Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 27 (1.7.1884)
- Date
- 1884-07-01
- Page
- Seite 422 (sequence 2)
- Language
- German
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422 hören und still zu schweigen. Die Gemeinde hört die Gestimmt war. Wenn dieser Gottesdienst nur in einer Ansprache bete vom Borbeter und Chor vortragen, hört die Verlesung seitens des Rabbiners oder Lehrers bestand, so verlor er der Thora und Haphtora, hört Lieder in vierstimmigem! bald wieder seinen Reiz. Nach unsrer Ansicht muß dieser Gesang und hört die Predigt und die bez. Gebete des Prc- ' Gottesdienst sür die Jugend in Gebet und Lied, einer Katechidigers. Sie kann all' diesen Borträgen, soweit sic im Ge-! sation und einer kurzen Ansprache bestehen. Nicht bloß das betbuche abgedruckt sind, mit den Augen folgen oder sie auch! Lied muß einstimmig von der versammelten Jugend gesungen leise für sich mitsprechen. Diese Nichttheilnahme der Gemeinde! werden, sondern auch bald der eine, bald der andere dazu an dem lauten Ausspruch aus Herz und Gemüth, läßt sie! angeleitetc Jüngling oder Knabe die Gebete vortragen, welche kalt, sogar geistig unbetheiligt, und selbst der Gesang des! Chors und die Orgelbegleitung wird oft nur zum sinnlichen! Reize. Hierin scheint uns ein großer Mangel in der neuesten - Gestaltung unseres Gottesdienstes zu liegen. Es ist das Be-1 dürfniß des Menschen, sich selbst im Gottesdienste auszu-> sprechen, die Gefühle seines Herzens dadurch anzuregcn, zn^ erwärmen, zu erheben, und Jeder, der früher noch dem; alten Gottesdienste beigewohnt, weiß, daß es nicht weniges Stellen der Liturgie gab, in welcher sich das Gemüth der Beter zu einer wahrhaft heiligenden Gluth der Andacht ent-! zündete und sich von den Gefühlen der Weihe und der! Gottesverehrung durchschauert fand. Hierauf muß die ernste! Aufmerksamkeit derer gerichtet werden, welchen die Leitung! und Einrichtung des Gottesdienstes obliegt. Wir unserer-! seits sprachen dies schon in den vierziger und fünfziger! Jahren wiederholt aus und waren stets der Ansicht, daß die! überkommenen hebräischen und die eingeführten deutschen Ge-! bete in Responsen zwischen Borbeter und Gemeinde vertheilt und! der einstimmige Gesang eingeführt und mit aller Anstrengung! gepflegt werden müsse. Selbstverständlich dürfen die in den j Responsen der Gemeinde zuertheilten Sätze nicht lang sein und! man könnte dafür gewisse einfache Melodien verwenden, wie! z. B. eine solche im Hamburger Tempel für das Halle! verwendet! wurde. Es mögen hierbei mancherlei Schwierigkeiten zu überwinden sein; das Recitiren der Sätze durch die Gemeinde wird musikalisch sehr ungenügend sein — aber die dadurch inner-! halb angemesiener Grenzen wiederhergestellte Theilnahme der j Gemeinde am Gottesdienste selbst wird von außerordentlichem! Nutzen für die Beter und hiermit für den Gottesdienst selbst j sein. Endlich wird dies das Mittel abgeben, um auch für , kommende Zeit das Interesse am hebräischen Gebet zu erhalten,' das bei der jetzigen Form des verbesserten Gottesdienstes in! dem aufwachsenden Geschlechts gänzlich erlischt. Hiermit haben wir nach unserer Meinung auch das! Hauptmoment in der Einrichtung des besonderen Gottesdienstes für die Jugend, sei es am Sabbath-Nachmittag oder am Sonntag-Bormittag berührt. Die Theilnahme der Jugend an demselben muß durch die Mitthätigkcit der Jugend selbst geweckt und genährt werden. Wir glauben sogar, daß die an mehreren Orten erfahrene, nach kurzer Zeit eingetretene Gleichgültigkeit sür denselben darin ihren Grund hatte, daß die besuchende Jugend ebenfalls unbeschäftigt und nur zum Zuhören bein Responsen abgethcilt seien, so das; die jugendliche Ge meindc auch ihren Tb,eil daran hat. Die Katechisation, die selbstverständlich nicht zu sehr ausgedehnt sein darf, verlaufe so, daß der Geistliche oder Lehrer eine Frage aus dem religiösen und sittlichen Gebiete, wohl auch aus dem Bereiche der Geschichte, Liturgie und selbst der Bibclexegcse aufstellt, die Beantwortung frei aus der versammelten Jugend fordert und dann in sokratischer Weise fortführt, und hieran schließlich eine bündige und eindringliche Ansprache fügt. Auf diese Weise wird das Interesse der versammelten Jugend aufs Lebhafteste geweckt und erhalten, die Selbstthätigkeit der Seele mit der Belehrung verbunden und ein gewisser Wetteifer entzündet, der die geistigen Kräfte entwickelt und der Jugend Befriedigung einflößt. Mögen diese aus der Erfahrung geflossenen Bemerkungen nicht bloß gelesen, sondern thatkrästig zur Ausführung gebracht werden. Die Wahlen in Ungarn. Pest, den 16. Juni. Die selbstbewußten Sicgesfansaren einiger regierungs- und judenfrcnndlichen Blätter, daß die Regierungspartei wesentlich gestärkt aus der Wahlurne hervorgchcn und die Antisemiten-Partci ihre Wahlbezirke verlieren werde, ist verfrüht gewesen. Der Wahlkampf ist dieses Mal ein so erbitterter, wie er es noch nie gewesen, und das Resultat, wie es sich bis heute, nach den ersten drei Wahltagen, zeigt, ein wenig erfreuliches. Die antisemitische Pest hat, wie die statigefundencn Wahlen deutlich ergeben, in Ungarn weit um sich gegriffen. Die Führer der Antisemiten, welche schon früher im Reichstage eine Stätte gefunden, nehmen ihre Sitze wieder ein: Bictor Jstoczy wurde in Rum, Geza Onody einhellig in Nanas, Karl Szalay mit 1772 Stimmen in Csurgo, Em. Szalay mit 1024 Stimmen in Lengyeltot, Sigmund Csatar einstimmig in Csongrad und A. Badnay mit großer Majorität im Tapolzaer Bezirke wiedergewählt. Aber nicht allein die früheren Antisemiten haben gesiegt, es sind der Fraction auch noch neue und junge Kräfte zugewachsen. In Bößörmeny ging ein gewisser Jul. Margitaü, ein wüthiger Judenfeind, in Wartburg Franz Rath, in Fülüpßallos Geza Racz, in Szakes Paul Csuzy, in Szenitz Jgn. Zimandy aus