in griechischer Mundart und j nicht für Juden geschrieben, abgesehen von dem kleinen Geschichtskalender Megillat Taanith, von der Zeit des makkabäischen Priesterkönigthums bis zu Ende der amoräischen Epoche, trotz seiner geistigen Regsamkeit und seiner hohen Begabung, seine Literatur nicht um ein einziges Blatt bereichert hat. Er beleuchtet die vielfach ventilirte Frage von allen Seiten und gelangt mit Luzzatto und Leopold Löw zu dem Resultate, daß der Mischna-Codex zur Zeit der Amoräer noch nicht niedergeschrieben war und erst durch die Saboräer redigirt wurde. Der Talmud war von seiner Bollendung bis zur Niederschrift durch die Saboräer lange Zeit noch immer mündliches Studium. Die Schrift, welche den ersten Theil eines größeren Werkes „Einleitung in die talmudische Literatur" bildet, hat die einschlägigen Vorarbeiten gut benutzt und ist reich an interessanten Momenten. Ueberraschcnd ist, daß Hr. Dr. Bloch statt Jakob Chagis cousequent Moses Chagis schreibt. Bon dem Reiscwerke des Kronprinzen Rudolph erscheint jetzt eine hebräische Ueberfetzung. Der Hebraist Herrmann Horoviz in Szilagy-Somlyo hat sich entschlosien, das Buch, in welchem dessenillustre Berf. über das Judenthum und seine Bekenner in so edler Weise sich ausspricht, seinen Glaubensgenossen in hebräischer Sprache zugänglich zu machen. Der durchlauchtigste Autor gewährte die an ihn gerichtete Bitte und ertheilte die verlangte Autorisation zur liebersetzung, welche bereits druckfertig ist und demnächst erscheinen wird. Kayserling. Pest, 2. Juni. (Literarische Notizen.) Mit der Pflege der Hebräischen Sprache Hand in Hand geht unter den Juden in Galizien, Polen und Rußland das Bestreben, die Meisterwerke der deutschen, englischen, französischen Dichter und Prosaisten dem hebräisch lesenden Publikum zugänglich zu machen. Göthe's „Faust", Lessings „Nathan", „Othello" von Shakespeare sind ebenso wie Dante's „Hölle" u. a. längst Eigenthum der hebräischen Literatur; besonders aber haben mehrere dramatische Werke Schiller's, von jeher die Lieblingslectüre der Juden, hebräische Uebersetzungen gefunden. Die „Braut von Messina", die „Räuber" wurden durch Jac. Lewin, M. Schulbaum u. A. in die hebräische Literatur eingeführt. Herr Isaak Barb, Lehrer in Jaroslau, hat nun auch „Macbeth" nach Schiller's deutscher Bearbeitung in's Hebräische übertragen (Jaroslau 1883, Selbstverlag). Herr Barb, aus früher erschienenen Arbeiten als guter Hebraist bekannt, hat, abgesehen von einzelnen Germanismen, die schwerlich zu vermeiden waren, seine Aufgabe mit Geschick gelöst. Bon dem Jllustrirten jüdischen Familien-Kalender, herausgegebcn von Julius Meyer in Halberfiadt, ist der 7. Jahrgang für das Jahr 5645—1885 erschienen. Derselbe bietet im literarischen Theile eine recht interessante historische Erzählung von S. Kohn. die Biographie des vr. B. H. Auerbach, der früher in Darmstadt und dann von 1863 bis zu seinem, den 30. September 1872 erfolgten Tode Rabbiner in Halberstadt war, mit Titelbild, mehrere kleinere poetische und prosaische Beiträge von Ludwig A. Rosenthal, Humoristisches, Gemeinnütziges u. a. m. Keyserling. 3t e u x f 1 c t o n. Der Zug nach Jerusalem. Eine Erzählung aus alter Zeit. III. Wie viele Stunden Abiram in seiner Bewußtlosigkeit gelegen, wußte er später nicht anzugeben. Endlich erwachte er, richtete sich auf und kam schnell zum Bewußtsein dessen, was hier vorgegangen. Der Anblick einiger umherliegenden Leichen theurer Genossen brachte ihm die schmerzliche Erinnerung an den furchtbaren Schlag zurück, der ihn und die Seinigen getroffen. Wo waren sie hingerathen? Sind sic geflohen oder dem Feinde zum Opfer gefallen? Was ist aus Abijah geworden? . . . Diese Fragen bestürmten ihn, daß er des eigenen Wehs vergaß. Er fühlte die Wunde nicht mehr an seinem Kopfe. Er sprang auf, eilte nach dem Flusse, um sich von dem Blute zu reinigen, das über sein Gesicht geflossen und die brennende Stelle am Hinterhaupte zu kühlen. Bald fühlte er sich erfrischt, und die ganze Energie seiner Seele erwachte. Wohin sollte er sich aber zunächst wenden? Allein vermochte er nichts; aber er konnte den Weg aufspüren, den die Räuberbande genommen und sich versichern, wen sie mitgeschleppt habe. Schon schickte er sich an, den traurigen Schauplatz des Unglücks zu verlassen, als von fern Geräusch nahender Männer in sein Ohr drang. In der That erblickte er bald auf der Höhe, die das Thal abschloß, Männer eilends herannahen und zwar in ziemlicher Anzahl. Einige vom Pilgerzuge hatten sich rechtzeitig geflüchtet und waren nach der nicht mehr fernen Kreisstadt geeilt, um die Kunde von dem Unfall zu bringen und mögliche Hülfe aufzurufen. Sie fanden das Städtchen mit Menschen überfüllt, da bereits mehrere Pilgerzüge angelangt waren, aber auch in großer Aufregung. Denn die syrische Bande hatte schon mehreren Zügen ein gleiches Schicksal be- 27*