Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 26 (24.6.1884)
- Date
- 1884-06-24
- Page
- Seite 416 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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416 wandern muß und wer weiß „was man noch werden" kann! Halten wir uns einstweilen an dem Prozesse selbst und sehen wir uns den „muthigen" Bürstenfabrikanten und Antisemiten Maaß an, wie er sich vor dem Forum des Strafgerichtes vertheidigt, bester gesagt, ex officio vertheidigen läßt. Mit einem Pincenez bewaffnet, den Arm wie ein großer Gelehrter mit Büchern beschwert, betritt Herr Maaß den Sitzungssaal; ihm zur Seite die harmlose Figur des Herrn Jean Trapp. Stolz, wie ein Mann, der aus seinen Lorbeeren ruht, läßt Herr Maaß sich nieder, und bemustert die Anwesenden, die seinen „Ruhm" zu vernehmen begehren. Jetzt treten die Mitglieder der Strafkammer ein und die Verhandlung beginnt. Maaß und Trapp beantworten die Generalfragen und da vernimmt man denn, daß Maaß bereits wegen Gewerbesteuerkontravention bestraft ist und daß er in einer Beleidigungssache, worin er vom Schöffengerichte zu 8 Tagen Gesängniß verurtheilt worden, Berufung eingelegt hat, die in nächster Woche die Strafkammer beschäftigen wird. Trapp, bereits 47 Jahre alt, hat sich gut geführt und nur wegen Preßvergehens bis jetzt zwei kleine Geldstrafen erlitten. Nachdem dieser wichtige Moment vorüber, wird die Anklageakte verlesen, an welche sich der Bortrag des Inhaltes eines Plakats, einer Abonnementseinladung und dreier Heftchen der „Jsaakiade" anschließt. Diese Letztere, die in einem schauerlichen Deutsch und noch gröberen Knittelversen geschrieben, erregt allgemeine Heiterkeit, weil es doch gar zu drollig ist, derartige Gemeinheiten in einer solchen Fassung, die humoristisch-satyrisch sein soll, aufgetischt zu bekommen, und gar um dadurch aufgeklärt zu werden. „Wahrhaftig, wenn man da König wär' im Land, dann decorirte man gewiß nur den Verstand!" Die Verlesung ist zu Ende und der Herr Vorsitzende fragt den Bürstenfabrikanten, wer denn der eigentliche Berfaster dieses poetischen! (wer lacht da?) Ergustes sei. Und der Bürstenfabrikant, der sich für einen Märtyrer der „Judenhetze" halten mag, sagt: „Nein, den Namen des „Schriftstellers!!!" nenne ich nicht!" Und darauf hingewiesen, daß er früher sein Werk dadurch motivirt habe, daß er dasselbe herausgegeben, weil er durch die Concurrenz, den Wucher und die Jntriguen der Juden soviel gelitten, und daß er Rache habe nehmen wollen, da sagt der wahrheitsliebende Antisemit; „Nein, das habe ich nicht so gesagt, mein Motiv war „die Völker aufzuklären" (!!!). Zwar habe ich auch „ein Geschäft" machen wollen und schon Jahre lang (!) trug ich mich mit diesem Plane." Der schöne „Bolksaufklärer", der ein Geschäft aus „Liebe zur Menschheit" machen wollte, hatte sich daraufhin mit einem „Bekannten" in Verbindung gesetzt, dieser „schmiedete" Verse, und Herr Maaß rannte von einem Drucker zum anderen, um das „große Geistesprodukt" (!) durch Guttenbergs Kunst für alle Zeit zu sichern. Aber hier stieß er auf Menschen, die aufgeklärt genug waren, derartige Aufklärungen in ihrer Offizin nicht verbreitungsfähig zu machen und Herr Maaß zog gewiß betrübten Herzens ab. Ta entdeckte er endlich auf seiner Irrfahrt den Herrn Buchdruckereibesitzer Jean Trapp und dieser, von dem voraussichtlich glänzenden Verdienst ganz geblendet, gab seine Zusage; „der ewige Jude" hatte endlich eine „Geburtsstätte" gefunden. Herr Trapp aber, der als Pathe des „ewigen Juden" fungiren sollte, merkte bei Zeiten, daß etwas nicht richtig sei und weigerte sich daher als Drucker aufzutreten. Es kam deßhalb ein „Miethvertrag" nach Maaß pro forma, nach Trapp wirklich zu Stande. Trapp überließ Maaß seine ganze (!) Druckerei für die Dauer von 36 Stunden gegen eine „Vergütung" von 27 Mk. 50 Pf. Nun ging es frisch an's Werk und von der Stirne heiß, rannte der Schmeiß, 5000 Stück „ewige Juden" erblickten das Licht der Trapp'schen Buchdruckerei, und von dort gingen sie, mit der Druckfirma „Maaß jun." hinaus in die Welt, um ihre hohe Mission „Volksaufklärung" zu erfüllen und dem Herrn Maaß den Beutel zu füllen. Aber — was du auch thust, thu' es klug und bedenke das Ende. — Die Antisemiten schwammen in einem wahren Wonnemecre, als die «Aufklärungsheftchen", in leicht verdaulicher Sprache geschrieben, zu den Volksklasten redeten. Bald war das 1. Heft vergriffen und rüstig ging's an's zweite. Auch dieses erfüllte so ziemlich seine Aufgabe und Numero 3 kam an die Reihe. Als aber dieses im Druck war, erschien es dem Bürstenfabrikanten Maaß selbst denn doch etwas gar zu gemein und er stellte deßhalb nach einem Abdruck von 6—800 Stück die weitere Anfertigung ein. Trapp, ein alter Buchdrucker, will den Inhalt des Schriftchens gar nicht gekannt haben, obschon er die Correctur desselben gelesen. Aber wer könnte noch zweifeln, wenn der Buchdrucker Trapp uns im neunzehnten Jahrhundert sagt: „Wir lesen den ganzen Tag und können doch nicht alles behalten; wenn ich Correctur lese, so lese (warum nicht „buchstabire") ich jedes Wort, ohne auf den Sinn zu achten." Eine schöne Lesereil Es wäre nur zu verwundern, wenn das Trapp'sche Etablissement bei solch' weisem Verfahren noch etwas anderes als Makulatur druckte und die Metzgerläden nicht stets mit Wurstpapicr versorgte! Trotz dieser Leserei scheint „die Jsaakiade" doch so ziemlich fehlerfrei (!) in die Welt gegangen zu sein, wenn sie auch gerade nicht so fehlerfrei vor den Schranken des Gerichts bestehen konnte. Doch kommen wir endlich zur Hauptsache! Nachdem Vorstehendes erledigt, tritt der als Sachverständige vor die Strafkammer citirte Professor und Doctor der orientalischen Literatur, Herr Joh. Gildemeister aus Bonn, vor den Tisch um sein Gutachten über 42 in der „Jsaakiade" enthaltenen Sätze abzugeben. Herr Gildemeister, ein würdiger 71 jähriger Greis und eine Größe auf dem Gebiete der orientalischen Sprachen, bestätigt in einem längeren,