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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1884-06-10 · Heft 24 (10.6.1884) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
48 (1884)
Issue
Heft 24 (10.6.1884)
Date
1884-06-10
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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"Allgemeine Zeitung des Zudenthums. Ei« unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diele Zeitung erfcheint wöchentlich. Preis vierteljährig 3 Mark. Abonnei ment in Deutschland (Postzeitungsliste j Nr. SL) und Oesterreich bei allen Post- I Lmtern, außerdem durch den Buchhandel. Herausgegeben von Rabbiner vr. Ludwig Philippson in Bonn. GXpeöiLiorr: Leipzig, Woßplcrh 18. | In redactionellen Angelegenheiten I wende man sich an vr.L. Philivpion in I Bonn direct, in allen übrigen an die i Berlagshandlung. Beilagen (Gebühr > 12 M.) sind gleichfalls an letztere einzusenden. 48. Jahrgang. Leipzig, den 10. Juni 1884. No. 24. Inhalt. Leitende Artikel: Ein großes Problem. II. — Aus der fünften deutschen Rabbinerversammlung. II. — Tie Wahlen in Ungarn. — Aeituugsnachrichte«: Deutschland: Berlin, Neustettin. — O ester reich-Ungarn: Wien, Pest. — Frankreich: Paris.— Rußland: Vom Rheine, Warschau. — Bonn: Notizen. — Feuilleton: Das Ende der Frankfurt am Mainer Judengasse. S.citc'i^De Qctißcf. Bonn, 4. Juni. Ein großes Problem. ii. Man hat sich in unsrer Zeit daran gewöhnt, den Kosmopolitismus und den Rationalismus des vorigen Jahrhunderts für oberflächlich und aller Vertiefung bar zu erklären, und man thut sich auf diese Phrase etwas zu gute. Die spätere Geschichte wird anders darüber urtheilen. Ein Kosmopolitismus, der im Stande war, eine nordamerikanische Union zu schaffen, die selbst durch blutige Bürgerkriege dem! kosmopolitischen Gedanken Genüge zu schaffen vermochte und gegenwärtig Neger als Staatengouverneure, Volksvertreter, Anwälte, Aerzte u. dgl. sunktioniren sieht, war sicherlich keine oberflächliche Erscheinung, und ein Rationalismus, der in einem Friedrich dem Großen, Lessing, Kant seine Träger fand, entbehrte gewiß eines tüchtigen Fundaments und wahrhafter Vertiefung nicht. Da damals sämmtliche gebildete Klaffen aus dem Bürgerthum wie aus der Aristokratie der kosmopolitischen und rationalistischen Richtung folgten, so kann man wohl mit Recht annehmen, daß, wenn jene Geistesrichtungen eine längere friedliche Entwickelung vor sich gehabt hätten, sie sich dermaßen erweitert und vertieft hätten, daß sie zu einer dauernden Herrschaft gelangt wären. Allein dies war ihnen nicht beschieden. Geschichtliche Ereigniffe traten ein, um der die menschliche Welt leitenden Gedankenreihe eine andere, vielfach entgegengesetzte Wendung zu geben. Der Terrorismus, in welchen die französische Revolution ausartete, schreckte alsbald die urtheilsfähigen Menschen zurück; die Kriege der französischen Republik, in welchen die Verkünder der „Menschenrechte" alle Rechte und alles Selbstgefühl der Völker in Deutschland, der Schweiz und Italien mit Füßen traten; die napoleonischen Usurpationen, welche in unbegrenzter Selbst- und Herrschsucht ein Universalreich über Europa erstrebten und über Egypten selbst nach Indien die Blicke warfen; alle diese geschichtlichen Ereignisse weckten ' in den unterworfenen und angegriffenen Völkerschaften das Nationalgefühl, das sich gegen alle diese Vergewaltigungen energisch ausbäumte und in einem denkwürdigen Kampfe die! Feinde niederwars. Hiermit trat auch das Bewußtsein der! Nationalität wieder in seine Rechte ein und reagirte alsbald j gegen die kosmopolitischen und rationalistischen Gedanken, i Hierzu kam noch ein Anderes. Die Ideen der französischen! Revolution hatten doch starke Funken in die Geister geworsen I und allgemein war das Verlangen verbreitet, den absolutistischen Staat durch konstitutionelle Verfassungen zu bei fettigen, in welchen die sog. Bolksrechte, d. h. die Gleichheit Aller vor dem Gesetze, die persönliche Freiheit, Preß-, Vereins- und Versammlungs-Recht gesichert wären. Dieser Kamps schärfte das Gefühl des Individualismus in kräftiger Weise, des Individualismus, der sich, da es hier gesellschaftliche Zustände betraf, in den Bölkerindividuen ganz besonders erkannte. So weckte das Streben nach staatlicher Freiheit das Nationalgefühl nur um so mehr. Unter dem Einfluffe des Sieges der libercklen Ideen wuchs daher das Nationalbewußtsein noch stärker aus. Die entgegenstehenden Elemente,

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