Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 23 (3.6.1884)
- Date
- 1884-06-03
- Page
- Seite 358 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3227501-3227525--41765-3310267- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
358 Dieses geschichtliche Problem ist uns bereits von -er Bibel deutlich gezeichnet worden. Sie berichtet auf ihrer ersten Seite von dem Ursprung der gesammten Menschheit aus einem Paare, und begründet ihn aus der „Gottebenbildlichkeit" des Menschen, also aller Menschen, und dem „Einhauchen des göttlichen Geistes in den leiblichen Menschen," also der Seele des Menschen. In der That ist es unschwer, Eigenthümlichkeiten aufzusühren, welche alle Menschen als eine einzige Gattung charakterisiren: der aufrechte Gang, die Sprache, die religiösen Vorstellungen, die sittlichen Gefühle, das Bewußtsein der Individualität, die Befähigung zur Entwickelung, die Benutzung von Hülfsmitteln zur Aneignung und Abwehr, dies sind Eigenschaften, die dem Menschen selbst auf den unteren Stufen der Entwickelung einwohnen, die wir selbst bei den rohesten Völkern vorhanden finden, und die den Menschen von allen übrigen Geschöpfen der Erde wesentlich unterscheiden. Diese begründen denn auch die Einheit des ganzen Menschengeschlechtes und lassen diese nicht bloß als ein Produkt der Theorie, sondern als ein durchaus aktuelles Moment erscheinen. So führt denn auch die hl. Schrift das ganze Menschengeschlecht noch einmal nach der Sintsiuth auf ein Menschenpaar zurück, und in ähnlicher Weise geben die Sagen der meisten Mythologien einen einheitlichen Ursprung des Menschengeschlechtes an. Aber nicht lange, schon aus den Söhnen Noahs entwickelt sich die Trennung der Völkerfamilien nach den Welttheilen: Sem für Asien, Cham für Afrika, Japhet für Europa. Niemand wird verkennen, daß ein solcher Unterschied zwischen den Völkerschaften der verschiedenen Erdthcile stattgesunden und! sagen'» Dir: stattnndet. Die europäischen Völker, die doch ihren Ursprung aus Asien herleiten, unterschieden sich schon im Altcrthume sehr prononcirt von den asiatischen, und man braucht nur Egypten, in der nordöstlichsten Ecke von Afrika, mit Vorderasien zu vergleichen, um den unterschiedlichen Charakter zwischen den Bewohnern der beiden Welttheile zu erkennen. Dieser Unterschied wird denn auch schon in dem Ausspruche Noahs (1. Mos. 9, 25.) angedeutet und auf ethische Motive Zurückgeführt. Ein Schritt weiter, und die Schrift zeigt uns das Gewimmel der entstehenden und entstandenen Völkerschaften, stellt Kap. 10 die berühmte Bölkertafel auf und giebt in Kap. 11 in der Erzählung vom Thurmbau zu Babel eine Erklärung durch die Verschiedenheit der Sprachen, die sich bei den Völkern ausbildete. Auch die Wissenschaft erkannte die Verschiedenheit der Ra^en an und versuchte die unterscheidenden Merkmale an der äußeren, leiblichen Erscheinung aufzustellen. Diesen Weg verließ sie aber in den letzten Dezennien, indem sie vielmehr die Sprachverschiedenheit zur Unterlage der Ravenabtheilung machte. Hier traf sie auf zwei entgegenstehende Momente: auf die früher festgestellte Verschiedenheit der äußeren körperlichen Merkmale, welche z. B. die Semiten und Jndogermanen in eine und dieselbe Raxe, die kaukasische, verwiesen, und anderentheils daß die von einander unterschiedenen Sprachfamilien wiederum so viel Gleichheit, namentlich in zahlreichen Wortwurzeln, zeigten, daß die Differenz auf dem Grunde der Sprachen als eine noch sehr zweifelhafte erscheint. Sind doch sehr bedeutende Sprachforscher wieder dahin gelangt, diese Sprachfamilien auf eine Ursprache zurückzuführen. Endlich hat die Geschichte die durch die vorausgesetzte Sprachverschiedenheit auseinander gehaltenen Raven so durcheinander und auseinander gerüttelt, daß die Völker einer und derselben Rave keine Aehnlichkeit mit einander mehr zeigen, Völker der verschiedenen Raven aber sich sehr nahe stehen. Man sieht hieraus, auf welchen schwachen Füßen diese Ravenabtheilung noch steht, und daß es, wenn eine solche ausgestellt werden soll, es doch noch viel richtiger wäre, zu den äußeren Unterscheidungsmerkmalen zurückznkehren. Ein ganz anderes Bild stellt sich uns vor die Augen, wenn man die Verschiedenheit und Menge der Nationalitäten in Betracht zieht. Ans den mannigfaltigsten Ursachen, klimatischen, geographischen, historischen und inneren Entwickelungsmotiven haben sie sich in mannigfaltigster Weise sehr unterschiedlich ausgestaltet, so daß selbst benachbarte Nationen sehr wesentlich diffcrenziren und mit einander in Widerstreit gerathen. Auch dies zeichnet; uns die h. Schrift, und in der schwungreichen letzten Rede Moses (5. Mos. 32, 7. 8.) heißt es: „Gedenket der Tage Idcr Vorzeit, erwäget die Jahre Geschlechts auf Geschlecht, I frag' Deinen Vater, er kündct's Dir, und Deine Greise, sie als Sitze gab der Höchste den Nationen, von einander schied des Menschen Söhne, sondert' er ab der Völker Grenzen für der Söhne Israels Zahl." Also auch hier die Zurückführung aller Völker auf eine Einheit „die Söhne des Menschen", aber in der Entwickelung der Geschichte die verschiedenen Sitze der Nationen, die Grenzen der Völker, wie sie nach der biblischen Anschauung durch die Fügungen der göttlichen Weltordnung sich gestalteten, und so auch für das Volk Israel ein bestimmter Raum gewonnen wurde. Die Eroberung Canaans durch Israel wurde als ein längst bestimmtes providentielles Werk angesehen und hiermit das Anrecht Israels auf das Land begründet. Wir brauchen nicht zu bemerken, daß es bei diesen ursprünglichen „Sitzen und Grenzen" der Völker nicht verblieb, daß der im Thurmbau zu Babel betonte Wandertrieb die Nationen über alle die sie trennenden Hinderniffe, über Gebirge, Flüffe und Meere hinwegführte, daß nicht wenige unter einander verschmolzen und in denselben Ländern vereinigt wurden, so daß die nationalen Grenzen geographisch festzustellen zu den schwierigsten Aufgaben gehört. Dennoch lebt in der biblischen Welt die Zuversicht, daß dereinst alle diese Unterschiede der Welttheile, Ra<en und