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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1884-06-03 · Heft 23 (3.6.1884) · p. Seite 369

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
48 (1884)
Issue
Heft 23 (3.6.1884)
Date
1884-06-03
Page
Seite 369 (sequence 13)
Language
German
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3K9 entspimieu, denn zum erstenmal treten die Antisemiten durch die Candidatur des von ihnen ausgestellten Dr. Robert Pattai offen auf den Plan. Da sie eine außerordentliche Rührigkeit entwickeln, was man bei der Gegenpartei, die den Kammerrath Neuber aufgestellt hat, nicht grade sagen kann, ist es immerhin möglich, daß Dr. Pattai eine große Anzahl von Stimmen auf sich vereinigt, ja daß es sogar zu einer engeren Wahl kommt." Pest, 22. Mai. Der Ministerpräsident hat als Minister des Innern an sämmtliche Munieipicn eine wichtige Verordnung erlaffen. Die eine bezieht sich auf die Ausrechterhaltung der Ruhe und Ordnung während der Wahlbewegung. Der Minister fordert die Behörden auf, mittels besonderer Kundmachungen der Bevölkerung die einschlägigen Bestimmungen der Gesetze, insbesondere des Strafgesetzbuches in Erinnerung zu bringen, keine Agitation gegen die Nationalitäten und Consessionen zu dulden, jede derartige Ausschreitung im Sinne des Gesetzes strengstens zu ahnden. Ferner sollen die Behörden ihre untergeordnete Organe besonders anweisen, das Gesetz im vollsten Umfange zu befolgen. Krakau, 17. Mai. Der Prozeß gegen die wegen Mord zum Tode verurtheilten Simon und Gütel Ritter, welcher über Entscheidung des Kaffationshofcs neuerdings vor die Asfisen gelangt, kommt im Monat Juli zur Durchführung. Der nähere Termin wird erst festgesetzt werden. Tie Anklageschrift, in polnischer Sprache verfaßt, ist circa 20 Bogen stark. Großbritannien. Gibraltar, 18. Mai. Amiel, der Dolmetscher des britischen Biceconsulates in Tanger, welcher im Vorjahre die öffentliche Geißelung mehrerer jüdischen Frauen in Casablanca veranlaßte, befindet sich gegenwärtig in Tanger. Die Freunde einer der mißhandelten Jüdinnen beabsichtigten, gegen ihn klagbar aufzutreten und einen Schadenersatz von 1000 Pfund zu verlangen. Amiel nahm jedoch als naturalisirter Engländer den Schutz der britischen Behörden in Anspruch, und der britische Gesandte in Tanger, Sir John Hay, hat , es verweigert, die Klage anzunehmen. Bonn, 25. Mai. (Notizen.) Aus Pest wird geschrieben: Baron Prandau spendete anläßlich der Feier seines 77. Geburtstages zum Bau des Balpoer jüdischen Tempels 1000 Gulden. — In Szilas-Balhas (Besprimcr Komitat) feierte am 13. d. M. der Kaufmann Ignatz Deutsch das Fest der goldenen Hochzeit. Unter den zu dieser Feier zahlreich versammelten Verwandten, Enkeln und Urenkeln befand sich auch der greise Bruder des Jubilars und dessen Frau, welche bereits im vorigen Jahre die seltene Feier der diamantenen Hochzeit begangen haben. — Wie der „Jüdischen Pester Zeitung" geschrieben wird, ist in Felsö Falu der dortige israelitische Gemeindevorsteher Israel Marton einstimmig zum Friedensrichter und Steuer-Kassier der Orts-Gemeinde gewählt. — Der emeritirte Rabbiner Süßkind von Wiesbaden hat von Sr. Majestät den rothen Adlerorden IV. Claffe erhalten. Ieui l Ludwig Sörne's hunderljähnger Geburtstag. Am 22. Mai 1784 wurde Ludwig Börne geboren. Man braucht nicht an die Leistungen und Verdienste dieses Schriftstellers erst zu erinnern, um diesen Tag zu einem würdigen Gedenktage zu machen. Allerdings haben wir cs zu bedauern, daß Börne seiner väterlichen Religion sich entzog. Wir wollen die Gründe nicht weiter erörtern, jedenfalls geschah es nicht aus religiöser Ueberzeugung, wie sein Leben und seine Schriften hinlänglich beweisen. Damit fällt sicherlich nur ein um so größerer Schatten auf Börne. Aber wir dürfen niemals vergessen, daß er, nachher wie vorher, in nachdrücklichster Weise für die Gleichstellung der Juden und gegen die Beschränkungen und Ausnahmegesetze, die damals in Deutschland wieder in Schwung gekommen, eingetreten ist. und zwar mit einer seitdem unerreichten Schärfe, Witz und Kraft des Ausdrucks. Börne ist in Deutschland, für welches doch sein Herz patriotisch glühte, vielfach angefcindet worden und gehört noch heute zu den Schreckgespenstern der Reaktion. Dennoch muß man gegenwärtig anerkennen, daß das, was l e t o n. er forderte und erstrebte, nicht über das Maß hinausgcgangen. Wer z. B. in einem der letzten seiner „Briese aus Paris" die Zusammenstellung dessen liest, was Börne verlangte, erkennt, daß der größte Theil dessen im heutigen Deutschland Recht und Gesetz geworden. Bon sozialistischen Phantastereien hielt er sich fern, vielleicht eben, weil er sie an ihrer Quelle in Frankreich studirte. Um so eher geben wir hier einen durchaus unparteiisch gehaltenen Artikel der „Voß. Z." wieder: „Auf den heutigen 22. Mai fällt das 100 jährige Ge burtsjubiläum eines Schriftstellers, der um so weniger vergessen zu werden verdient, als er, bewußter Weise auf den Ruhm großer und dauernder Werke verzichtend, sein ganzes bedeutendes Können in den Dienst einer zeitgemäßen patriotischen Idee stellte und während er das Zeug hatte, dem Höchsten nachzustreben, dieser Idee zu Liebe Publicist wurde, freilich ein Publicist von klassischer Geltung. Wir meinen Ludwig Börne, der am 22. Mai 1784 als Sohn des jüdischen Kaufmanns Löb Baruch zu Frankfurt am Main gehören

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