Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 22 (27.5.1884)
- Date
- 1884-05-27
- Page
- Seite 352 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3227501-3227524--41758-3310259- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Beirut 1× ep/1047833
OCR text
352 statt. Die Trauerfeier gestaltete sich zu einer großartigen öffentlichen Anerkennung der Verdienste des Verstorbenen und legte Zeugnis ab von dem Ansehen, welches derselbe in Folge seiner erfolgreichen Thätigkeit auf industriellem Gebiete, im Dienste der Kommune und als Wohlthäter der Armen in den weitesten Kreisen und namentlich bei seinen Mitbürgern genossen. Die Behörden, der Magistrat und Stadtverordnete,j die Vereine, deren Mitglied der Verstorbene gewesen, eine | große Anzahl von auswärtigen Deputationen und Korpora-! tionen und eine unübersehbare Menge von Leidtragenden! bildeten neben den zahlreichen Familienangehörigen das Leichengefolge. Unter den Klangen des Chopin'schen Trauermarsches bewegte sich der Leichenzng von dem Trauerhause nach der Synagoge, woselbst der Sarg, welcher mit Palmenzweigen und prächtigen von den verschiedenen Vereinen gewidmeten Kränzen und Blumen ganz verdeckt war, aufgebahrt wurde. Die Synagoge, welche ganz in schwarzen Flor gehüllt war, machte einen der tiefernsten Trauerfeier entsprechenden Eindruck. Nach einem einfachen Trauerchoral bestieg Herr Prediger Grunwald den Predigerstuhl und schilderte in ergreifenden Worten das Leben des Dahingeschiedenen , welches so reich war an guten Werken und schönen Erfolgen. Er schilderte die erfolgreiche Thätigkeit des Verstorbenen als Lehrer und Erzieher der Jugend, als Industrieller, als Stadtverordneter und Magistratsmitglicd, er pries seinen hochentwickelten Gemeinsinn, seine rege Wirksamkeit in Vereinen, von denen er viele selbst in's Leben gerufen, er entwarf ein schönes Bild seines Familienlebens und seiner liebevollen und opferfreudigen Fürsorge für die ihm Nahestenden, er hob ferner den Wohlthätigkeitssinn des Dahingeschiedenen hervor, welcher sich durch viele gute Werke, Stiftungen und reiche Spendungen bethätigt hat, vor allem aber pries er seinen regen Eifer und sein erfolgreiches Wirken für die jüdische Gemeinde, deren Vorsteher er von seinem 2'.». Lebensjahre bis kurz vor seinem Lebensende durch 46 Jahre gewesen und für die er unendlich viel gethan, so daß die Lebensgeschichte des Verstorbenen gewissermaßen die Geschichte der Leobschützer jüdischen Gemeinde selbst sei." Am Grabe sprach auch Herr Kommerzienrath Teichmann und pries das thatenreiche Leben des Verstorbenen. Sein Angedenken wird zum Segen gereichen. Die Missionare in Jerusalem. Die „Köln. Zeit." enthält unter dem Titel „Erfahrungen eines Hadschi" (Pilgers) morgenländische Reisebriefe, die jüngsten aus Jerusalem datirt. Der Correspondent ist eine durchaus realistische Natur und danach färben sich auch seine Schilderungen aus Palästina. Aber um so zuverlässiger sind seine Urtheile über Thatsachen. Unter dem 27. März schreibt er über die christlichen Missionäre in Jerusalem, und um ein unparteisches Urtheil über diese Bekehrungsversuche, die der christlichen Welt so große Summen kosten, zu fixiren, geben wir hier wörtlich wieder, was er darübe sagt: „Palästina ist das Paradies der Missionen und Hospize. Schon in Beirut treten einem die stattlichen Gebäude englischer Gesellschaften entgegen; hier in Jerusalem beherrscht das Missions- und Hospizewesen die ganze Physiognomie des Lebens. Ist ein großes Gebäude weder Kirche noch Moschee oder Synagoge, so dient es den Pilgern oder der Bekehrung. In die Mission theilen sich wesentlich Protestanten, Griechen und römische Katholiken; die kleinen Kirchen des Orients streben weniger nach Erweiterung ihres Bestandes als nach Aufrechterbaltung dessen, was sie jetzt besitzen. Die Missionsthätigkeit ist theils direct, an Erwachsene gerichtet, theils indirect, indem die Kindernnd Krankenverpflegung mit Bekehrung verbunden wird. Was die directe Mission angeht, so zerfallen die Leute, welche man bekehren könnte, in Mohamedaner, Juden und Christen. Daß ein erwachsener Mohamedaner sich ernstlich zum Christenthum in irgend einer Form bekehrt hätte, das scheint nie vorgekommen zu sein. Theils mögen die Leute, welche einmal die islamitische Erziehung durchgemacht haben, für unsere religiösen Anschaungen vernagelt sein, theils ist nicht zu verkennen, daß das Zerrbild von Religion, welches ihnen in der Grabeskirche vor Augen gestellt wird, nicht danach angethan ist, irgend welche Achtung und Zuneignng bei ihnen zu erwecken; daß aber ein ungebildeter Araber lernen soll, durch das Zerrbild hindurch den tieferen Sinn des Christenthums zu erfassen, das ist nicht zu verlangen — er sieht eben nur das erstere und glaubt das Christenthum selbst zu sehen. Uebrigens würde auch die Bekehrung dieser Leute praktisch unübersteigliche Schwierigkeiten haben, denn die Duldsamkeit der Türken hört bei dem Punkte plötzlich und vollständig auf. Die Juden bilden das besondere Arbeitsfeld der englischen Mission, deren Organe übrigens durchgängig deutsche Prediger sind. Die protestantische Geistlichkeit selbst verschließt sich der Wahrnehmung nicht, daß der regelmäßige Grund der Bekehrungen bei den Juden die materielle Noth ist. Einem Uebertretenden in der Borbereitungszeit zahlen die Engländer seinen Lebensunterhalt nebst etwa 1 Mk. täglich, nach der Taufe wird ihm eine Beschäftigung, eine kleine Werkstatt oder dergleichen zugewiesen. Früher waren die Unterstützungen, mit denen man zur Bekehrung anlocktc, größer: der beste Gasthof der Stadt gehört noch heute einem getauften Juden, dem er ursprünglich von der englischen Mission eingerichtet worden ist. Jetzt, wo die Zahl der Bekehrten wächst, reichen die Mittel nicht mehr zu großen Unterstützungen aus; aber kleinere muß man leisten — sonst