Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 24 (10.6.1884)
- Date
- 1884-06-10
- Page
- Seite 376 (sequence 4)
- Language
- German
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376 geschlecht ihnen zustrebt und zureist. Wir dürfen uns nicht' auf einen nahen und Alles überwindenden Sieg der Huma-! nität und des Rechtes vertrösten, wohl aber auf die fort-! schreitende Entfaltung des Menschengeistes, der zwar die allgej gemeinen Grundsätze vor Jahrtausenden anerkannte, jedoch j langsam in deren Verwirklichung vorwärts kommt, aber sicher durchdringt, weil es in der Natur der Dinge liegt, daß aus | anerkannten Grundsätzen die Consequenzen folgen müssen,; und jede erreichte Consequenz andere, weiter gehende nach sich zieht.! Unter dem Wehen dieses Geistes, unter der fortschreitenden Lösung des großen Problems erscheint der Antisemitis-! mus vom höheren Gesichtspunkte aus so kleinlich, so blödsinnig, so sehr aus der befangensten Einseitigkeit und Engherzigkeit entspringend, daß die Zeit, in welcher eine solche Strömung ein breiteres Bett einnimmt, als vom Mangel an aller höheren Intelligenz und sittlichen Kraft sich darstellen könnte. Allein man muß erwägen, daß es in einem gegebenen Zeitpunkte vorzugsweise die Schreier und Lärmer sind, welcke die öffentliche Anschauung verfälschen und durch ihr Toben und grobes Gebühren der Welt weiß machen, daß sie die Ansicht und Richtung derselben vertreten und zum Ausdruck bringen. In der Periode des absolutistischen Staates schlief der im Mittelalter so blutig thätige Anti-, semitismus oder richtiger Judenhaß. Auf dem Boden der! alten Gesetzgebung waren die Juden ausgeschloffen aus dem öffentlichen Leben und im bürgerlichen Leben in eine kleine, eng umgrenzte Ecke gestoßen. Da konnten sie wenigstens ruhig und in den gezogenen Grenzen sicher; verweilen. Mit dem Einzuge der liberalen Ideen in die Gesellschaft mußte sich dies ändern, und so schwere Kämpfe , es auch kostete, das Princip der Gleichberechtigung vor! dem Gesetze, welches als eines der Fundamente des modernen Staates unentbehrlich war, zog auch nothwendig die Gleichstellung der Juden nach sich. Aber abseitens dessen, was sich im Großen entwickelte, sobald der Nationalitätengeist erwachsen und erstarkt war, und es sich dann zu Zeiten traf, daß die Nation sich in unzufriedener Stimmung, in einer Enttäuschung über die realen Früchte des nationalen Ausschwungs befand, suchte man immer nach einem Prügelknaben, man fragte, wo die Schuld der vorhandenen Uebel stände gelegen sei, und immer traf es sich dann, daß der alte Judenhaß wieder erwachte und in den Juden die Ursache aller Mißverhältnisse suchte und fand. So war es 1820 in Deutschland, als das erstarkte Nationalbewußtsein nach den Befreiungskriegen eine arge Enttäuschung erfuhr; so 1848 in Ungarn, als die ungarische Nation nicht schnell genug sich zum Siege gelangen sah; so 1878 als nach den großen Siegen und einem zeitweiligen mächtigen, aber doch innerlich kraftlosen Aufschwung der Industrie und Finanz Zerrüttung, Unzufriedenheit und Rückgang sich bemerklich machten. Da war es immer das allzu stark betonte nationale Bewußtsein, welches sich auf die Juden warf, in Selbstverblendung die wahren Ursachen der augenblicklichen Störung nicht sehen wollte und die seit Jahrtausenden mit dem deutschen Volke verwachsenen Juden als fremdes und feindliches Element bezichtigen und ausstoßen wollte. Schließlich erfand man die Bezeichnung „Semiten" für die Juden und für die feindselige Gesinnung „Antisemitismus." Für all' die häßlichen Triebfedern, die dabei mitspielten, suchte man einen schützenden Borwand, eine vermeintliche Erklärung und Entschuldigung darin, daß die Juden ein gesondertes, fremdartiges Volkselement seien, das sich mit der Nation nicht amalgamircn wolle und könne und dieser deshalb unangenehm, lästig, ja gefährlich sei. Daß dies Alles ein Auswuchs des sich selbst überhebenden und irregeleiteten Nationalbewußtseins ist, wird man gerade zu unserer Zeit leicht er- . kennen können, wo, wie niemals zu einer anderen, in den ' Juden das Streben vorherrscht und zu großem Theile erfüllt j ward, in die Nation, in ihren Geist, ihre Bildung, ihre > Interessen, ihr Streben und Erreichen aufzugehen. am National-! werke nach allen Seiten hin, an patriotischer Wirksamkeit, j an den Fortschritten der Cultur nach allen Richtungen sich zu betheiligen und wesentlich für sich nichts weiter zu behalten als ihr religiöses Bekenntniß. Nun lese man den am Anfang des ersten Artikels citirten Brief des Dichters Scheffel noch einmal, und man wird unser Uriheil gerechtfertigt finden, daß die von ihm geäußerte Ansicht ebenso engherzig, wie kleinlich und einseitig ist. „Abstammung, Blut, Bolkscharakter und Bolkssitte" — der Dichter vergißt Eines, und zwar das Eigentliche: das aus alter Vergangenheit immer wieder und auch in unserer Gegenwart gehegte und gepflegte Borurtheil gegen die Juden, den von Kindesbeinen an und namentlich in den Schulen und besonders im Religionsunterrichte geweckten und erhitzten Judenhaß! Hierin liegt die Ursache, daß die antisemitischen Agitatoren so schnell und fühlbar die Gemüther des Volkes ergreifen und selbst sonst einsichtsvolle Köpfe mit ihrem giftigen Nebel erfüllen konnten. Abstammung, Blut — wie viele aus diesen dunklen Begriffen hergeleiteten Antipathien sind schon verschwunden. Bolkscharakter, Volkssitte, wie verschieden sind sie in einer großen Nation, ohne die einzelnen Stämme zu verfeinden, und wie sehr schleifen sie sich unter dem Einflüsse der Cultur ab; man denke z. B. an die Volkstrachten. Aber das Vorurtheil und der Haß gegen die Juden wird von Geistlichen, Lehrern und Literaten immer von Neuem gezeugt und genährt. Das einfachste Schulbuch giebt uns Belege hierfür. Was Wunder, daß er dann zu Zeiten, mit besonderer Anstrengung angefacht, immer wieder einmal aufblitzt und zündet! Aber die Zeit geht doch vorwärts; schnell treten