Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 27 (1.7.1884)
- Date
- 1884-07-01
- Page
- Seite 425 (sequence 5)
- Language
- German
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425 die Legislative für wirksame Mittel zu sorgen hat. Was würde ans der ungarischen Gesetzgebung werden, wenn so wie jetzt in das Abgeordnetenhaus die Antisemiten-Partci ihren Einzug hält, in Folge des Lärmcns einiger Agitatoren mit Benützung der in einzelnen Gegenden etwa herrschenden Verhältnisse, antikatholische, antiprotestantische und dergleichen Parteien entstehen und ihren Platz im Abgeordnctenhausc fordern würden? Wohin würde dies führen? Der konfessionelle Friede ist für jeden Staat so hochwichtig, daß die Legislative stets die Sorge für die Wahrung desselben tragen muß. In der ungarischen Legislative besitzt die Partei der religiösen Intoleranz keine Berechtigung und die Idee des Liberalismus, wie auch die Reputation der Nation und die Ruhe der Staatsbürger verlangen von der liberalen Partei, der nun bereits zum vierten Male das Vertrauen der Nation zutheil wird, daß sie gegen die unter dem Namen „Antisemitismus" bekannte Seuche Vorkehrungen treffen werde. Mag Jedermann individuell irgend eine Konfession wie immer Haffen, doch möge dafür gesorgt werden, daß dies stets das individuelle Gefühl des Betreffenden bleibe, daß unter den Parteien der Legislative die religiöse Intoleranz als besondere Partei ihren Platz nicht einnehmen dürfe und daß anläßlich der Wahlen das Predigen vom Haffe gegen irgend! eine Konfession kein Gegenstand in Programm- und in anderen Reden sein könne." (Demungcachtet können wir 17 gegen mehr als 450 Abg. nicht für gefährlich halten, sobald die letzteren aufrichtig die liberalen Grundsätze vertheidigen. Hier — nicht in jenen l 7 — liegt der Kernpunkt. Wir bleiben dabei, daß wir eine viel größere Zahl antisemitischer Abg. erwarteten, bei der großen Aufhetzung des Volkes, bei der Lauigkeit der i Liberalen und bei der völligen Passivität der Juden, die sich! zu irgend welcher energischen Bertheidigung nicht aufraffen, j Redakt.) Äus der fünften Rabbinerversammlung. Das Präsidium der Versammlung hat soeben einen „Vorläusigen Bericht" (Berlin, Mayer und Müller, 1*84) ausgegeben. Wir haben jedoch aus demselben dem Referate unseres Berichterstatters in vor. Nr. nichts weiter hinzusügen, als die veränderte, von der Versammlung einstimmig angenommene „Erklärung", die wir früher im Entwürfe mit getheilt hatten. Sie lautet: „Im Namen und unter dem Beistände des einig-einzigen Gottes erklärt die Versammlung deutscher Rabbiner gegenüber den Verunglimpfungen, welche Haß und Borurtheil in den letzten Jahren aus die Sittenlehre des Judenthums gehäuft haben, was folgt: „Das Gebot der Nächstenliebe, welches im 3. Buch Moses, Cap. 19, V. 16 mit den Worten: „Und du sollst lieben deinen Nächsten wie dich selbst, ich bin der Ewige'." verkündet, und von Hillel, dem großen Meister, als Inbegriff der ganzen jüdischen Lehre bezeichnet wird, bezieht sich nicht allein auf den Stammes- oder Glaubensgenossen, sondern ist ebenso wie das daselbst C. 24, B. 22 verkündete Gebot der Gerechtigkeit-. „Ein Recht sei euch, der Fremde sei wie der Eingeborene, denn ich bin der Ewige, dein Gott," eine uneingeschränkte, alle Menschen umfaffendc Satzung." „Jeder, der sein Menschenthum damit bekundet, daß er Gerechtigkeit übt, Liebe bethätigt und in Demuth wandelt vor Gott, gilt, auch wenn er in einem anderen Bekenntniß geboren ist, dem Judenthume als wahrhaft fromm, und ist der ewigen Seligkeit theilhaftig nach dem in das jüdische Bewußtsein eingedrungenen talmndischen Aussprüche: „Auch die Frommen der Völker haben Antheil au der ewigen Seligkeit." " > „Diese Lehrsätze sind die Grundbestimmungen für die Stellung des Judenthums den Andersgläubigen gegenüber. Wenn indessen in dem Jahrtausende umfassenden jüdischen j Schriftthume hie und da Sätze sich vorsinden, welche diesen Grundprincipien nicht entsprechen, so sind dieselben als Meinungen Einzelner zu betrachten, oder sie sind durch den Druck der Zeiten hervorgerusen und haben keine verbindende Kraft." Literarischer Wochenbericht. Bonn, 18. Juni. Wir haben schon öfter die Ansicht ausgesprochen, daß cs gewisse große Partien der Weltgeschichte giebt, welche in unbefangener und vorurtheilsloser Weise nur nach den Thatsachen und der wahren Bedeutung, die diesen cinwohnt, vorzugsweise von einem jüdischen Geschichtsschreiber behandelt werden können, wenn derselbe die genügende Ausdauer und Umsicht der Forschung und die Gabe der Darstellung besitzt. Wir rechnen hierzu besonders die Geschichte der religiösen Kämpfe innerhalb des Christenthums, jener folgenreichen Epochen, in welchen die religiösen Parteien entstanden, zwischen denen die geistigen und weltlichen Waffen ’ noch heute nicht niedergelegt wurden, deren Streit und Hader noch in der Gegenwart fortdancrn. Der Jude hat an diesen keinen anderen Antheil, als den der Beobachtung der großen Entwickelung der Menschheit, einer Entwickelung, die durch beide Parteien, deren innere und deren gegeneinander gerichtete Bestrebungen hindurchgcht und gefördert rvird. Er tritt auf den geschichtlichen Boden, auf welchem die Ereignisse vor sich gingen, an diese ohne Borurtheil, ohne Voreingenommenheit für die eine wie für die andere Partei, und j vermag so in beiden die gesellschaftlichen und sittlichen Motive