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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1884-06-03 · Heft 23 (3.6.1884) · p. Seite 361

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
48 (1884)
Issue
Heft 23 (3.6.1884)
Date
1884-06-03
Page
Seite 361 (sequence 5)
Language
German
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361 sammten jüdischen Lebens mit der mosaischen Religion das! Aus jener stattlichen Reihe ethischer Sentenzen aus dem Streben der Lehrer mehr auf die gesetzliche Ausgestaltung s Mittelalter, die Zunz in seinem Werke „Zur Geschichte und des Religiösen gerichtet war, hat der innerhalb des Juden- Literatur" (S. 130 sf.) zusammengestellt hat, sei hier Folgendes thums nimmer rastende Trieb sittlicher Fortbildung jene entnommen: Kleinodiensammlung ethischer Lehrsätze geschaffen, die einei würdige Fortsetzung der altisraelitischen Spruchweisheit in' den „Sprüchen" Salomonis und Josua ben Sirachs bildet. j Wir meinen die „Sprüche der Väter", worin alle Sittlich-; keitslehren vom allgemeinsten Standpunkte der Humanität vorgetragen werden, indem die Weisen hier nicht von Israeliten, sondern fast durchweg von den „Geschöpfen Gottes" mit dem bezeichnenden Ausdruck n"*: reden. H Daß aber diese allgemein humane Tendenz mit vollem Bewußtsein geltend gemacht und von den maßgebendsten Lehrern als der Kern der mosaischen Lehre angesehen wurde, geht erstlich aus jener talmudischen Erzählung^) hervor, wonach Hillel einem Heiden, der in der denkbar kürzesten Frist die Lehre des Judenthums kennen lernen wollte, die Antwort gab: „Was dir verhaßt ist, thue deinem Nächsten nicht! Das ist die ganze Lehre, alles andere ist Erklärung. Nun gehe hin und lerne!" Sodann aus der Diskussion, die zwischen den Mischnahlehrern Akiba und Ben-Azai stattgefunden,'^) wobei der eine das Bibelwort: „Und du sollst lieben deinen Nächsten wie dich selbst" als das Fundament der Lehre bezeichnetc, während der andere in dem Verse der Schrift: „Ties ist das Buch der Entwickelung des Menschen am Tage, da Gott schuf den Menschen — im Ebenbilde Gottes schuf er ihn." eine noch bedeutsamere Offenbarung auf dem Gebiete des Sittlichen erblickte, weil in dem Satze „im Ebenbilde Gottes schuf er ihn" noch unzweideutiger als in dem Gebote „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" die universalistische Richtung des mosaischen Sittengesetzcs zum Ausdruck gekommen sei. In der nun folgenden, fast anderthalb Jahrtausende umspannenden Epoche, wo das Judenthum in allen Ländern den schwersten Daseinskampf durchzuringcn hatte, einen Kampf, deffen volle Bitterniß hier vorzuführen uns widerstrebt, wäre ein Zurücksinken von der hohen Stufe der Humanität selbst innerhalb einer so tief sittlichen Bekennerschaft, wie die jüdische, psychologisch wohl zu erklären gewesen. Trotzdem hat das Judcnthum selbst in dieser finstern Epoche herrliche Blüthen echter Menschenliebe gezeitigt, und unsere ethische Literatur hat durch sic eine Bereicherung erfahren, auf die wir mit Genugthuung zurückblicken dürfen. 4) Bergt. Sprüche der Väter l, 12. 15. 2, 13. 3, 13. 4, S. 8. 12. 6, L. 5) Bergt. Babt. Sabbath 3ia. 6) Bergt. Sivhra zu Lev. 19, 18. Aus dem Buche der Frommen, gegründet von R. Jehuda ben Samuel aus Regensburg (ibid. S. 136): „ In dem Verkehr mit Nichtjuden befleißige dich der selben Redlichkeit als mit Juden; mache den Nichtjuden auf seinen Jrrthum aufmerksam, und bester du lebst von Almosen, als daß du zur Schmach des Judenthums und des jüdischen Namens mit fremdem Gelde davonläufst. Holt der Nichtjude sich bei dir Rath, so sage ihm, wer an dem Orte, wohin er sich begiebt, redlich und wer ein Betrüger ist. Siehst du einen fremden Glaubensgenoffcn eine Sünde begehen, so hintertreibe sie, wenn du die Macht dazu hast, und sei der Prophet Jona hierin dein Vorbild.Uebrigens find an den meisten Orten die Juden den Christen in ihren Sitten ähnlich." Es mag hier ferner auf die Antwort hingewiesen wer den, welche das von Napoleon 1. im Jahre 1806 einberufcne Synhedrium französischer Rabbiner und Notablen auf die 4. und 5. jener 12 Fragen ertheilte, welche demselben vorgelegt wurden. Die 4. und 5. Frage lauteten: „Werden die Franzosen von Juden als Fremde oder Brüder behandelt? wie haben sich die Juden religionsgesetzlich gegen Franzosen zu verhalten?" Hierauf antwortete das Synhedrium: die Juden sehen die Franzosen völlig als ihre Brüder an. Schon Moses habe Wohlwollen gegen Fremde zum Gesetze gemacht, um wie vielmehr müffen die Juden diejenigen als Brüder betrachten, mit denen sie in einem Lande leben, einerlei Gesetz und einerlei Erziehung haben, ja durch deren Menschlichkeit sie nun des besten bürgerlichen Zustandes sich erfreuen. Das Verhalten der Juden gegen Nichtjuden ist darum völlig gleich dem gegen Juden; nur die Gottesver chrung ist verschieden. Und als endlich beim Anbruch der neusten Zeit, da der Gedanke der Gleichheit Aller vor dem Gesetze sich in den Kulturländern allmählig durchzuringen begann, die Juden auch ihrerseits in jahrelangen mannhaften Kämpfen ihre Menschen- und Bürgerrechte von dem Staate forderten, da thaten sie es erstlich in dem Bewußtsein, daß die Befolgung des Staatsgesetzes ihnen ein religiöses Gebots sei, sodann aber auch in dem Vollgefühle deffen, daß sie durch ihre Religion von Hause aus zur Erfüllung aller Pflichten und demgemäß auch zur Beanspruchung aller Rechte berufen seien, die nur irgend aus dem sittlichen Bewußtsein einer erleuchteten Gesellschaft sich ergeben. 7) Bergt. Babl. Baba batra 55a; Berachoth 58».

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