Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 23 (3.6.1884)
- Date
- 1884-06-03
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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^Allgemeine Zeitung -es Iu-enthums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. [ Preis vierteljährig 3 Mark. Abonnei ment in Deutschland (Postzeitungsliste > Nr. 92) und Oesterreich bei allen Post- I ämtern, außerdem durch den Buch- 1 Handel. Herausgegeben von Rabbiner vr. Ludwig Philippson in Bonn. KXpeörtiorr: Leipzig, WoßpLerh 18, In redackionellen Angelegenheiten wende man sich an Dr. L. Phrlippson in I Bona direct, in allen übrigen an die I BerlagShandlung. Beilagen (Gebühr I 12 M.) find gleichfalls an letztere ein- I zusenden. I 48. Jahrgang Leipzig, den 3. Juni 1884. 23. ladsN. Leitende Artikel: Ein großes Problem. I. — Aus der fünften deutschen Rabbinerversammlung. — Literarischer Wochenbericht. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Berlin, Oppeln, Pr. Stargard. — Oesterreich-Ungarn: Wien, Pest, Krakau. — Großbritannien: Gibraltar. — Bonn: Notizen. — Feuilleton: Ludwig Börnes hundertjähriger Geburtstag. — Vermischtes. Seil'ezvDe dztide€. Bonn, 28. Mai. Ein großes Problem. i. Zn den großen und höchst schwierigen Problemen, welche die menschliche Gesellschaft zn lösen hat, gehört auch das: wie die Menschheit durch die Welttheile, in Racen und Nationalitäten zerfallen und in unaufhörlich feindselige Conflikte gerathen ist, sie über die Welttheile, die Ra^en und die Nationalitäten zur Menschheit, d. h. zu Vorstellungen, Gesinnungen und Handlungsweisen zu gelangen vermöge, welche dem einheitlichen Begriff der Menschheit entsprechen. Es ist dies kein bloß theoretisches Problem, sondern von der entschiedensten Aktualität, vom höchsten praktischen und sittlichen Interesse. Nichts erwies dies in jüngster Zeit mehr, als der Antisemi-, tismus, der sich, wo er nicht mehr in religiösem Fanatismus begründet war, auf Rayenverschiedenheit, auf nationale Antipathie berief. Ein sehr starkes Zeugniß hierfür giebt ein jüngst veröffentlichter Brief des Dichters Victor v. Scheffel vom 24. Febr. d. I. Er richtete ihn an I. Singer, der ihm sein öfters erwähntes Buch zugeschickt hatte. Das^ Schreiben lautet: „Die Abneigung der germanischen Golfer! gegen die Semiten beruht nicht auf der Verschiedenheit von j Religion und Dogma, sondern aus Verschiedenheit von Blut, Ra«;e, Abstammung, Volkssitte und Volksgesinnung; sie läßt; sich wederschaffen, noch in Abgang decretiren; sie wird auch bei der freiesten religiösen und politischen Anschauung beider Parteien fortbestehen, wie die der Amerikaner und Chinesen, die auf dem freien Boden von Texas neben und miteinander leben. Oft habe ich mit meinem Freunde Berthold Auerbach über diese Dinge gesprochen; mit den liberalen Ideen allein sind sie nicht zu ordnen, wenn auch ein mockus vivendi hergestellt werden kann und hergestellt ist. Im Reiche der jugendlichen Ideale ist eine humane Illusion schöner, als inhumane Wirklichkeit. Möge Ihnen der innere Friede nie gestört werden! Ergebenst Victor v. Scheffel. — Karlsruhe in Baden, 24. Februar 1884. Man wird dies sehr stark finden. Das Berhältniß der eben nach Texas gekommenen chinesischen Arbeiter und Händler zu den Amerikanern dem der deutschen Juden zu ihren christlichen Mitbürgern an die Seite zu stellen, ist unsrer Meinung nach geradezu einfältig, und in der Anführung seines „lieben Freundes Berthold Auerbach" liegt doch schon eine Widerlegung der von Scheffel aufgestellten Sätze. Aber wir können uns doch nicht verhehlen, daß die von Scheffel unumwunden ausgesprochenen Ansichten und Gesinnungen sehr verbreitet sind und plötzlich wieder ans Tageslicht traten, als man sie schon größtentheils überwunden geglaubt, wie eben auf allen Gebieten Borurtheile und Wahngebilde, die man längst vom Staube der Bergeffenheit bedeckt meinte, sich immer wieder einmal vordrängen und die allgemeine Stimmung beherrschen. Wir sehen hieraus, daß eS in diesem hochwichtigen Momente, in den nationalen und Raye-Anti- und Sympathien eine große geschichtliche Procedur gilt, welcher wir mit Recht die größte Aufmerksamkeit zuzuwenden haben, und in der wir vor Allem nach einer gewiffen Klärung streben müffen. 23