Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 21 (20.5.1884)
- Date
- 1884-05-20
- Page
- Seite 326 (sequence 2)
- Language
- German
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326 Selbsterhaltungspflicht, sondern glücklicher Weise auch die ausgetreten, wo sehr viele Juden wohnen und deren Stimmen Pflicht gegen den Staat. Der Antisemit ist der Gegner des sind ihm, dem eminenten Bertheidiger von Tißa-Eßlar, ge- Grundprinzips des Staates und der staatlichen Ordnung, der Gleichberechtigung aller Staatsangehörigen vor dem Gesetze; er geht darauf aus, die Einheitlichkeit des Volkes zu spalten. wiß. Aber selbst von der clerical-aristokratischen Partei haben wir nichts zu fürchten. Wenn sie im Oberhause das Noth- Civilgesetz, und besonders die Mischehen zwischen Christen er säet zu diesem Ende Haß und Gewaltthat aus; er wühlt und Juden zum Falle gebracht, so that sie dies wesentlich das Volk aus und schreckt vor Anarchie und Umsturz nicht zur Bekämpfung der Civilehe überhaupt, und sie selbst hat zurück. Ob der einzelne Antisemit so oder so weit geht: die zu viel von irgend welchen anarchischen Zuständen zu be- Consequenz bleibt dieselbe, wie die Thatsachen erwiesen haben. > sorgen, als daß sie nach den gemachten Erfahrungen der Hier gilt kein Pactiren, hier gilt entweder — oder. Wer antisemitische Allüren hat, wer sich um die Frage herumantisemitischen Bewegung Vorschub leisten sollte. Was die gemäßigte und die Regierungspartei anbetrifft, so sind sie drücken will, dem muß der jüdische Wähler seine Stimme' prinzipiell gegen den Antisemitismus. So stehen augenblickversagen, mag er damit zur Majorität oder zur Minorität; gehören. Es gilt die Existenz im Staate, in der Gesellschaft,! also eine der theuersten Pflichten jedes Bürgers. — Glücki licher Weise steht es bis jetzt, so weit unsre Informationen j reichen, auch in Ungarn durchaus nicht so schlimm, wie es den Anschein hatte. Die Antisemiten machen überall großen Lärm; sie leben von der Bedeutung, die sie sich beilegen, von dem Geräusch, das sie verursachen. Das Zeitungsgelich die Aspekten auf für uns durchaus nicht bedrohlichem Stande. Gerade dies aber ruft und berechtigt die jüdischen Wähler zur vollen Wachsamkeit, berechtigt, denn wenn alle Hauptparteien sich dem Antisemitismus entgegenstellen, so ist damit die Stimme des Volkes ausgesprochen, also den Juden das volle Recht zuertheilt, sich gegen die Antisemiten zu wehren. Auch in Deutschland sind Wahlen zum Reichstage nahe. Mag die Meinung, daß im Falle der Ablehnung des Soschwätz, das nach pikantem Stoffe dürstet, trägt dazu das cialistengesetzes der gegenwärtige Reichstag aufgelöst werden Meiste bei. Bleibt der Antisemit in der Oeffentlichkeit unbeachtet, so hört er auf gefährlich, ja nur bedrohlich zu sein. Er bleibt dann in dem schmutzigen Winkel oder in der Sackgaffe stecken. Nun, da die Wahlen und damit die Entscheidung für die nächste Zukunft des Staates mit vollem Ernste an den Ungar treten, vergißt er die kleinen Rancunen und die augenblicklichen Motivchen Nation steht vor ihm und verlangt würde, sich verwirklichen oder nicht, so bringt der Herbst das Ende der jetzigen Legislaturperiode, alsv Neuwahlen. Niemandem kann es entgehen, daß in Deutschland die antisemitische Hochfluth sich verlaufen, und diese Bewegung sich als solche in örtliche kleine Schmutzgewäffer zurückgezogen hat. Nur das Eine ist zu berücksichtigen, daß die conserva- — das Vaterland, die tive Partei, wenn auch im engeren Sinne, d. h. mit Auseine gewiffenhaste Erschluß der sreiconservativen, den Antisemitismus in ihren wägung. So weit wir hören, mögen die Antisemiten wohl Schutz genommen und gelegentlich dem Herrn Stöcker, als im Stillen wühlen: aber die Zahl dieser ausgesprochenen einem ihrer Führer, lebhaften Beifall zollt. Die übrigen Agitatoren ist gering, und sie trauen sich augenblicklich nicht Parteien des Reichstages haben sich gegen jede Beschränkung an die Oeffentlichkeit. Die Situation ist auch zu ernst für der Gleichstellung aus confessionellen Rücksichten ausgesprochen. Ungarn. Die Unzufriedenheit hat einen hohen Grad erreicht. Auch das Centrum hat dies gethan und zwar aus prinzi- Die dem Ministerium Tißa feindlichen Parteien wollen dieses, piellen Gründen, wenn auch nicht wenige ihrer Mitglieder stürzen. Die Klerikalen und Aristokraten von der einen, die antisemitische Gesinnungen hegen. Diese Berhältniffe hat der Radikalen und sog. Gemäßigten von der andern Seite. Aber keine dieser Parteien ist, weil geringzählig, regierungsfähig,! vermag eine Majorität zu Stande zu bringen. Wird es jüdische Wähler wohl zu beachten, und müssen sie aus allgemeinen und speziellen Gründen seine Abstimmung beeinflussen. Nur noch eine Bemerkung. Man hat den Abgeordneten ihnen nun gelingen, die Mehrheit, die jetzt Tißa unterstützte,! jüdischer Religion nicht selten vorgeworfen, und es geschah zu verringern und sich selbst zu vergrößern? Dies ist die j dies selbst von jüdischer Seite, daß sie den oppositionellen Frage jeder Partei. Unter diesen Umständen schweigen sie Parteien angehören, und man zog daraus Schlüsse auf die über ihre antisemitischen Neigungen. Wir müssen es abwarten.! Juden überhaupt. Hiergegen muß man betonen, daß Juden Die Unabhängigkeitspartei hat den antisemitischen Anklang j nur von entschieden liberalen Wählern gewählt werden, daß verschwinden lassen. Einige ihrer Mitglieder sind mit anti-. also gar keine anderen Juden zu Abgeordneten gewählt semitischen Abgeordneten zu so injuriösen und selbst handgreiflichen Thätlichkeiten gekommen, daß sie die Lust verloren haben werden, mit ihnen in irgend eine Verbindung zu treten. Ist doch einer der hervorragendsten Männer dieser die gewählten einnehmen. Partei, Karl Eötvös, in einem Wahlbezirke als Kandidat! werden, als welche selbst entschieden liberal gesinnt sind. Andere Juden werden nicht in das Parlament gesandt, und es ist deshalb durchaus nur eine persönliche Stellung, welche