Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 23 (3.6.1884)
- Date
- 1884-06-03
- Page
- Seite 362 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3227501-3227525--41769-3310271- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
362 Aus den bisherigen Ausführungen ging hervor, daß das Judenthum auf allen Stufen seiner Entwickelung seinen Bekenner« das Gebot an's Herz legte, auch in dem Nichtjuden den Menschenbruder zu lieben. Allein es gebot auch Achtung vor jedem religiösen Bekenntniß, welches die in ihm Geborenen zu sittlichem Wandel anleitet. Diese Wahrnehmung tritt uns schon in der biblischen Zeit entgegen. So sehr auch die Propheten in Kraft ihrer göttlichen! Sendung berufen waren, alle entsittlichende Abgötterei zu be-! kämpfen, so haben sie doch selbst in dem Heiden den in jedem Menschen sich offenbarenden Zug zum Göttlichen freimüthig anerkannt. Ein unwiderlegliches Zeugniß solcher Anerkennung des Frömmigkeits-Keimes im Heidenthum ist der Ausspruch des Propheten Maleachi 1, II: „Denn vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Untergange ist groß mein Name unter den Heiden, und an jeglichem Orte wird geräuchert und dargebracht meinem Namen." Auch Raschi bemerkt zu dieser Stelle: „Unsere Lehrer sagen, groß ist mein Name unter den Heiden, dieweil sie ihn nennen Gott der Götter. Selbst wer den Götzen dient, weiß es, daß es einen Gott über alle Götter giebt, so daß aller Orten seinem Namen die Spenden gelten." In der Achtung vor fremden Heilizthümern gehen Philo^) und Josephus") soweit, daß sie das biblische Gebot, Exod. 22, 27: „Du sollst Gott nicht fluchen!" nach dem Vorgänge der Septuaginta auf die Heiligthümer der Heiden ausdehnen und darum achtungsvolle Schonung derselben empfehlen. Für die Epoche der Mischna-Lehre aber genügt es, auf jenen oben angezogenen und mit Recht so viel berufenen und autoritativ gewordenen Satz R. Josuashinzuweisen, der also lautet: „Auch unter den Völkern giebt es Fromme, welche Antheil haben an der ewigen Seligkeit;" wozu die Erklärung der Alten") daß der Vers (Ps. 132,9): „Deine Priester kleiden sich in Heil", auch auf die Frommen der Völker, die auf Erden ein priesterlichcs Leben führen, zu beziehen das Korrelat bildet. Den Religionen aber, die aus seinem Schoße hervorgegangen sind. Christenthum wie Islam, brachte das Judenthum im Mittelalter wie in der neueren Zeit durch den Mund seiner berufenen Vertreter die geziemende Würdigung entgegen. Bon diesen seien hier nur die bedeutendsten namhaft 8) Bits Mosis; 3, «84. 9) Jos. Ant. IV. 8, 10: li).(ca<pr}fi£lT<a yrjötig &tovg ovg nüktig af./.cu voy.iC.ovOL iitj ov/.riv itod qtvixä. yrjd’ av snovouaoyfvov » zivi &f(J> xfiu.t)).iov Xayßccvziv. 10) Tofiphta Sanhedrin XIII, Babla Sanhedrin 105a. 11) Jalkut Jesaias 129. gemacht: R. Juda Hallevi (1130) sagt:'-) „Diese Völker (christliche und moslimische) bilden die Vorbereitung und die Einleitung zu dem erhofften Reiche des Messias." R. Moses b. Maimon (1135—1204) fagt13): „Alle diese Erfolge des Christenthums, wie des ihm folgenden Islams, ebnen die Bahn dem Reiche des Messias, und bereiten vor die wahre Gotteserkenntniß unter den Menschen." R. Menachem Meira (1300) sagt"): „Jeder Angehörige einer Nation, die einen sittlich-religiösen Lebenswandel führt und die Gottheit auf irgend eine Weise verehrt, obgleich ihr Glaube von dem unsrigen verschieden ist, soll in jedem Betrachte wie ein Israelit behandelt werden." R. Joseph Jaabez (ca. 1500), ein exilirter Spanier, der in Mantua lebte, sagt'3): „Die civilisirten Völker glauben an die Erschaffung der Welt, an die Offenbarung und Vergeltung: Gelobt sei darum der Gott Israels, daß er nach der Zerstörung des zweiten Tempels eine der unsrigen verwandte Religion erstehen ließ; denn wer weiß, ob wir nicht inmitten der Heiden wankend geworden wären in unserem Glauben!""») R. Mose Ribkes (1664), durch die Verfolgung des Chmielnicki aus Polen vertrieben, sagt:") „Diese Völker (christliche), unter deren Schutz wir Israeliten leben, glauben an die Schöpfung der Welt, an den Auszug aus Aegypten und viele Grundwahrheiten unserer Religion, und ihre gottesdienstliche Verehrung gilt dem Schöpfer des Himmels und der Erde. Drum sind wir verpflichtet, für ihr Wohl zu beten, wie das von dem Verfaffer des ^l388v-.4.6onas- (Elieser Aschkenasi gest. 1566) des Weiteren ausgeführt wurde.'^) R. Jakob Emden (1696—1776) sagt''-'): „Heil ihnen (den Christen) und Heil uns, wenn sie uns gegenüber beobachtet hätten das Gebot, das ihnen in ihrem Evangelium aufgetragen wird. Dann wären sie großen Lobes würdig gewesen, und uns wäre es in der Diaspora wohl ergangen; dann wären sicherlich nicht die Tausende und Myriaden unserer Märtyrer hingemordet worden, und die Bolksmassen hätten uns nicht mit ihrem Haß verfolgt." 12) Kusari 4, 23. 13) Mischne-Thora, Melachirn 11, Amsterdamer Ausgabe. 14» Schitta Mekub. Baba Kama 113, l: l'ccyz bc rr sr.rcNir Ti itn by httnrvrr” *:r~2 tt-;~ .~z~ :s'r: 'i.ttc.nd -p--- 15) Maamur haachduth 3. 16) Dieselbe Ansicht äußert auch Isaak Arama in seinem Akedath Jizchak. Pforte 88 g. E. 17) Beer hagola zu Chojchen-hammischpat 425, 5. 18) Ebenso äußern sich R. Ezechiel Landau, Obcrrabbinec zu Prag, und alle Mitglieder des Rabbinats-Kollegiums daselbst in einer 1767 in Prag gedruckten „Protestation"; sowie R. Eleasar Fleckles in Prag in seinem 1785 in Prag erschienen „Olatl;- Chodesch", wieder abgedruckt in „Gutmeining :c" von Carl Fischer, Wien 1883, S. 46 ff. 19) Reffen Matheh 156.