Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 24 (10.6.1884)
- Date
- 1884-06-10
- Page
- Seite 375 (sequence 3)
- Language
- German
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einander ihr Dasein zu begrenzen und zu verbittern. Ja, trotz dieser Zusammensetzung aus den sernliegendsten Elementen! hat sich in dieser Menschenfluth der bestimmte Nordamerikanische Staatsgedanke, ungeachtet oder vielmehr mit Hülfe seiner kosmopolitischen Grundzüge herausgebildet und uner- , schütterlich festgestaltet; hat sich ein gewisser Volksgeist mit eigenthümlichen, aber doch allgemein gefärbten Zügen ent-! wickelt, und gerade hier, wo die Gesetzgebung auf den all-! gemeinsten Menschenrechten basirt, ist der Individualismus zur vollsten Anerkennung gekommen. Das Problem ist hier innerhalb der Grenzen eines großen Staates gelöst und dieser gerade hierdurch geeignet, ohne irgend einen Schaden an seinem staatlichen Zusammenhang und an der Ausführung seiner Gesetze geeignet, immer neue Menschenwellen in seinen staatlichen Ocean aufzunehmen. — Ein anderes Beispiel, wenn auch nach kleinerem Maßstabe, bietet uns die Schweiz. Hier sind drei Nationalitäten, Deutsche, Franzosen und Italiener zu einem Staate verbunden, in welchem die Gleichberechtigung derselben in Gesetz und Institutionen vollauf verbürgt ist und in welchem sie deshalb in Eintracht leben ohne irgendwie ihre Nationalität auszugeben. Es ist wohl zu beachten, daß, während in der Schweiz der Cantonalgeist noch sehr stark ist, und die Confessionen nicht selten Beunruhigungen herbeiführen, gerade die Nationalitäten, seitdem die Bundesverfaffung besteht, noch niemals einen Zwiespalt. hervorgerufen haben. Bei der großen Umgestaltung der appeninischen Halbinsel haben die italienischen Schweizer kein Gelüste empfunden, sich dem großen Mutterlande anzuschließen, und ebenso stehen die französischen Schweizer jedem Versuche Frankreichs, sie für sich zu gewinnen, feindlich! gegenüber. Wir brauchen nicht hervorzuheben, unter dem Schutze welcher staatlichen Prinzipien diese Bereinigung dreier Nationalitäten, ohne sich zu verschmelzen, gelungen und gesichert ist. Wohl aber können wir mit Befriedigung auf diese beiden Staaten Hinweisen, in welchen die Lösung des großen Problems vor sich gegangen und in denen sie zur Lebensbedingung geworden ist. Aber abgesehen von diesem thatsächlichen Beweise giebt es große' treibende Kräfte, welche in der Menschenwelt die einstige friedliche Bereinigung der Nationalitäten und Rassen zu bewirken verheißen. Die gewaltigen Entdeckungen und Erfindungen, namentlich der Verwendung des Dampfes und der Elektrizität, und der mächtige Unternehmungsgeist, der in dem Menschen geweckt worden, umfasien nach und nach die ganze Erde und verbinden alle Völker zu einem Ganzen, das sich zunächst in dem Austausch aller materiellen Erzeugnisse bethätigt. Der Handel ist seiner Natur nach kosmopolitisch, und werden ihm auch zeitweise nationale Hinderungen und Lasten aufgebürdet, so hat die Geschichte erwiesen, daß er diese mit der Zeit immer wieder zu sprengen vermag. Verschwanden sind z. B. jene Ausschließungen, welche einige Nationen dem Verkehr mit ihren Colonien Jahrhunderte lang auferlegt hatten, und die festgefchlossenen Mauern, mit denen sich China und Japan umgeben hatten, haben bereits so viele Breschen erlitten, daß deren gänzlicher Zusammensturz nicht lange mehr wird auf sich warten lassen. Hiermit ist aber auch ein materielles Interesse geboren worden, das alle Völker gemeinsam beherrscht und das z. B. jede Schwankung in den Credit- und Besitzverhältnissen einer Nation in allen anderen fühlbar macht. Sicher ist es, daß jedes Emporblühen eines Volkes auf die Dauer nicht mit der vermeint-! lichen Schädigung der anderen verbunden ist, sondern Allen zum Vortheil gereicht. — Neben dieser materiellen Wohlfahrt, welche die Verbindung der Völker befördert, steht nicht 1 minder das geistige Leben. Vor Allem ist es die Wissenschaft, die ihrer Natur nach dem ganzen Menschengeschlechte gehört. Selbstverständlich wird sie in ihren einzelnen Disciplinen bald von dieser, bald von jener Nation gehegt und befördert, aber eine nationale Wissenschaft giebt es nicht, so wenig wie eine confessionelle, natürlich abgesehen von den Forschungen, die speciell eine Nation oder eine Confession betreffen, die jedoch in ihren Resultaten und Zielen nicht minder der Allgemeinheit angehören und zugute kommen. Diesen Völker verbindenden Einfluß bethätigt die Wissenschaft in unsrer Zeit auch durch die zahlreichen internationalen Congresse zu wissenschaftlichen Zwecken. Biel minder wirkt nach dieser Richtung die Literatur überhaupt. Denn wenn auch alle edleren und höheren Schöpfungen derselben eine Weltliteratur bilden, so trägt doch jede Literatur vorzugsweise den nationalen Charakter an sich und in ihr spielen auch die exklusiven nationalen Tendenzen, sobald sie in Bewegung sind, eine Hauptrolle, und dienen ihre Erzeugnisse allzu häufig dazu, den nationalen Haß zu schüren, Borurtheile und Feindseligkeiten der Völker unter einander zu verstärken. Unter den Künsten ist es insonders die Musik, welche, obschon auch sie einen nationalen Charakter besitzt, doch ihrer ganzen Natur nach allgemein menschlich gedacht und gefühlt ist, und deren Produkte ihren Weg um die ganze Erde machen; sie schlagen die Saiten des tiefsten menschlichen Empfindens an und befriedigen durch den Fluß ihrer Harmonien und durch den Reiz der Melodien alle Seelen. — Am meisten jeooch haben wir im weiteren Verlaufe der Geschichte auf die Fortschritte der sittlichen und liberalen Ideen zu rechnen. Welche Kämpfe diese in der Vergangenheit auch durchzumachen halten, wie sehr auch jeder von ihnen errungene Sieg immer von Neuem wieder durch reaktionäre Mächte bestritten wird — gerade die thatsächlichen Zustände und der sich stets wieder erhebende Streit um irgend eine neue Entfaltung der sittlichen und liberalen Prinzipien zeugen für die unsterbliche Kraft derselben und daß das Menschen- 24*