Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 21 (20.5.1884)
- Date
- 1884-05-20
- Page
- Seite 333 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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333 Sehnsucht gewesen sein, im Verein mit Männern zu wirken, Ha-Talmud, dessen auf uns gekommene Bruchstücke den Geist deren Namen bereits einen so vollen Klang in den Kreisen echter Wissenschaftlichkeit erkennen lassen. Wie hoch immer der jüdischen Wissenschaft gewonnen; mußte es ihm doch, dem die Wogen der strömenden Verhandlungen und Discussionen die Wissenschaft des Judenthums so sehr am Herzen liegt, über die rabbinischen Sätze in den folgenden Jahrhunderten und ver er bis jetzt in Wort und Schrift mit allen Kräften, durch die Tosafisten in Frankreich sich erhoben, wie sehr ja mit Aufopferung zu dienen gesucht hat — mußte es ihm Lehrer, wie Abraham ab-bet-din in Narbonn und Alfasi in doch als ein leuchtendes Ideal der Sehnsucht vorschweben, Spanien bemüht waren, in kurzen Halachot die Ergebnisse Lehrer und Führer einer Jugend zu werden, die vom Geiste der Gemara zusammenzusassen, so begegnen wir doch bald der Bildung unserer Zeit getragen, von Liebe zur Wissenschaft dem Geschichtswerke Abraham ben David's, von Moses und zu dem heiligen Erbe Israels beseelt, dem schönen und idealem Ziele zustrebt, dereinst im Dienste der Religiosität und Gotteserkenntniß als Lehrer der jüdischen Gemeinde zu wirken, lind Jünglingen von solchem Streben sei er hierher berufen worden, denjenigen Zweig der jüdischen Wissenschaft vorzutragen, der nicht bloß viel Ausdauer und Hingebung, sondern auch eine bedeutende wissenschaftliche und methodische Vorbildung, Gewandheit und Schärfe des Urthcils von seinen Jüngern fordert. Ter Redner schilderte hierauf die große Schwierigkeit, welche das Studium des Talmud bietet. Der Talmud sei einem mächtigen llrwalde vergleichbar, in dem man zwischen verschlungenen Aesten und verwachsenen Gezweige, nicht selten auch durch die Stämme verbindende Schlingpflanzen vorzudringen gezwungen ist. Schon das Berständniß des einfachen Wortsinnes, der Fragen und Lösungen, der Einwürfe und Folgerungen bieten nicht selten auch dem geübten Geiste ernste Proben dar. Hat man sich aber durch beharrliche Arbeit Bahn gebrochen in diesem verwachsenen Urwald: dann entdeckt bald das Auge die herrlichsten Blüthen, Blumen von hellster Farbe. Gesetzkunde und Volksbrauch, Alterthumskuude und Geschichte, Sprachwissenschaft und logische Formen, Sittenlehre und Weltweisheit, sie alle findet der sinnende Denker, der muthige^ Forstmann der rabbinischen Bücher, der mit richtigem Ver-i ständniß vorwärts gekommen. Auf diesen reichen Inhalt! und weiten Umfang des talmudischen Schriftthums habe aller-! dings erst die wissenschaftliche Forschung unserer Zeit aus-l merksam gemacht. Die wissenschaftliche methodische! Behandlung des Talmud aber ist so alt, wie die Erklä-! rung desselben. Zur Zeit der „Gaonen", als diese Schulhäupter, theils in Responsen einzelne Stellen des Talmud erläuterten, theils die Kommcntirung ganzer Bücher in Angriff nahmen, wurde das Seder Tanaim me Amoraim aufgesetzt, verfaßte Saadia sein Buch über die methodischen Grundsätze des Talmud: Tarke Ha-Talmud, schrieb Scherira über die Entstehung der Mischnah. Ungefähr zur Zeit R. Gerschom's aus Mainz, des Vorläufers Raschi's, der zuerst kurze Erläuterungen zum Talmud schrieb, ging in Rom der Stern Nathan b. Jechiels, des berühmten Lexikographen des Talmud, aus, verfaßte Niffim b. Jakob in Afrika seinen „Schlüssel" zum Talmud, Samuel Ha-Nagid seinen Mewo- Maimon zu schweigen, dem großen Lehrer, welcher mit freiem Auge die midraschischen Schriften übersah, welche dem Talmud als Quelle gedient hatten und die er nun selbständig in seinen Entscheidungen benutzte. Ein späteres Jahrhundert bezeichnet uns eine Reihe von Männern, welche sich neben der Gesetzeskunde die kritische Forschung zur Aufgabe setzte. Der große kastilische Lehrer Isaak Campanton schenkt uns eine kritische Schrift, welche er, wie Saadia, Darke-ha-Talmud nennt. Ebenso schreiben Zeitgenossen und Schüler von ihm historische! und methodologische Werke, welche das Berständniß des Talmud! in der talmudischen Literatur fördern. Selbst das 17. und > 16. Jahrhundert, wo die pilpulistische (dialektische) Methode! überwuchert, hat eine Reihe von Werken voll ernster Forschung aufzuweisen, wie die Schriften des Maleachi ha Kohen u. Salomo Agusi, wenn man Azaria dei Rosst für das Talmudische nicht in Anspruch nehmen will. Indem nun der Rückblick aus das, was frühere Jahrhunderte für j die wissenschaftliche Behandlung des Talmud geleistet, sich zu einer kurzen Geschichte dieses Literaturzweiges gestaltete, berührte der Redner auch den Antheil, den Männer, die in Berlin lebten und wirkten, an diesen Leistungen und Forschungen aufzuweisen haben. Nur im Vertrauen auf Gott, der seine Kräfte erhöhen und seinen Geist erleuchten möge, wolle er hoffen, in dieser Stadt Ersprießliches und Segensreiches zu wirken. Mit einem kurzen Gebet um solches Gelingen schloß die Rede. Wir möchten mit dem Hohepriester Eli Herrn Di-. Müller zurusen: „Der Gott Israels gewähre Dir Deines Herzens Wunsch, um den Du ihn gebeten!" D. 6. Bonn, 0. Mai. (Privatmitth.) Wir erhalten von Herrn Moses L. Israel aus Wustrow in Mecklenburg eine Zuschrift, in welcher er die Gründung von sog. Kinder- Heilanstalten auch für israelitische Kinder warm befürwortet. Jndcß fühlen wir uns nicht geeignet, ein solches Werk selbst in die Hand zu nehmen, und müssen dies ' einem thatkrästigen Menschenfreunde überlassen. Herr Israel! schreibt auch:! „Ich habe in Wieck a. Dorß. Pommern, eine Niederj lassung und auch Ländereien. Wieck a. Dorß ist ländlicher Ort mit circa 1400 Einwohner, 1 Stunde vom Ostseebad! Prerow entfernt. Es liegt am Binnenwaffer und hat! Nadelwald; der Weg von Bad Prerow führt durch Nadel- 2 t