Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 22 (27.5.1884)
- Date
- 1884-05-27
- Page
- Seite 344 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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344 Male die ganze Glaubens- und Stammesgenossenschaft, der! liebe, welche jenes als Fundament aller Religion angesehen er angehört, ohne irgend eine Unterscheidung mit den! wissen will, Haß und Verfolgung nach allen Seiten hin verbreitet hätten und gleichsam jene Lehren nur von den Juden gefordert, sie selbst aber außer Augen gesetzt haben. Er weist dies insonders Luther nach, der nicht blos gegen die Juden, sondern auch gegen die Bauern und gegen die ganze katholische Welt die höchste Unduldsamkeit gepredigt habe. Den zahllosen Anklagen, ja jener scheußlichen Verleumdung der Blutbeschuldigung gegenüber, wie man sie mit hartnäckiger Wuth aufrecht erhalten hat, wird dieses Vorgehen des Verfassers gerechtfertigt erscheinen. Die Juden haben nicht angefangen und man läßt sie noch heute nicht in Ruhe. Die bösen Geister, die man herauf beschworen, wenden sich sehr oft gegen die, welche sie aus ihren dunklen Höhlen hervorgerufen. Eine andere Frage ist es jedoch, ob eine schwersten Beleidigungen, Anklagen und Verleumdungen über schüttet steht, .die thatsächliche Verfolgung, selbst mit Plünderung und Todtschlag über fie Hereinbrechen gewahrt — wie tief muß er sich empört fühlen, noch dazu, wenn er die berufensten Schichten des Volkes ruhig oder gar mit Wohlgefallen diesem schmählichen Treiben zusehend bemerkt, diesem Hohne nicht blos auf die Humanität, sondern auf das Recht, das ja aufhört Recht zu sein, wenn es nicht Allen zugestanden wird, auf jede gesellschaftliche Ordnung, auf das bestehende Gesetz, ohne welches der Staat nicht existiren kann. Ja noch mehr. Verletzt und niedergetreten wird da alles Ideale, das in der Menschenbrust lebt, und welches alle Beziehungen des Menschen zum Menschen und zu Gott, durch die das Leben erst lebenswerth wird, umfaßt. Was ist da zu! solche Behandlung des Gegenstandes, eine solche Wiederververwundern, daß diese gepreßte Menschenseele sich und ihrem! geltung, ein solches Kampfmittel opportun sei? Es liegt eingerechten Zorne Luft schafft durch das, was ihr zu Gebote! mal im Interesse einer kleinen und zersplitterten Minorität, steht, das laute und freie Wort! Bon diesem Standpunkte! die an jedem einzelnen Orte mißhandelt und überfallen werden ist die vorliegende Broschüre zu betrachten, und wenn sie sich nicht selten in harten Urtheilen ausspricht, so ist dies überaus erklärlich. Man wird fragen, wie kömmt dies aber erst jetzt, wo die Hochfluth des Antisemitismus zur Neige zu gehen und sich in aufwärtsdringendes Grundwasser zu wandeln scheint? Allein dies ist sehr natürlich. Unter den anstürmenden Schrecken einer ungeheuerlichen Erscheinung, von deren Gewalt und Dauer man noch keine Einsicht hat, ist Schweigen und Dulden seitens der schwächeren Partei, die sich von allen Seiten und Gewalten angegriffen natürlich. Aber wenn die Ruhe sich wieder kann, möglichst Oel in die brandenden Wogen, nicht aber in das lodernde Feuer zu gießen. So spricht auch der Berf. wiederholt die Anklage gegen die deutschen Rabbiner aus, gegen die Rohling'schen Pamphlete nicht von vornherein mit aller Kraft aufgetreten zu sein und dies erst dem Rabbiner Bloch zu Florisdorf überlassen zu haben. Ist dies nicht ganz richtig, da gleich Anfangs mehrere Gegenschriften, wenn auch in sehr gemäßigtem Tone, von deutschen Rabbinen wie Kroner, Bloch (Posen) u. A. erschienen sind, so ist dabei zu sieht, sehr! bedenken, daß in dem Parteigewühle jener Zeit die jüdischen einzustellen I Stimmen überhaupt und in der Rohling'schen Angelegenheit scheint, wenn man im ganzen Umfange sich dessen bewußt wird, als Partei gar nicht angehört wurden und daß man sich dcswas man erfahren und erlitten hat, dann bäumen sich die! halb bei dem glücklichen Ereigniß beruhigte, daß einer der kräftigen Geister auf und geben ihrem ganzen Unwillen, ihrer angesehensten christlichen Theologen Prof. Franz Delitzsch die tiefen Entrüstung Ausdruck, der bitter und herbe ausfallen Verteidigung des Talmuds freiwillig übernahm und die muß. Es ist dies ja nicht ein Ausfluß des Selbstgefühls allein: der ungerechter Weise Unterdrückte und Mißhandelte weiß und fühlt, daß in ihm die heiligsten Güter der Mensch- Unwissenheit und Fälschungen Rohlings überzeugend nachwies. Allerdings aber ist es nicht zu verkennen, daß die deutschen Juden während des ganzen Verlaufes der antiheit angegriffen, verletzt und geschädigt wurden. — Unsrer! semitischen Agitation eine mehr passive Rolle gespielt haben Gegenwart ist es eigen, jede Erscheinung, die eine längere Zeit währt, jede Bewegung, die sich ausdehnt und andauernd ist, nicht blos als aktuell, sondern auch vom geschichtlichen Standpunkt zu betrachten, d. h. in ihrem Zusammenhänge mit der Vergangenheit, in ihren Ursachen und Motiven, in ihrem Verlaufe und ihren Wirkungen. Dies geschieht, wenn und dies nicht ohne volles Bewußtsein, denn als der Redakteur dieser Zeitung wiederholt Versammlungen von Delegirten der Gemeinden, um eine Gesammterklärung gegen die antisemitischen Anschuldigungen zu erlassen, zu bewirket» suchte, ja geradezu zusammenrief, wurde von Berlin aus, namentlich vom Vorstände der jüdischen Gemeinde, diesem auch nicht systematisch, auch in der vorliegenden Broschüre., Unternehmen durch Depeschen und Briefe so entgegengetrctcn, Der Berf. geht den christlichen Kirchen, der katholischen wie daß es nicht ausgeführt werden konnte. Ob man dies nun der lutherischen, hart zu Leibe und zeigt, leider durch eine! billigen oder für eine Schwäche halten mag, diese Passivität lange Kette von Thatsachen aus der Geschichte unterstützt, ist ein charakteristischer Zug, der in der Geschichte des mowie diese von den Lehren des Urchristenthums völlig abge-! dernsten Antisemitismus nicht zu übersehen ist. wichen und in Widerspruch mit der Menschen« und Feindes-! -