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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1884-06-03 · Heft 23 (3.6.1884) · p. Seite 360

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
48 (1884)
Issue
Heft 23 (3.6.1884)
Date
1884-06-03
Page
Seite 360 (sequence 4)
Language
German
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360 wiedererwachten Wissenschaften und Künste aus. Durch den I Austausch der geistigen Erzeugnisse unter allen Völkern wird der universelle Charakter der Wissenschaft gepflegt, eine Welt«! Literatur geschaffen und immer wieder eine Annäherung ber| Geister aus allen Fernen der Erde gefördert. Hierzu kamen j die großen Entdeckungen, welche bis jetzt unbekannte Erdtheile mit der alten Welt verbanden. An sie schloß sich nicht blos ein immerfort wachsender Handel, sondern der Erwerb ungeheurer Colonien seitens der europäischen Völker, welche gegenwärtig schon den größten Theil der Erde unter ihrem Scepter haben und mehr oder weniger der europäischen Cultur als der menschheitlichen Eingang verschaffen. — So geschah es denn, daß allmälig der vom Judenthume zuerst ausgesprochene und von ihm mitten im Gewühlt des Alterthums aufrecht erhaltene Gedanke der einheitlichen Menschheit sich in den höher gebildeten Geistern Bahn brach und die Lösung des großen Problems, eine innerliche Bereinigung der Nationen, Rayen und Welttheile in dem Begriff der gesammten Menschheit Fortschritte machte. Es trat dies mit der Mitte des vorigen Jahrhunderts lebendig hervor. Durch den absolutistischen Staat, der das ganze gesellschaftliche Leben in die Hand und die Interessen des Souveräns verlegte, war der nationale Sinn in den Völkern abgestumpft worden, und die popularifirende Philosophie hatte an dessen Stelle den Begriff der Menschheit gesetzt. Man benannte dies Kosmopolitismus. Der Begriff wurde aber auch zur Aktualität. Die Verkündigung der Menschenrechte nach der nordamerikanischen und französischen Revolution, der Grundsatz der Gleichheit Aller vor dem Gesetze, die Naturalisirung jedes Ausländers innerhalb des ihm der Geburt nach fremden Staates und Volkes waren praktische Erfüllung des kosmopolitischen Begriffes. Die rationalistische Sittenlehre stellte tonung der Gottesebenbildlichkeit des ersten Menschen, welcher der Stammvater des ganzen Menschengeschlechtes ist, sind so unzweideutig universalistisch gehalten, daß schon in diesem erzählenden Theile der Thora auf das Wirksamste vorbereitet wird das oberste Gebot aller sittlichen Ordnung im 3. Buch Moses C. 19, B. 18: „Und du sollst lieben deinen Nächsten wie dich selbst, ich bin der Herr!" Unter diesem „Nächsten" ist nämlich im Sinne der Schrift ganz unleugbar jeder Mensch, ohne Unterschied des Glaubens und der Abstammung verstanden, was, um von allen anderen Beweisen abzusehendurch das entsprechende Gebot ib. B. 33—34: „Und wenn bei dir wohnt ein Fremder in eurem Lande, sollt ihr ihn nicht bedrücken; wie der Eingeborne unter euch sei euch der Fremde, der bei euch weilet; liebe ihn wie dich selbst; denn Fremdlinge wäret ihr im Lande Mizraim; ich bin der Ewige, euer Gott!" erhärtet wird. Was aber die Uebung gleichen Rechtes gegen alle Menschen betrifft, so ist dieselbe in dem Pentateuche ausdrücklich geboten, wie aus der in der These angezogenen Stelle hervorgeht. Wie konnte es denn anders sein? Die Grundvoraussetzung der mosaischen Lehre, der Glaube an einen einzigen Gott, den Schöpfer des Himmels und der Erde, mußte den Gedanken an die Gotteskindschast aller Menschen nahe legen und demnach die Verpflichtung zur brüderlichen Gesinnung gegen alle Menschenkinder Hervorrufen. Denn im Mosaismus quillt das Sittengesetz aus dem Glauben an den einig-einzigen heiligen Gott, der die Menschen zu seiner Nacheiferung berufen.?) Wie Gott selbst, darum mußte auch sein Sittcndie Pflichten gegen alle Menschen ohne irgend einen Untergebot alle seine Ebenbilder in gleicher Weise umfassen. schied und die Pflichten gegen die gesammte Menschheit über So wird demnach schon im Gesetze jene allumfassende alle anderen, welche besondere Kreise betreffen. Man glaubte Gerechtigkeit und Menschenliebe gelehrt, deren Verbreitung die allgemeine Völkerverbrüderung nahe. Allein so schnell konnte das große Problem nicht gelöst werden und bald trat wieder ein Umschwung ein, der die Gegenwart beherrscht und den wir in einem folgenden Artikel der näheren Betrachtung unterziehen werden. Äus -er fünften deutschen Rabbinerversammlung. Wir haben in Nr. 20 die bei der am 3. Juni zusammen tretenden Rabbinerversammlung beantragte „Erklärung" gesie Israel blos den Beruf geben. Hier folgt die derselben hinzuzufügende „Begründung". Gottesherolds zuwiesen. Wir geben diese Schriftstücke nach ihrem Wortlaut, vorläufig' Selbst in jener Epoche, da zur Durchdringung ohne Bemerkungen von unserer Seite. und Verwirklichung innerhalb wie außerhalb Israels die Propheten als ihren höchsten Lebensberuf betrachteten. Denn “T*! trsro „Gerechtigkeit und Liebe", deren Wahrung schon in der Genesis Cap. 1 s, V. 19 geradezu den „Weg Gottes" bezeichnet, den die Nachkommen Abrahams wandeln sollen, bilden den Gedankenkern aller prophetischen Reden, wobei die Propheten ihr gottbegeistertes Wort an die gesammte Menschheit als an ihre Gemeinde richteten, in deren Mitte eines lehrenden Priesters und des ge- Pflichtenlehre" in allen Lehrbüchern der . j 1) Bergt, hierüber die „Begründung. jüdischen Religion. Die Darstellung von dem Ursprünge des Menschenge-, “) Argl. Lev is, l; Deur. 10,12. ,,,!; I 3) Bon den zahllosen Belegstellen aus der prophetischen Literatur schlechts, mit welcher unsere heilige Lehre beginnt; dre Besei hier allein auf Jesaias 42, 1—4; 45, 22—23 verwiesen.

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