Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 21 (20.5.1884)
- Date
- 1884-05-20
- Page
- Seite 327 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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327 Zur Hebung des religiösen -Zinnes. Die nach Berlin berufene Versammlung deutscher Rabbiner findet auf der ihr vorgeschlagenen Tagesordnung als Nr. 2 „Die Hebung des religiösen Sinnes." Allerdings ist dieses Thema der Gegenstand und das Ziel aller Bestrei Ausführung einen Verfall desselben erblickt. Wenn man nun J — aus Opportunitätsgründen — in diese Frage nicht ein« treten will, so wird man sich bezüglich des Gottesdienstes j auf allgemeine Phrasen beschränkt sehen, z. B. auf den! Wunsch, die Synagoge häufiger und stärker besucht zu sehen, auf eine etwaige dahin lautende Aufforderung, auf eine desbungen auf dem jüdisch religiösen Gebiete seit mehr als; sallsige zu erlaffende Ansprache, der wir den besten Erfolg 60 Jahren. Nachdem die. allgemeine Culturbildung in die wünschen würden, ohne ihn geradezu zu erhoffen. Denn jüdische Masse in den mittleren und westlichen Theilen! unsrerseits hat uns die Erfahrung gelehrt, daß in den Ge- Europas einzudringen und sich in derselben immer mehr zu! meinden gerade durch die Bestrebungen nach einem verbesserten verbreiten begonnen, und zahllose Juden mit der herkömm- Gottesdienst eine lebhaftere Bewegung, ein rascherer Pulslichen Praxis, wie sie die Orthodoxie mit ihrer unbedingten! schlag, ein höheres Interesse der Individuen geweckt wurde, Stabilität festhielt, sich nicht mehr in Uebereinstimmung! so daß hierdurch etwaige Streitigkeiten, ja selbst Spaltungen fühlten und deshalb das religiöse Bedürfnis sich in bedrohlicher vom Standpunkt der Hebung des religiösen Sinnes reichlich Weise abschwächte, war es das Sinnen und Streben alle^ ausgeglichen wurden. Selbst auf den orthodoxen Thcil Derer, welche der Religion ihr wärmstes Interesse zugewandt! hatten derartige Bestrebungen einen weckenden Einfluß, inhatten, den-religiösen Sinn wieder zu wecken, zu heben und dem er durch den zu leistenden Widerstand aus seiner Stagmöglichst zu befriedigen. Diese Arbeit, sei sie von größerem! Nation geweckt wurde. — Aber selbst die Besprechung des oder geringerem Erfolge begleitet, muß unermüdlich fortge- Religionsunterrichtes, wenn sie nicht an der Oberfläche setzt werden und sie bildet deshalb eineu würdigen Gegenbleiben soll, kann die Berührung der „Differenzpunkte" nicht stand auch der bevorstehenden Berathungen. Nicht minder vermeiden, ohne allzu sehr auf allgemeine Fragen beschränkt zu geziemt es uns wohl, das, was überhaupt den Inhalt unserer' bleiben. Denn man kann es nicht verkennen, daß das Be- Thätigkeit ausmacht, hier in dieser bestimmten Form zu behandeln, um so mehr, da wir verhindert sein werden, der bevorstehenden Versammlung anzuwohnen. Welche sind die Mittel zur Hebung des Sinnes? Es sind zunächst die allgemeinen und überall vorhandcnen: Gottesdienst, Religionsunterricht und Literatur. Hierzu gesellen sich wohl noch andere, wie: populär-wissenschaftliche Borträge über religiöse Gegenstände, Bibliotheken und Vereine, die diesen Zweck speziell ins Auge fassen. Fassen wir diese Mittel etwas näher ins Auge. — Die Einladungsdürsniß des Religionsunterrichtes in den letzten Jahrzehnten sich in großem Maßstabe verstärkt hat. Es kommt den Eltern! immer mehr zum Bewußtsein, daß es ihrerseits eine arge religiösen Pflichtverletzung ist, die religiöse Erziehung oder wenigstens den religiösen Unterricht ihrer Kinder ganz zu vernachlässigen oder gar hintenanzusetzen. Wenn es nur gelingen sollte, immer mehr tüchtige und würdige Werkzeuge und Handhaben des Religionsunterrichtes d. h. befähigte Lehrer zu finden, so ist es uns keine Frage, daß der Religionsunterricht seitens der jüdischen Eltern immer mehr geachtet, gesucht, mit schrift zu der Rabbinerversammlung in Berlin schließt aus- Freuden begrüßt werden würde. Auch der Erfolg ist hier drücklich „alle religiösen Differenzpunkte" von den Berathungen aus. Infolge dessen müßte der Gottesdienst aus den Diskussionen der Versammlung hinwegbleiben. Denn Jedermann weiß, daß es sich seit vielen Jahrzehnten im Schoße der Gemeinden um die Gestaltung des Gottesdienstes handelt, zu verzeichnen, daß dem jüdischen Religionsunterricht in vielen höheren Lehranstalten ein Platz eingeräumt worden und er von den Schulbehörden selbst mehr oder weniger gefördert wird, wenn auch auf diesem Felde noch Vieles zu erreichen bleibt. Die wesentliche Frage bleibt daher vielmehr daß die Spaltung in orthodoxe und reformistische Gemeinden der Inhalt und Gegenstand dieses Unterrichtes und in Folge dessen die Ausdehnung desselben. Hier ist der Differenzpunkt nicht zu vermeiden. Wenn auch die große Mehrzahl der nach den Bedürfnissen der Zeit und der aufwachsenden Ge- Rabbiner und Lehrer darin übereinstimmt, daß der Unternur in der Frage beruht, ob der Cultus in allen seinen überkommenen Formen unverändert scstgehalten oder ob er nerationcu, ohne den historisch gegebenen Boden zu verlassen, umgestaltet werden solle? Gerade diese Veränderungen im Cultus scheinen der einen Partei als unbedingt nothwendig für die Hebung des religiösen Sinnes, der im anderen Falle bei der Ungenießbarkeit des Gottesdienstes in der unveränderten alten Form im gegenwärtigen Geschlcchtc immer mehr ersterben würde — während die orthodoxe Partei in jenen an sich einen Mangel des religiösen Sinnes und in der richt in der hebräischen Sprache unerläßlich ist, so erklärt doch die orthodoxe Partei das Maß der gewöhnlich bei dem Religionsunterrichte für diesen Zweig verwendeten Zeit und des erreichten Erfolges für durchaus ungenügend. In der That kann man ihr nicht ganz Unrecht geben, sobald man die obwaltenden Verhältnisse, die höchst schwierig zu ändern sind, nicht in Berücksichtigung zieht. Die in den öffentlichen Lehranstalten für den Religionsunterricht eingeräumte Zeit läßt 21*