Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 20 (13.5.1884)
- Date
- 1884-05-13
- Page
- Seite 321 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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321 hätte Einer gewagt, mir zu widersprechen und dafür hätte ich ihm etliche Püffe versetzt, der Lehrer aber mich in der Schule behalten. Ja, mußtest Du deshalb gleich Jemanden schlagen? fragte die Mutter. — Es war ja nur ein Jude'. — Was? rief meine Mutter aus. Du sagst, es wäre nur ein Jude gewesen? Ist der Jude in Deinen Augen nicht ebenso ein Mensch, wie jeder Andere? Du verachtest Jemanden um seines Glaubens willen? Vergissest Tu, das; man „unsere" Glaubensgenoffen vor fünfzig Jahren ebenso verfolgt hat in dieser Stadt, wie Du jetzt den Juden verfolgst? Nun trollst Du Dich auf der Stelle fort und suchst mir den jüdischen Studenten auf, den Du geschlagen, und bittest ihn um Verzeihung. Und schriftlich mußt Du mir es von ihm bringen, daß er Dir verziehen hat. Ich war entsetzt ob der drakonischen Strenge dieses Urtheils. — Wie, ich soll mich erniedrigen vor jenem Juden? — Du erniedrigst Dich vor Gott, der den Juden wie! Dich nach seinem Ebenbild geschaffen. I — Und wie finde ich ihn jetzt in dieser großen Stadt?! — Das ist Deine Sache. Du weißt, in welcher Gasse die Juden wohnen. Gehe dort von Haus zu Haus, bis Du! ihn findest: Thue auf Deinen Mund und halte Nachfrage; Komorn ist ja kein Urwald. Mir aber wirst Du ohne jene, Schrift nicht vor die Augen kommen. Das war das Ultimatum. Ein böser Fall fürwahr. Das Mittageffen hatte ich schon versäumt, nun sollte ich auch das Abendbrod verlieren. (Schluß folgte Vermischtes. Ein Kuriosum aus Amerika. Wir erhielten jüngst aus New-Zork, vom 0. April datirt ein aus acht Folioseiten größten Formats bestehendes Blatt, das den Titel führt: „l'n88over Bumber ot' the Jewish Gazette a*jx^ nns.“ Abgesehen von dem englischen Titel enthält das Blatt kein englisches Wort, sondern ist in hebräischer Quadratschrift in deutscher Sprache verfaßt, die jedoch dem russischen Jargon näher steht als dem Hochdeutschen. Das Ganze beweist, daß die russisch-jüdische Bevölkerung in Nordamerika schon recht groß geworden sein muß, und daß sie ihren Character, ihre Sitten und Sprache beizubehalten sich bemüht; sonst wäre ein Blatt von solchem Umfang, das lediglich auf sie berechnet ist, eine schlechte Spekulation, noch dazu da die vorliegende Nummer 10 Ct. (über 4" Pf.) kostet. Das Blatt ist auch hier und da mit Originalholzschnitten versehen. Wer nun in der gebildeten Welt die „Paffahnummer" eines Blattes in die Hand nimmt, setzt voraus, daß er hier über ein so hohes und bedeutungsvolles Fest ernste Betrachtungen, sinnige Gedanken, schwunzreiche Auslegungen finden werde, welche ihn für das Fest andächtig und weihevoll stimmen und über deffen geschichtlichen und gedanklichen Inhalt Ausschluß geben. Aber nichts von alledem, sondern nur humoristische und satirische Artikel in noch geringerem Tone als der Kladderadatsch, mit sehr wenigem Witze, das Meiste in Knittelversen. Ein großer Theil des Inhalts hat mit Paffah gar keinen Zusammenhang, wie die Unterhaltung zwischen hem ungarischen Schneider und dem russischen Fädler, die Leidensgeschichte eines Contrabaudiers und dgl. Dabei stehet der oder stehen die Verfasser auf sehr niedrigem sittlichen Boden, von Geschmack natürlich keine Spur. So macht das Ganze einen widerwärtigen Eindruck, und wenn es auf das Wesen derer, für welche das Blatt berechnet scheint, schließen lassen sollte, so gäbe es ein trauriges Zeugnis in intellektueller, religiöser und sittlicher Beziehung ab. Nachtrag. Berlin, 5. Mai. (Privatmitth.) Zu der am 4. und 5. Juni zusammenberufenen Rabbinerversammlung haben bereits 41 Rabbinen ihre Betheiligung zugesagt. Darunter sind 10, welche an einer der früheren Synoden Theil genommen. Obgleich cs aber in der Einladungsschrift heißt: „Jeder religiöse Differenzpunkt ist von der Diskussion ausgeschlossen" — hat sich Niemand von der sog. orthodoxen Partei gemeldet, auch nicht die in Berlin ansässig sind. „Die zur Diskussion gestellten Gegenstände sind; 1. Oeffentliche Erklärung, die interkonfessionelle Stellung des Judenthum betreffend; 2. Mittel zur Hebung des religiösen Sinnes und zur Förderung des Religionsunterrichts: 3. Bildung eines Verbandes der Rabbiner Deutschlands." Für Nr. 1 wird folgende Erklärung vom Berliner Rabbinat vorgeschlagen: „Das Gebot der Nächstenliebe, welches im 3. Buch Moses, Cap. 19, V. 1* mit den Worten: „Und du sollst lieben deinen Nächsten wie dich selbst, ich bin der Ewige!" verkündet wird, bezieht sich nicht allein auf den Stammes- oder Glaubensgenoffen, sondern ist, ebenso wie das daselbst Cap. 24, B. 22 verkündete Gebot der Gerechtigkeit: „Ein Recht sei euch, der Fremde sei wie der Eingeborene, denn ich bin der Ewige, euer Gott!" als ein uneingeschränktes, alle Menschen umfassendes Gebot , anzusehen.