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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1884-05-20 · Heft 21 (20.5.1884) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
48 (1884)
Issue
Heft 21 (20.5.1884)
Date
1884-05-20
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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"Allgemeine Zeitung des Hudenthums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Leitung erscheint wöchentlich. | Preis vierteljährig 3 Mark. Abonnei ment in Deutschland (Postzeitungsliste | Nr. »L) und Oesterreich bei allen Postämtern. außerdem durch den Buchhandel. Herausgegeben von Nubbinci: Dr. Ludwig Philippson in Bonn. KZepeöiliorr: Leipzig, WoßpLcrh 18. In redaktionellen Angelegenheiten wende man sich an Dr. L. Philippson in Bonn direct, in allen übrigen an die Berlagshandlung. Beilagen (Gebühr 12 M.) sind gleichfalls an letztere einzusenden. 48. Jahrgang. Leipzig, den 20. Mai 1884. No. 21. Inhall. Leitende Artikel: Zu den bevorstehenden Wahlen in Ungarn und Deutschland. — Zur Hebung des religiösen Sinnes. — Heber den Einfluß des talmudischen Studiums auf die Sokealik und deren Anwendung und Pflege in den Schulen. Bon M. Mannheimer. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Berlin. Bonn. Pom Rheine, Colmar, Essen. — Oesterreich-Ungarn: Wien, Pest. - Rußland: Ans Polen, Mariampol. — Bulgarien: Silistria. Bonn: Notizen. — Feuilleton: Wie ich Philosemit geworden bin. (Schluß.) -- Vermischtes: Rothschild und Schönerer. £c«iciiCc 0d;f«f. Bonn, 14. Mai. 3n den bevorstehenden Wahlen in Ungarn und Deutschland. Die Juden als solche bilden keine politische Partei. Dies ist ein Axiom, das wir aller Zeit geltend machen müssen. Von dem Augenblicke an, wo die Gleichstellung vor dem Gesetze verfassungsmäßiges Grundrecht geworden, haben die Juden als solche keine politischen und sozialen Interessen zu verfolgen. Das Judenthum ist in der glücklichen Lage, seinen Bekennern in Staat und Gesellschaft keine aus dasselbe bezüglichen besonderen politischen und sozialen Pflichten auszuerlegcn, sobald ihnen die ( bürgerliche Gleichstellung gesichert ist, sondern jedem Einzelnen, zu überlassen, nach seiner Ueberzeugung und seinem Gewissen sich einer der Parteien anzuschließen. Die Ursache hiervon liegt darin, daß das Judenthum seit dem Falle Jerusalems niemals Staatsreligion gewesen, niemals aus Staatsmitteln erhalten oder unterstützt wurde, deshalb Autonomie für seine inneren Angelegenheiten besaß, und so nicht in die Lage kam, in einen Kampf gegen eine zeitliche Richtung der Staatsgewalt eintreten zu müssen und eine geschlossene Partei zur Abwehr von Eingriffen zu bilden. Selbst in Frankreich und Belgien, wo seit fünfzig Jahren der Staat einen Cultusetat auch für den israelitischen Cultus hat, und diesem deshalb eine kirchliche Organisation unter der Aufsicht des Staates verlieh, beschäftigt sich der Staat mit den inneren Angelegenheiten des Cultus nicht, und unterliegt die Synagoge dem etwaigen Wechsel in dieser Stellung zum Staate ganz so, wie die katholische und die protestantische Kirche, so daß auch hier das Judenthum keine besonderen Jntereffen für sich allein zu verfolgen hat. Aus diesem Gesichtspunkte haben im Allgemeinen auch die Wahlen zu einem Parlamente kein spezifisches Interesse für die Juden, und sie haben sich an denselben eben nur als Bürger in gewifienhafter Erfüllung ihrer Bürgerpflicht zu betheiligen und als Individuen für denjenigen Kandidaten ihre Stimme abzugeben, der ihnen am angemessensten für das Wohl des Vaterlandes mitzuwirken scheint. Jndeß dieser einfache Standpunkt wird ihnen nicht immer und überall gelassen. In Ungarn steht man dicht vor Neuwahlen zum Abgeordnetenhause. In Ungarn gingen aber die antisemitischen Wogen sehr hoch; die ganze vielnationale Bevölkerung schien vom Antisemitismus ergriffen und durchwühlt zu sein, so daß derselbe einen Hauptmittelpunkt der Wahlbewegung abgeben werde. Hatte sich doch selbst die sog. Unabhängigkeitspartei verleiten lassen, ihrem Wahlmanifeste eine antisemitische Färbung zu geben. Man hegte deshalb große Besorgniß, da ja selbst in gewöhnlichen Zeiten die Wahlen nicht selten mit wilden Ausbrüchen der Bolksleidenschaften, mit Gewaltthätigkeiten verbunden sind. Hier tritt allerdings; für die Juden die Nothwendigkeit ein, sich bei den Wahlen ent-! schieden gegen jeden Kandidaten zu wenden, welcher Partei ' er auch angehöre, der antisemitischen Tendenzen sich zuneigt ■ oder sie gar offen bekennt. Der jüdische Wähler muß verdangen, daß jeder Kandidat sich in bestimmter Weise über! diesen Punkt ausspreche. Dazu verpflichtet ihn nicht nur die 21

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