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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1884-06-17 · Heft 25 (17.6.1884) · p. Seite 399

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
48 (1884)
Issue
Heft 25 (17.6.1884)
Date
1884-06-17
Page
Seite 399 (sequence 11)
Language
German
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399 Rußland. Aus Rußland, 29. Mai. (Privatmitth.) Wenn anläßlich der vielen hie und da in jüngster Zeit vorgekommenen Merkmale nicht anders als anzuerkennen ist, daß bei Ihnen in Deutsche land die Hochfluth des Antisemitismus mehr und mehr auf die Neige geht, so sind dagegen bei uns in Rußland viele Symptome vorhanden, welche uns zeigen, daß die antisemitischen Wogen geradezu noch in stetem Steigen begriffen sind. Aus die Reihe systematisch auf einander folgender Brutalitäten und Gewaltthaten, unter welchen unsere Glaubensgenossen während der letzten Jahre zu leiden hatten und vermittelst deren die derzeitigen Lenker unserer innern Politik das uralte Problem der Judenfrage auf sogen, „volksthümliche" Art zu lösen wähnten, hat nunmehr, seit nicht langer Zeit, am Horizonte der scheußlichen Judäophobie eine neue Aera begonnen, — die Aera raffinirtester Einschränkungen und Verfolgungen, gleichsam „auf gesetzlichem Wege'", von denen einige frischgebackene, neuerer Fa«,-on, die meisten jedoch schon lange dagewesene, aus der „alten, guten Zeit" wachgcrufene und für die gegenwärtige antisemitische Periode etwas modernisirte „Ossrot" sind. Solche Einschränkungen unserer Glaubensgenossen aus Schritt und Tritt, in sämmtlichen Sphären ihres ohnehin engen Wirkungskreises im öffentlichen Leben, gehören bei uns noch immer ä l’ordre du jour und werden von so manchem „patriotischen" Gewalthaber, der sich anscheinlich auf diesem Wege unsterblich machen will, mit solch' wirklich peinlichem Eifer in Anwendung gebracht, der allzuoft ins Lächerliche und Absurde ausartet, uns aber nichtsdestoweniger als treffliche Illustration dienen kann, in welch' schwüler und nahezu erdrückender Atmosphäre das Leben der russischen Juden sich gegenwärtig bewegt. So hat z. B. neulich das Polizeiamt von Lodz (Polen) eine wahrhaft „wichtige" Erfindung im antisemitischen Stile gemacht, indem dasselbe mittelst polizeilichen Erlasses sämmtlichen Inhabern von Geschästslokalen und Etablissements zur strengsten Pflicht macht, alle an den resp. Läden sich befindende Aushängeschilder mit etwaigen hebräischen Lettern gänzlich zu vernichten! Wahrlich, Lächerlicheres und Sinnloseres als eine solche Neuerung könnte kaum der Gehirnapparat eines Antisemiten erdenken, und es wäre wirklich begehrenswerth zu erfahren, von welchen politischen oder auch logischen Motiven die „weisen" Polizeimänner von Lodz zu dem Erlasse dieser ihrer nicht minder „weisen" Reform sich leiten ließen, da es doch in ihrem Berwaltungsrayon gewiß viel wichtigere Angelegenheiten giebt, denen sie ihre Aufmerksamkeit zuzuwendcn hätten. — Die Kiewer Polizei, welche gewöhnlich im Ausfinden uralter, wie auch zugleich im Schaffen neuer „Gserot" für Juden als erste Tonangeberin dienen kann, hat dieser Tage vier jüdische Bethäuser geschloffen. Als triftige Gründe dafür dienten: für die ersten zwei, das Nichtbeobachten einiger nichtiger Formalitäten beim Ueberführen dieser Bethäuser aus einem Locale in das andere; das Zuschließen der letzteren zwei war jedoch dadurch hcrvorgerufen, daß dieselben zufälligerweise in einer Entfernung von nur 96 Faden von einer sich im Bau befindlichen rechtgläubigen Kirche stehen, deren Bau jedoch erst nach zwei Jahren vollendet sein wird, während nach dem Gesetze ein jüdisches Bethaus 100 Faden von einer Kirche entfernt sein muß! — Apropos zu Kiew. Bekanntlich wurde vor Kurzem von dem Profefforen-Conseil der dortigen Universität eine Verfügung getroffen, wonach von jetzt ab als Norm der Studirenden jüdischen Glaubens für alle Curse der medicinischen Facultät ein Maximum von 10 Procent festgesetzt ist. Da diese weisen Männer der Wissenschaft auch noch anderweitig für ihr antisemitisches Vorgehen Propaganda machten, so rief daffelbe, wie bekannt, fast gleich darauf eine gleiche Verfügung auch an der Charkower alma mater hervor. Wie sich aber gegenwärtig herausstellt, haben die alten Herren die Rechnung ohne den Wirth gemacht; denn als genannte Verfügung, behufs Erlangung der behördlichen Sanction, dem Ministerium der Bolksaufklärung unterbreitet wurde, fand daffelbe es für nöthig, dieses Project einer nochmaligen Durchsicht zu unterziehen, und zu diesem Zwecke wurde es an die Judenkommission überwiesen, wo daffelbe hoffentlich oder bis auf den jüngsten Tag ganz ruhig, wie so manches andere „heilbringende" Project, liegen bleiben wird. — In Schitomir (Volhynien) wäre vor Kurzem das Kind eines Juden fast zum Opfer eines scheußlichen Aberglaubens gefallen. Einem dortigen Juden, Namens Wassermann, war eines Tages seine zweijährige Tochter spurlos verschwunden. Nach vielem vergeblichem Suchen wurde die Vermißte aus Angabe eines Bauers schon fast erstickt bei einem christlichen Schuhmacher aufgefunden. Wie es sich nachher herausstellte, wurde das an ihr verübte Verbrechen zu dem Zwecke begangen, um aus dem Blute des gestohlenen Judenkindes ein Medicament für die Frau des Thäters, welche kinderlos ist, zu bereiten. — Wenn aus einigen Entscheidungen, welche vom dirigirenden Senate zu Gunsten einiger Juden bei deren Beschwerdeführen über barbarische Anwendung der „Maigesetze" von Jgnatjew getroffen wurden, für die bctr. Beamten anscheinlich doch deutlich genug erhellen könnte, wie man in hohen Sphären diese Gesetze betrachtet, fahren indessen, Tank der gegenwärtigen Strömung und der täglichen Hep-Hcp- Rufe unserer Presse, diese und namentlich die rohen Unterbeamten der Landcspolizei systematisch fort, immer neue Ausweisungen der Juden, und dabei in grausamster Art, aus solchen Dörfern zu veranstalten, wo schon ihre Ureltern sich angesiedelt haben, und wodurch natürlich der völlige Ruin 25*

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