Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 24 (10.6.1884)
- Date
- 1884-06-10
- Page
- Seite 374 (sequence 2)
- Language
- German
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37 namentlich in Deutschland und Italien, wetzten nur das! Nationalgefühl zu um so größerer Schärfe. Hierbei konnte! es nicht fehlen, daß auch in den kleineren Völkerstämmen,; welche im Laufe der Vergangenheit den vorherrschenden Na-! tionalitäten staatlich unterworfen worden, das nationale Be-j wußtsein erwachte. Das Mittelalter und der absolutistische Staat hatten eine Menge kleinerer Nationen durch die Terri-; torialkriege den größeren Staaten einverleibt. Jetzt erwachte: in jenen der Drang nach Befreiung, nach nationaler Selbst-! ständigkeit. Der kleine Griechenstamm ging hierin voran und. erkämpfte mit schweren Opfern und zuletzt mit Hülfe europäischer Mächte seine Freiheit und seinen eigenen Staat. Ihm folgten nach und nach die Bölkerstämme an der unteren Donau und nördlich vom Balkan. Dreien Staaten zugethcilt, erhoben sich die Polen in blutigen Revolutionen für die Wiederherstellung ihres nationalen Staates ohne Erfolg. Aber auch innerhalb der verfassungsmäßig geordneten Staaten benutzten die kleineren Nationalitäten die ihnen gewordene verfaffungsmäßige Freiheit, um ihre Nationalität zu rekonstruiren und geltend zu machen. Wir brauchen nur auf Oesterreich und Ungarn hinzuweisen, sowie auf den Widerstand, welchen immer noch selbst im deutschen Reiche und Preußen die Polen, Dänen und Franzosen entwickeln. Nationalkriege wie zwischen Deutschland und Frankreich, zwischen Italien nnd Oesterreich, steigerten die Kraft des nationalen Bewußtseins und Gefühls zu leidenschaftlicher Höhe. So sehen wir denn jetzt in den meisten Culturvölkern die Nationalität zu einer energischen Herrschaft emporgewachsen und trennend und feindselig zwischen den einzelnen Nationalitäten wirken, so daß kosmopolitische Ansichten selbst mit Verachtung behandelt werden. Kein unbefangener Forscher wird die Bedeutung und den Werth der Nationalität verkennen für die Entwickelung der Menschheit in ihrem Gesammtleben. Gerade diejenigen, welche die freie Entfaltung des Individuums als naturgemäß und vollberechtigt anerkennen, müssen auch dem Volksindividuum dieselben Ansprüche und dieselbe Naturgemäßheit zugestehen. Innerhalb der Nationalität wird eine vollwichtige Eigenthümlichkeit auf geistigem und materiellem Leben zur vollen Blüthe, zum Ansetzen und Reifen köstlicher Früchte gebracht, und aus diesen nationalen Eigenthümlichkeiten in Befähigung und Mission setzt sich die Gesammtheit des Menschengeschlechtes zusammen. Durch das nationale Bewußtsein wird Alles, was das nationale Dasein enthält, gefördert und gesteigert; durch dasselbe werden die höchsten Anstrengungen zur Erreichung des Volksideals ermöglicht und die größten Opfer für den Bestand und das Wohl des Vaterlandes erleichtert. Aber sobald das Nationalgefühl einen gewissen Höhengrad übersteigt, wird es gleich jenem häßlichen Egoismus, der den sittlichen Gehalt des Jndivi- 4 duums untergräbt und seine Intelligenz irre führt. Dieselbe Selbstsucht führt die Nation zur Selbstüberschätzung, zur Selbstvergötterung, regt in der Nation eine Ausschließlichkeit, eine tendenziöse Mißachtung und Feindseligkeit gegen alle anderen Nationen an, grenzt sie selbst gegen die wichtigsten Culturmomente ab, so weit sie irgend anderen Völkern entsprungen und von diesen gepflegt find, verleitet endlich zu Gleißnerei und zur Fälschung des nationalen Geistes. Auf diese Weise wird das Verhältniß und die Beziehung zwischen den Völkern und Staaten verbittert, Haß und Feindschaft ausgesäet und im eigenen Schooße der Staaten mit gemischter Bevölkerung Zerklüftung, Bürger- und Klafsenkampf bald unterirdisch, bald offen hervorgerufen. Da bietet sich uns denn in der Gegenwart das häßliche Bild dar, wie alle Völker bis an die Zähne gewaffnet und mit einem Gürtel von Festungen umgeben, einander gegenüberstehen und in diesem Militarismus den größten Theil ihrer Kräfte verzehren; wie Eifersucht, Neid und Feindschaft sie in beständiger Spannung erhalten, daß jeden Augenblick ein zerstörender Brand ausbrechen kann; wie im Inneren mancher Staaten die nationalen Parteikämpfe, die alsbald auch confessionelle und politische Elemente in sich aufnehmen, alles gedeihliche Zusammenwirken verhindern und in der Stunde der Gefahr die Existenz des Staates bedrohen. Alle diese Dinge liegen so zu Tage, daß wir Beispiele und Thatsachen dafür nicht anzuführen brauchen. Und gerade darum stellt sich uns immer von Neuem das große Problem vor die Augen: daß, ohne Schädigung der nationalen Individualität, die Einheitlichkeit des Menschengeschlechtes, die friedliche Verbindung aller Völkerfamilien alle diese Hindernisse überwinden müsse, welche ihr die Verschiedenheit von Welttheil, Raffe und Nation entgegenstellen. Sind denn nun aber wirklich Aussichten vorhanden, welche uns die Lösung dieses Problems im Verlaufe der Menschengeschichte verheißen? Nun, vor Allem treten uns zwei faktische Beispiele aus der Wirklichkeit entgegen: die Nordamerikanische Union und die Schweiz. Die Bevölkerung Nordamerikas, die in riesigem Wachsthum bereits die 50 Millionen stark überschritten hat, und alljährlich durch eine zahlreiche Einwanderung immerfort steigt, besteht aus einem Völkergemisch, aus einer Vereinigung aller vorhandenen Nationalitäten, Rassen und Welttheile, wie sie noch niemals dagewesen. Germanen in allen ihren Zweigen, Romanen, die in einigen Provinzen die Grundbevölkerung ausmachen, Arier und Semiten, Neger und Chinesen finden sich da in großen Massen zusammen und untereinander gemischt, und dennoch bilden sie ein staatliches und soziales Ganzes; die Anhänger aller Religionen, Confessionen und Sekten haben daselbst ihre Ansiedelungen, ihre Gotteshäuser, ihre Schulen : und wohltätigen Anstalten, ohne sich zu bekämpfen, ohne