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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1884-07-01 · Heft 27 (1.7.1884) · p. Seite 423

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
48 (1884)
Issue
Heft 27 (1.7.1884)
Date
1884-07-01
Page
Seite 423 (sequence 3)
Language
German
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423 dem Wahlkampfe als Sieger hervor. Es fehlte nicht viel,! so wäre auch der Antisemit Jul. Psik in Kaposvar durch-! gedrungen, er erhielt 1231 Stimmen. Was aber Niemand j erwartete, Niemand zu erwarten auch nur wagen durste, ist,; daß Julius Verhovay, der wegen Defraudation noch heute in Untersuchung steht, der vorige Woche in Mako, wo er eine aufreizende Rede hielt, behördlich ausgewiesen und als er I dagegen protestirte, durch eine Militär-Abtheilung aus der Stadt abgeschoben wurde, daß dieser Mensch in einem hauptstädtischen Bezirke 146 Stimmen erhielt, daß selbst Berhovay in Ezegled, seinem früheren Wahlorte, einstimmig zum Reichstagsabgeordneten gewählt wurde. Bis heute sind vierzehn Antisemiten zu Reichstagsabgeordneten gewählt; daß Jv. Simonyi in seinem früheren Wahlbezirke durchdringen wird, ist außer Frage und wer weiß, wie viel Sitze dieser Partei noch zufallen werden? In ihrer Siegesgewißheit halten die Herren schon jetzt die empörendsten Hetzreden. Was Verhovay vorige Woche im 9. Bezirk der Hauptstadt in einer von Tausenden besuchten Bolksoersammlung über Juden und Judenthum alles gesagt hat, ungestört sagen durfte, läßt sich kaum wiedergeben. Onody erkürte vorgestern in einer antisemitischen Parteiversammlung in Nyiregyhaza alle politischen Parteien des Landes als Sklaven der Judcnmacht, nur die Antisemiten streben das Wohl des Landes an. Eine Race, welche gleich den indianischen Kannibalen Menschenfleisch verzehrt, verdiene keine Rechtsgleichheit; den 1867 er staatsrechtlichen Zustand hätten die Juden geschaffen, ebenso hätte Judenlist den. deutschen Kulturkampf hervorgerufen. Das Mittelschulen-1 gesetz, welches die Autonomie der ungarischen reformirten und katholischen Kirche beschränke, das für die Gewerbetreibenden ruinöse Gewerbegesetz seien vom jüdischen Einfluß erzeugt. Wir sind froh, daß bei solchen Hetzreden das Volk noch ruhig blieb. In einzelnen Orten waren nach den Wahlen Judenhetzen geplant, sie wurden wie z. B. in Rosenberg zwar vereitelt, doch hält die erbitterte Stimmung gegen die Juden dauernd an. In Mattersdorf und Bösing wurden den Juden, als sie für den liberalen Abgeordneten stimmten, die Fenster eingeworfcn. Dem Judenhasse siel auch der wackere Eötvös zum Opser, trotz aller Anstrengungen seitens seiner jüdischen Wähler, unterlag er in der Elisabethstadt so gut wie in Veßprim. Der jüdische Abgeordnete Moritz Wahrmann, Karl Svab und Paul wurden in ihren früheren Wahlbezirken wieder gewählt. Franz Chorin siegte in Arauyos Mcdgyes mit 1401 Stimmen, Ludwig Krauß in Szt.-Endre mit großer Majorität. Hingegen fiel Ernst Mezcy in Miskocz. Frcistädtler und vr. Glück wurden nicht gewählt. Im Ganzen traten dieses Mal 15 Juden als Reichstagskandidaten auf. Nachbemerkung der Redaktion vom 18. Juni. Wir stimmen nicht ganz mit der Anschauung überein, welcher unser gesch. Corresp. über die Reichstagswahlen Ausdruck giebt. Wir glauben vielmehr mit den Resultaten zufrieden sein zu können. Denn 1) sind dieselben mit sehr geringer Ausnahme in vollkommener Ruhe, ohne alle Ausschreitungen vor sich gegangen, während doch vorher große Besorgniß herrschte, und die Antisemiten überall wühlten und hetzten. 2) Haben die Liberalen d. i. die Regierungspartei, also die des Ministeriums Tißa, eine verhältnißmäßig bedeutende Majorität allen übrigen Parteien zusammengenommen gegenüber erhalten, und steht somit zu hoffen, daß Tißa, von Neuem in seiner Machtstellung durch die Volkswahl befestigt, mit Energie jedem Versuche, das Prinzip der Gleichstellung legislatorisch anzutasten oder gar Aufstände gegen die Juden zu organisiren, entgegentreten werde. 3) Sind 5 Israeliten aus der Wahlurne und zwar mit großer Stimmenmehrheit hervorgegangen. Endlich 4) mögen immerhin (bis heute) 17 Antisemiten gewählt worden sein, also sich von 6 auf 17 vermehrt haben; so erinnere man sich, mit welcher Siegesgewißheit Jstoczy verkündet hatte daß er mit einer großen Mehrheit antisemitischer Abgeordneter in den Reichstag eintreten und diesen zu judenfeindlichen Akten zwingen werde, und wird die unter 392 Abgeordneten 20 Köpfe zählende Fraktion keinen Einfluß auf den Reichstag gewinnen können, wenn man sich auch wieder auf eine Fluth von Schmähreden gefaßt machen muß, an die sich jedoch mit der Zeit Hörer und Leser so gewöhnen, daß sie unbeachtet bleiben. Pest, den 18. Juni. Seit vorgestern sind noch drei antisemitische Abgeordnete: Ivan Simonyi, der Redacteur des „Westungarischen Grenzboten", in Ungarisch-Altenburg, Jos. Beres in Oroshaza und der auch in deutschen Blättern rumorende Professor Karl Nendtvich, gewählt. Bis jetzt beträgt ihre Zahl 17; mindestens werden dieses Mal zwanzig antisemitische Abgeordnete im Abgeordnctenhause erscheinen. Auch Otto Herrmann, der nicht zu den Antisemiten gezählt werden will, auch Peter Tobranßky, der ebenso antisemitisch wie antimagyarisch ist, und der Abt Göndöcs sind wieder gewählt. Die Antisemiten bilden fortan eine Fraction, die dem Lande theuer zu stehen kommen wird. Sie werden nunmehr ihre Anträge stellen und die Judenfrage immer mehr in Fluß bringen. Wer wird den Antisemiten im Reichstage entgegentreten? Tie jüdischen Abgeordneten? Diejenigen, welche seit Jahren dem Hanse angchören, haben geschwiegen, als noch Jstoczy allein Juden und Judenthum beschimpfte; sie werden jetzt, wo sie einer ganzen Partei gegcnüberstehen, gewiß schweigen, und die ucugcwählten, der Kaufmann Ludwig Krauß und der hauptstädtische Advokat, vr. Alexander llllmann, welcher 27*

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