Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 21 (20.5.1884)
- Date
- 1884-05-20
- Page
- Seite 331 (sequence 7)
- Language
- German
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331 Kunst noch mangelhaft und ungenügend, weil es mir an Mustern fehlte, denen ich sie nachbilden konnte, und an Regeln, die mir als geistige Führer dienten. Da wurde ich zufällig von einem meiner hiesigen christlichen Collegen auf die Werke Dinters, dieses Meisters der Sokratik, aufmerksam gemacht, und wahrlich schon der erste Einblick in dessen mustergiltige „Unterredungen" ließ mich erkennen, daß man durch fortgesetztes Studium derselben zu einer großen Fertigkeit in der sokratischen Methode und katechetischen Kunst gelangen könne. Ich verfuhr nun in folgender Weise. Bevor ich mit meinen Kindern über ein bestimmtes Thema katechi-1 firte, las ich die diesbezügliche Katechese in Dinter's „Unterj redungen" genau, öfters mehrmals nach und nahm babeij die vom jüdischen Standpunkte aus gebotenen Modificationen! vor. Alsdann reproducirte ich sie in meinem Geiste, wie ich! sie ungefähr mit denselben vorzunehmen gedacht und schrieb sie überdies auch manchmal nieder. Dieses that ich anfänglich. Später änderte ich mein vorbereitendes Berfahren und ging dabei mehr spontan zu Werke. Da dachte ich vor Allem über den Zweck nach, der durch die sokratisch-katechetische Behandlung einer bestimmten Materie erreicht werden solle: die Begriffe, die verdeutlicht, die Urtheile, von deren Wahrheit die Kinder überzeugt, die Gesinnungen, die bei ihnen erweckt werden sollen rc. Alsdann setzte ich eine summarische Anordnung (Disposition) der Katechisation fest: Definition, Beweise, Anwendungen rc. Nun sah ich mich in den verschiedenen Arten von Deductions- und Jllustrationsmitteln genau um: Erfahrungen der Kinder, Erzählungen, Exempel, Instanzen, Gründe, sittliches Gefühl und Urtheil, Sprachgebrauch, vorher festgesetzte Begriffe, Bibelsprüche rc. und wählte diejenigen aus, die für das zu behandelnde Thema und für die Fassungskraft der Kinder am geeignetsten waren. — Wenn ich hier einige Reminiscenzen aus meinem Lehrerleben veröffentliche, so rechne man mir cs ja nicht als Eitelkeit an. Es ist ja allbekannt, daß alte Männer, auch wenn sie ganz fern von Eitelkeit sind, öfters die Neigung verspüren, sich in eine frühere Zeit zu versetzen, lvo sie thatkräftig ihres Amtes ' warteten, zumal wenn dieses ein erfolgreiches war, und gerne davon erzählen. Das könnte nun auch bei mir der Fall sein. Allein mein Hauptzweck bei dieser Veröffentlichung ist kein subjectiver, sondern ein objectiver, ein nach Außen gerichteter. Ich gehe nämlich von dem Gedanken aus, daß manchmal, unter gewissen Umständen, ein gegebenes concretes Beispiel mehr und eindringlicher zur Nachahmung auffordert und ein befferer Wegweiser und Leiter wird als abstracte Theorie. Ein solches Beispiel zur Nacheiferung erlaube ich mir, meinen geschätzten Collegen an mir selbst zu geben, darum werde ich hier weiter fortfahren. — Als ich zu Anfang des Jahres 1837 die mir übertragene Stelle eines Religionslehrers der hiesigen isr. Gemeinde antrat, wurde mir eine umfangreiche an das Gr. Schulgesetz von 1832 sich anlehnende Instruction behändigt, die unter andern Bestimmungen auch die enthielt, daß alljährlich am Sabbath vor dem Wochenfeste in der Religionsschule ein öffentliches Examen abzuhalten, zu welchem die Gr. Bezirksschulcommission, der Rabbiner, die Eltern der Kinder, andere Schulfreunde, vom Borstande eingeladen werden sollten. An der Spitze der Gr. Bezirksschulcommission stand damals Herr Kreisrath von Stark, der Bater unseres jetzigen Staatsministers, ein gerechter, toleranter und humaner Beamter, der auch der isr. Religionsschule dahier seine Fürsorge fortwährend zuwandte. Während der ersten 10 Jahre meines Hierseins fehlte er bei der jährlich stattgefundenen öffentlichen Prüfung derselben nie, blieb immer anwesend, so lange sie währte, ihren Verlauf aufmerksam beobachtend. Ebenso waren auch die andern Mitglieder der Bezirksschulcommission jedesmal anwesend, die aus Geistlichen. Stadtpfarrern, Oberconsistorialräthen, Oberscbulräthen rc. bestanden. Im Jahre 1839 wurde mir bei einer gewissen Beranlaffung folgendes ehrenvolles Zeugniß von Seiten dieser Bezirksschulcommission zu Theil: „Herr Mannheimer hat sein ihm anvertrautes Amt mit ebenso großem Fleiße und Eifer als ausgezeichneter Geschicklichkeit und Lehrbefähigung verwaltet. Seine Gabe, die religiösen Begriffe sokratisch zu entwickeln und durch erforderliche Beispiele dem kindlichen Gemüthe eindringlich und verständlich zu machen, verdient rühmende Anerkennung. Die öffentlichen Prüfungen bekundeten ihn rc." Und nachdem ich mir einmal den Ruf eines guten Katecheten erworben hatte, wurden die öffentlichen Prüfungen auch öfters von Schulmännern mit der ausgesprochenen Absicht besucht, meine Methode kennen zu lernen. Es läßt sich nun die Frage auswersen, und um deren Beantwortung ists mir hier hauptsächlich zu thun, wie es möglich sei, iu einem öffentlichen Examen zu erkennen, daß die Kinder zu den .Kenntnissen in der Glaubens- und Pstichtenlehre durch die vom Lehrer angewandte sokratische Methode gelangt seien, da doch das Ziel der an dieselben gerichteten examinirenden Fragen gewöhnlich nur darin bestehe, zu erforschen, ob sie jene Kenntnisse gut im Gedächtnisse aufbewahrt hätten und noch im geistigen Besitze derselben seien. Wie könnte hierbei das bei Erlernung derselben früher eingehaltene methodische Berfahren erkennbar werden? Darauf erwidere ich: wenn der Examinator in ungeordneten Sprüngen, wie ich dergleichen schon nianchmal bei öffentlichen Prüfungen wahrzunehmen Gelegenheit hatte, bald diese, bald jene Lehre nur oberflächlich berührt und immer nur fragt: was heißt dieses, was jenes?! warum glaubt ihr dieses, warum jenes? und hier ein wenig, dort ein wenig vornimmt und dann darüber weggeht,! so läßt sich allerdings daraus nicht entnehmen, ob nicht der! ganze Unterricht ein bloß mechanisirter war und die Lehren