Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1884-06-03 · Heft 23 (3.6.1884) · p. Seite 370

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
48 (1884)
Issue
Heft 23 (3.6.1884)
Date
1884-06-03
Page
Seite 370 (sequence 14)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3227501-3227525--41777-3310279
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

370 wurde. Der junge Löb Baruch wurde zu Gießen erzogen und widmete sich in Berlin unter Leitung des berühmten, Marcus Herz und in Halle den medizinischen Studien. Als durch die Aufnahme Frankfurts in den Rheinbund die Juden daselbst bürgerliche Rechte und die Befähigung zur Bekleidung öffentlicher Aemter erhielten, vertauschte er das medizinische Studium mit den Staatswiffenschaften, die er in Heidelberg studirte, und wurde darauf in seiner Vaterstadt als Polizei' aktuar angestellt, in welcher Stellung er sich als einen sehr brauchbaren und tüchtigen Beamten erwies. Als aber im Jahre 1814 die alten Zustände wieder hergestellt wurden, wurde er mit einer kleinen Pension aus seinem Amte entlaffen. Dies veranlaßte ihn, die publicistische Laufbahn zu betreten, in welcher er zuerst als Bertheidiger seiner von Neuem unterdrückten Glaubensgenossen auftrat, bald aber die unbefriedigenden Zustände des Gesammtvaterlandes zum Gegenstände der Betrachtung machte. Weil er sich nicht mehr als specifischer Jude, sondern vor Allem als Deutscher fühlte, ('.?!) trat er, zunächst heimlich, zum protestantischen Bekenntniß über und nahm als Christ den Namen Ludwig Börne an. Hierauf redigirte er kurze Zeit die „Zeitungen der freien Stadt Frankfurt", gründete die „Zeitschwingen", die aber bald unterdrückt wurden, und gab daneben die „Waage" heraus, eine Zeitschrift in zwanglosen Heften, die sich bis 1821 hielt. Börne behandelte in seinen Publikationen neben den literarischen und Theaterangelegenheiten auch die politischen, letztere in der damals allein möglichen Weise witziger Anspielungen, worin er Meister war. Die Verfolgungen, welche ihn deshalb auf Veranlaffung der österreichischen Gesandtschaft trafen, hemmten seine publicistische Thätigkeit und bewogen ihn, seine Vaterstadt zu verlaffen. Erlebte seitdem abwechselnd in Paris, von wo er für die Cotta'schen Zeitschriften interessante Beiträge lieferte, in Heidelberg und in Hamburg, wo er die Herausgabe seiner „Gesammelten Schriften" begann. Die Juli-Revolution führte ihn wieder nach Paris, wo er, mit einer kurzen Unterbrechung durch einen Schweizer Aufenthalt, fortan dauernd verblieb. Bon hier aus schrieb er seine berühmten „Briefe aus Paris", die ihm so viele Anfeindungen und Mißverständnisse zugezogen haben. Diese, wozu auch das höchst unerquickliche Zerwürfniß mit Heinrich Heine gehörte, machten Börne, der ohnehin kränklich war. zum Hypochonder und raubten ihm seine natürliche Frische. Sein letztes Werk, worin er noch einmal die ganze Schärfe seiner Dialektik bewies, war „Menzel der Franzosenftesser", die bekannte Abfertigung des durch seinen sorcirten Patriotismus ausgezeichneten Schriftstellers. Börne starb, unzufrieden mit der Gegenwart und in dem Gefühl unverdienten Berkanntseins, am 12. Februar 1837 in Paris und wurde auf dem Pdre-Lachaise beerdigt. Börne's Schriften sind, was ihren Inhalt betrifft, jetzt vollkommen veraltet. Das, wofür er damals stritt und seine beste Kraft einsetzte, ist jetzt zum guten Theil erreicht: Besserung der deutschen Zustände und Einigung Deutschlands unter verfassungsmäßigen Regierungen. Inhaltlich sind Börne's Schriften nur noch für den Forscher interessant, der sich für die damaligen unerquicklichen Zustände und ihre Widerspiegelung in dem Kopfe eines fteidenkenden und warmherzigen Patrioten interessirt. Als solcher aber verdient Börne die höchste Anerkennung und Beachtung. War sein Charakter auch nicht frei von Leidenschaftlichkeit, die sein Urtheil mitunter verbitterte, so war diese Leidenschaftlichkeit doch ohne alle Beimischung unreiner Elemente, allein hervorgerufen von der Liebe zu seinem deutschen Volke, dem er mit einem Herzen voll heißer Inbrunst die bittersten Wahrheiten sagte. Hierin unterscheidet er sich zu seinem größten Vortheil von Heine, er ist eine ungleich ernstere Natur und ein edler Charakter. Der Literaturfreund wird seine Schriften auch heute noch mit Genuß lesen. Zwar behandeln dieselben eigentlich immerfort dieselben Gegenstände, wie dies ja in der höheren Absicht des Autors liegt, der nicht nur literarisch unterhalten, sondern für praktische Zwecke wirken will; aber die Behandlung ist nie einförmig und dabei von einer Stil- und Formgewandtheit, die noch heute die größte Bewunderung erregt. Börne hat die wirklichen Vorzüge des französischen publicistischcn Stils, seine leichte Flüssigkeit, seine Klarheit und Schärfe im Ausdruck, die eindringliche Hervorhebung des Wesentlichen und Zurückvrängung des Unwesentlichen in virtuosem Grade besessen und damit den klassischen Stil der modernen deutschen Publicistik geschaffen, während Heine nur die schillernde Außenseite, das einschmeichelnd Gefällige, prickelnd Anreizendc dieses Stils, allerdings mit seltenem Talent nachahmtc. Beiden verdankt unsere Sprache und Literatur Wesentliches, aber Börnen ungleich werthvollere Errungenschaften." Vermischtes. Postamt auf dem Sinai. Zwischen den auf dem Sinai befindlichen S. K atharinen - kloster und dem nahen Hafen von Tor (Berg), in welchem die Dampfschiffe der egyptischen Gesellschaft „Khedwieh" auf ihren Fahrten nach Dschidda immer Station machen, ist ein regelmäßiger Postverkehr hergestellt. Die auf dem Berge Sinai und Lessen Umgegend hausenden Beduinenstämme haben dem Abte des Klosters gegen die Zusage eines Geldgeschenkes versprochen, den Postboten ihr Gebiet unbehindert passiren zu lassen. (Wir bemerken nur, daß der Berg, auf welchem dieses Kloster steht, längst nicht mehr als der wirkliche Sinai anerkannt wird — immerhin gehört er zu der sinaitischen Bergkette. Red.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.