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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1884-05-20 · Heft 21 (20.5.1884) · p. Seite 330

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
48 (1884)
Issue
Heft 21 (20.5.1884)
Date
1884-05-20
Page
Seite 330 (sequence 6)
Language
German
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unterricht bestrebt ist, den Kindern die Begriffe und UrtheileNota „vorzüglich gut". Ich mußte in seinem Beisein über in Worten und Sätzen nicht zu geben, sondern sie ihnen zu entlocken, d. h. die Begriffe und Urtheile durch geschickt ein mir aufgegebeucs Thema mit einigen isr. Knaben katechisiren, und in Bezug darauf kömmt in dem mir ausgestellten Confession katechisirte er gründlich und gewandt." Da mußte ich mir öfters die Frage vorlegen: woher angelegte Fragen von den Kindern selbst erzeugen und finden Zeugnisse folgende Bemerkung vor: „mit den Kindern seiner zu laffen. Mosheim, der in seiner „Sittcnlehre der heiligen Schrift" seine methodischen Ansichten anwendbar zu machen suchte, nahm sich dabei die Dialoge des Sokrates zum Vor-i diese Gewandtheit? Hatte ich mich doch nie mit einem Lehrbilde —, daher der Name Sokratik. Die Pädagogen nennen! buch der Katechetik ernstlich beschäftigt, noch hatte ich regclsie auch Heuristik (die Kunst des Auffindens, Hervorlockens).! rechte Katechesen ausführen sehen resp. hören, noch hatte ich Allein die Bemühungen Mosheims und anderer gleichgesinnter gedruckte Katechisationen gelesen. Zwar heißt es, der gute Männer hatten nur geringen Erfolg. Nur Wenige hatten; Katechet müsse geboren sein, d. h. doch wohl nichts anderes, Sinn und Berständniß für die sokratische Lehrform. Da er-! als er müsse von Natur aus gut zu einem solchen beanlagt schien 1767 Mendelssohns „Phädon oder über die Unsterblich-, sein; allein sowie jede Anlage erst durch Beispiel und Uebung keit der Seele" ') und hatte einen solchen großen Erfolg, daß zur Entwickelung gelangt, so auch dies der katechetischen Kunst, er in allen Kreisen gelesen, ja verschlungen wurde, und daß! Eine gute Vorbereitung und Entwickelung hierzu konnte ich er in wenigen Jahren mehrmals aufgelegt werden mußte.! bei mir nur in den gründlichen talmudischen Studien ent- Jn diesen schönen, herzgewinnenden, geistentwickelnden und decken, denen ich länger als ein Jahrzehnt unter Leitung der überzeugenden Dialogen hat Mendelssohn die dialogische Fragform mit einer wahren Meisterschaft gehandhabt und ausgebildet, und da hat man denn in pädagogischen Kreisen den Werth derselben für den Jugendunterricht kennen und schätzen gelernt und sich für die Sokratik begeistert, so daß diese allmählig das ganze Schulwesen beherrschte. — Man würde sich jedoch meines Erachtens sehr irren, wenn man annähme, Mendelssohn sei nur durch das Lesen der Dialoge des Plato zu dieser Meisterschaft gelangt; ebensoviel, wenn nicht noch mehr, haben sicherlich seine talmudischen Studien hierzu beigctragen. Die „Frage" wird in verschiedenen logischen und pädagogischen Schriften, je nach dem Eintheilungsgrunde, verschieden eingetheilt. Dem sei wie ihm wolle. So viel steht fest, daß jede Art von Fragen fast auf jedem Blatte des großen 12 Folianten umfassenden Talmuds vielfach und öfters mit unvergleichlicher Schärfe angewendet zu werden pflegt; ja es werden darin manchmal Fragen aufgeworfen nicht eines materiellen, sondern bloß eines formalen Zweckes willen, „um die Urtheilskraft zu schärfen (’,-rnr6)", wie es ausdrücklich heißt. — Wie sollte aber eine vieljährige eifrige Beschäftigung mit diesem Werke nicht einen nachhaltigen Einfluß auf die Ausbildung der unterrichtlichen Frageform selbst bei denen üben, die gerade nicht von der hohen geistigen Be-! gabung eines Mendelssohn sind! Als Beleg hierfür diene einj Beispiel aus meinem eigenen Lehrerleben. Im Jahre 1t>32 1 wurde ich unter Aussicht und Leitung des Gr. Kirchen- und! Schulraths dahier als Religionslehrer geprüft und erhielt die > berühmtesten Rabbiner mit Fleiß und Eifer obgelegen hatte. Der Talmud ist, wie schon erwähnt, ein Werk, das in seinen zahllosen Discussionen, Controversen und Dialogen von der Fragsorm in deren verschiedensten Arten gleichsam beherrscht wird, und so muß sein Studium eine gute Vorschule bilden für die Anwendung der sokratischen Methode. Dieses Ziel konnte, wenn auch ganz unbewußt, um so leichter und sicherer erreicht werden, wenn der Talmud in einer Weise vorgctragcn wird, wie dies von meinem vorzüglichsten Lehrer, dem sel. Oberrabiner Bing in Würzburg zu geschehen pflegte. Derselbe hatte nämlich den in verflossenen Jahrhunderten aus Polen eingewanderten geistverwirrenden Pilpul aus seiner Lehrstube verdrängt und war zu der einfachen natürlichen Erklärung des Talmuds, zu der Methode eines Maimonides, eines Ben Adercth. zurückgckehrt, was seine Borträge klar und durchsichtig machte, die Denkkrast seiner zahlreichen Jünger naturgemäß entwickelte und ihr eine grade Richtung gab.') Indessen ist eine so erlangte Fertigkeit in der Fragestellung und in mannigfaltigem Gebrauche der Fragcform noch weit entfernt von der eigentlichen Sokratik, d. i. von jener Kunst, welche es versteht, irgend ein Thema in sokratischer Weise durch geschickt angelegte Fragen, von welchen die eine die andere vorbereitet, planmäßig zu behandeln, erschöpfend auszuführen und cs zu einem vollständigen Ganzen abzurunden.?) Und so erschien auch mir meine katechetische 1) Es ist merkwürdig, in den vielen über Mendelssohn's Leben und Wirken erschienenen Schriften, worin namentlich der beträchtliche Antheil gewürdigt wird, den die Culturentwickelung des deutschen 1) Es verdient noch angemerkt zu werden, daß Oberrabb. Bing bei seinen Vorträgen alle im Talmud vorkommenden Agada's zu übergehen und gänzlich zu ignoriren pflegte. Corresp. 2) Selbstverständlich kann von einem so planmäßig angelegten und in sokratischer Lehrform ausgcführten Ausbau von Vorstellungen, Gedanken und Gesinnungen nur bei schon herangcreiften Lindern der Volkes ihm zu verdanken hat, bekömmt man selten ein Wort von' Oberklasse der Rede sein7 Auch muß die Katechisation öfters durch dem Einflüsse zu lesen, den seine Schriften, namentlich fein „Phädon", eingelegte in zusammenhängender (akroamatischer) Lehrform vorge aus die Verbesserung der Methode des deutschen haben, und doch war dieser sehr erheblich. Schulwesens geübt Corresp. tragenen Anreden unterbrochen werten, um besonders auf das Gefühl der Kinder einzuwirken. Corresp.

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