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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1884-06-03 · Heft 23 (3.6.1884) · p. Seite 359

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
48 (1884)
Issue
Heft 23 (3.6.1884)
Date
1884-06-03
Page
Seite 359 (sequence 3)
Language
German
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Stationen fallen, die Antipathien und Feindseligkeiten zwischen ihnen aufhören und die ganze Menschheit eine einheitliche und einige Familie bilden werde. Ein uralter Prophetenspruch, den Michah und Jesaias als Text anführen, läßt die Völker und Nationen sich zum einigen Gotte bekennen, die; „Wege und Pfade Gottes erlernen", so daß Gott „zwischen den Völkern richtet, zwischen mächtigen Nationen bis in die Ferne schiedsrichtet," daß alle Waffen zu Werkzeugen des Friedens umgewandelt werden", „nicht hebt Volk gegen Volk noch das Schwert und nicht fürder lernen sie den Krieg"; „ein Jeder wohnt unter seinem Weinstock und seinem Feigenbaum und Niemand schreckt." (Micha 4, 1—4, Jesaias 2, 2—4). Von dieser Bereinigung aller Menschenvölker in Gotteserkenntniß, Recht und Frieden sprechen noch viele der Propheten, wie Jesaias II und Secharjah.l) Hier ist also das geschichtliche Problem klar und deutlich ausgesprochen: alle Verschiedenheiten der Ra§en und Nationen werden in der Anschauung, Gesinnung und Handlungsweise, welche die Menschheit als eine Einheit umfassen, ausgehen und den Frieden und das Recht unter Völkern und Individuen nicht mehr behindern. Befragen wir nun die Geschichte, inwiefern sie die Lösung dieses Problems verheißt, sowohl durch die Thatsachen der Vergangenheit, als auch durch die Ausbildung von Momenten, welche nothwendiger Weise diese Vereinheitlichung der Menschenvölker zur dereinstigen Folge haben müssen. Im ganzen Alterthum war die Zerklüftung des Menschengeschlechts durch die Nationalität so vorherrschend, daß eine jede Nation alle anderen als „Barbaren" betrachtete, als untergeordnet und von der Natur zur Dienstbarkeit bestimmt. Dennoch traten frühzeitig diejenigen Momente in Wirksamkeit, welche eine Bereinigung von Völkern erzielen: Gründung großer Reiche, Handel, Anlegung von Colonien. Religion, Wissenschaft und Kunst. Wie die Geschichte des Alterthums uns die ganze Reihe von Eroberungskriegen innerhalb Asiens und von letzterem gegen Afrika und Europa und umgekehrt, überliefert hat, brauchen wir nur anzudeuten. Allerdings waren diese gewaltigen Reiche vermöge ihrer despotischen Verfassung wenig geeignet, die Völker mit einander zu vermischen und sie mit einander auszugleichen, da nur die gewaltsame Herrschaft eines Volkes das lose Band der Berit Auch die talmudische Entwickelung des Judenthums hat diese biblische Anschauung nicht allein als solche aufrecht erhalten, sondern auch durch eigene Züge dieselbe Tendenz bewährt. Wir führen z. B. an, daß sie, weil Jakob mit 70 Personen nach Egypten gegangen, die Zahl der bestehenden Nationen auf 70 angab, also zwischen Israel und den Nationen eine inhärirende Beziehung vorausseßte, daß sie die 70 Stiere, die am Laubhüttenfeste vorgeschriebener Maßen ge opfert wurden, für die 70 Nationen der Erde und deren Wohlfahrt dargebracht erklärte u. a. m. Lautet doch das vorgeschriebcne Gebet an den heiligsten Festen, an R- Hasch, und Jom Kipp.: „daß alle Menschen einen einheitlichen (dp.s) Bund schließen. Deinen Willen zu thun mit ganzem Herzen." eiuiguug bildete, das nach Abschwächung und Niederlage der herrschenden Dynastie schnell wieder zerriß, um der Unterwerfung unter eine andere Macht Platz zu machen. Eine Ausnahme hiervon machte die griechisch-macedonische Herrschaft, die in Kleinasien und Aegypten einen bedeutenden culturellen Einfluß übte. Zuletzt war es der römische Staat, der nicht blos den größten Theil der damaligen Welt umspannte, sondern auch durch die Ertheilung des römischen Bürgerrechts die Völker in einander schob und durch die Entwickelung des römischen Rechts sie beeinflußte. Frühzeitig auch wirkte der Handel und die Anlegung von Colonien auf die Verbindung der Völker. Es entstanden Weltmärkte, wie einen solchen uns das Kap. 27 Ezechiels schildert, und in der römischen Zeit wurde der Austausch der Waaren in die und aus den entlegensten Gegenden betrieben. Da im Alterthum die Religion überall einen nationalen Charakter hatte, konnte sie eine völkerverbindende Kraft wenig ausüben. Die Versuche einiger Despoten, ihre Gottesverehrung den ihnen unterworfenen Völkern als eine Anerkennung ihrer Macht auszudrängen, scheiterten immer. Der Buddhismus ist das erste Beispiel, daß die Religion die Grenzen der Nationalität überschritt und große Länder für sich gewann. Aber auch er zerfiel bald wieder in verschiedenartige nationale Ausgestaltung. Nur gegen Ende der römischen Republik fand ein Austausch der religiösen Formen und Lehren unter den Völkern statt. Wissenschaft und Kunst endlich hielten sich nicht minder innerhalb des nationalen Lebens, und wo eine Uebertragung von einem Volke zum andern stattfand, waren es nur Elemente, die sich bald national entfalteten, und deren fremder Ursprung schnell aus dem Bewußtsein schwand. — Alle diese Verhältnisse kehrte die Völkerwanderung wieder um; Handel, Wissenschaft und Kunst vernichtete sie, und der in ihr vorherrschende Drang der Völker- und Staatenbildung, welcher Anfangs die älteren und die eingewanderten Bolksftämme zu neuen Nationalitäten verschmolz, fachte die Feindseligkeit unter den Völkern immer wieder an und hatte die lange Reihe von Territorialkriegen zur Folge, die bis in unsre Zeit reichen. Dahingegen nahm die Religion die Aufgabe der Bölkerverbindung und das menschengeschlechtliche Bewußtsein zu wecken, auf sich. Hatte sie hierin durch den universellen Charakter, den sie sich aneignete, große Erfolge. so schied sie doch andererseits durch eine unübersteig liche Scheidelinie die occidentalische und die orientalische Menschheit von einander ab und führte sie zu immerwährender Bekämpfung an. Als später durch die Reformation sich eine Menge von Kirchen bildeten, entstanden daraus blutige Religionskriege, die als Bürgerkriege die Völker spalteten und ausrieben. Noch heute säet der religiöse Fanatismus und die hierarchische Herrschsucht Hader und Zwiespalt unter den Menschen aus. Einen segensreichen Einfluß übten die 23*

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