Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 21 (20.5.1884)
- Date
- 1884-05-20
- Page
- Seite 328 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3227501-3227523--41733-3310233- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Rashi 1× ep/1002670
OCR text
328 den hebräischen Unterricht überhaupt nicht zu und in den besonderen Religionsschulen sind die doch nur wenigen Stunden die Woche, die dieser Schule bei der Trennung -er Geschlechter und der einzelnen Stufen zustehen, der Lehrgegenstände so viele, daß dem hebräischen Unterrichte keine ausreichende Zeit, um ein angemeffenes und dauerndes Ziel zu erreichen, verbleibt. Nun sind die Forderungen der Orthodoxen in dieser Beziehung wiederum allzu groß, da sie Raschi, Mischna und etwas Schulchan Aruch wenigstens in den Unterrichtskreis hineingezogen haben wollen. Von der anderen Seite ist die Zahl der Eltern nicht gering, welche den hebräischen Unterricht gar nicht wollen und ihn für ihre Kinder für überflüssig halten. Wie man nun die Hebung des Religionsunterrichtes, ohne in diese wesentlichen Fragen einzutreten, diskutiren will, ist uns nicht gut begreiflich. Ist doch bei den verschiedenen Lehrervereinen und besonders auch seitens des deutschen israelitischen Gemeindebundes die Frage nach einem normalen Lehrplane für den jüdischen Religionsunterricht oder weiter gefaßt, nach den Gegenständen und der Methode desselben, längst und vielseitig ventilirt, ohne bis jetzt ein durchaus sicheres Resultat erreicht zu haben. Wir glauben deshalb kaum, daß eine Versammlung von Rabbinen sich dieser Frage entziehen könnte, wobei dann die Differenzpunkte nicht vermieden werden können. Uns erscheint die Hebung des Religionsunterrichtes nicht möglich, ohne daß erstens viel nachhaltiger als bis jetzt sür eine tüchtige Ausbildung der Religionslehrer und für die Vermehrung solcher gesorgt werde und daß zweitens immer mehr Klärung und sichere Anschauung über die Ausdehnung und den Inhalt des Religions- Selbst das in unsrer Zeit so viel beackerte und vom Lesepublikum fast noch allein aufgesuchte Feld der Belletristik liegt für das so gut wie brach und den allbekannten Mustern für diesen Zweig haben sich jüngere Namen nicht angeschlossen, oder es ist Mittelgut herangebracht worden, welches mit dem Tage kommt und verschwindet. Auch an der Bearbeitung eigentlich religiöser Themata fehlt es nicht; aber mit geringer Ausnahme ist sie banal und langweilig, so daß sie den Leser wenig zu fesieln versteht. Ein neuer Hauch, ein neuer Aufschwung, neue schöpferische Kräfte wären hier durchaus nothwendig. Wo sie aber finden? Denn unleugbar liegt ein schweres Hinderniß hierfür in der geringen Verbreitung, welche jüdische Schriften finden, die deshalb auch geringen Lohn abwerfen. Diese dürftige Verbreitung hat ihre Ursache aber nicht etwa blos in dem mangelnden Interesse des Publikums, sondern auch und zwar seit längst weil es an Personen fehlt, die sich diese Verbreitung zur Aufgabe ihrer Beeiferung machen, wozu sie durch ihre Stellung berufen wären. Anstatt dessen hat nicht allein die Indolenz, sondern auch die Mißgunst und Scheelsucht derer hinderlich gewirkt, in deren Händen es lag, innerhalb ihrer Gemeinden für die Verbreitung und Nutzbarmachung der jüdischen Literatur wirksam einzutreten. Wir haben hierüber reichliche Erfahrungen während des 18 jährigen Bestandes des „Instituts zur Förderung der israelitischen Literatur" gemacht, welches mit geringer Ausnahme gerade in den größeren Gemeinden eine geringfügige Betheiligung fand, weil sich die Führer derselben jeder Beförderung entzogen, ja durch schiefe Urtheile das Publikum irre führten. Eine thatkräftige Förderung unterrichtes und die dabei zu befolgenden Methoden, nament-j allerorts ist aber um so unentbehrlicher, je mehr sich in den lich hinsichtlich des Hebräischen geschafft werde. — Was die Literatur betrifft, so ist deren Bedeutung in unsrer Zeit unbegrenzt. Unter Umständen vermag eine gute religiöse Literatur selbst den Gottesdienst und den Religionsunterricht zu ersetzen, jedenfalls deren Wirkungen zu verstärken und zu befestigen: außerdem aber die schädlichen Einflüffe der antireligiösen Preffe und Schriften zu paralysiren. Gegenwärtig Kreisen unserer Glaubensgenossen die meisten Männer auf das Lesen eines Tageblattes und die Frauen auf Romane und Novellen beschränken. In den meisten Familien sind die besten Erzeugnisse unserer Literatur völlig unbekannt und; man hat nicht einmal eine Ahnung von ihrer Existenz. Nach diesen beiden Richtungen hin wäre eifrig und mit Ausdauer zu wirken, soll die jüdische Literatur wieder einen Platz im jedoch leidet unsre jüdische Literatur an zwei Uebeln: zuerst religiösen und überhaupt im geistigen Leben unserer Glaubensan dein Mangel frischer und bedeutender Kräfte und dann an einer reichlichen Verbreitung ihrer Erzeugnisse. Allerdings haben die letzten Jahrzehnte eine große Zahl tüchtiger Schriften auf dem Felde der jüdischen Gelehrsamkeit, der wissenschaftlichen Durchforschung und Darstellung von Detailsobjekten aus dem Gebiete der jüdischen Geschichte und des jüdischen Schriftthums hervorgebracht. Aber das viel wichtigere Bedürfniß eindringlicher, belehrender und erhebender Schriften populären Inhalts, welche auf Geist und Herz der Menge zu wirken im Stande sind, das Interesse des bez. größeren Publikums für jüdisch religiöse und geschichtliche Gegenstände zu wecken genoffenschaft einnehmen und das werden, wozu sie so sehr geeignet wäre, das wirksamste Mittel zur Hebung des religiösen Sinnes, des religiösen Interesses und Eifers. Gehen wir nun zu den Mitteln über, die wir als besondere zu empfehlen halten. Wir stellen die Bildung von Vereinen zu dem besonderen Behufe, den religiösen Sinn zu beleben, voran. Innerhalb jeder Gemeinde sollte sich ein solcher Verein bilden und mit benachbarten Vereinen gleicher Art in Verbindung treten, um sich gegenseitig durch Austausch der zu ihrem Zwecke erforderlichen Mittel zu unterstützen und zu fördern. Ein solcher Verein hätte zu be- und zu steigern, ist im großen Ganzen unbefriedigt geblieben, stimmter Zeit, und zwar so oft wie möglich, Versammlungen