Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 20 (13.5.1884)
- Date
- 1884-05-13
- Page
- Seite 320 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3227501-3227522--41724-3310223- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
das Hübner hieß, lernte, war auch nicht geeignet, Vorliebe für die Juden in mir zu wecken. Warum läßt man auch die Juden frei herumgehen, die meinen Heiland gekreuzigt haben? Wer aber meine Ansichten am vollkommensten theilte, das war unser Hund Cziczke. Hu, wie der hervorstürzte, wenn hie und da solch' eine bärtige Gestalt in Pluderhosen in unseren Hof kam. Da war ich auch selber ein Held. Wie hetzte ich dann Cziczke: „Allo, putz, faßan!" und wie lachte ich, wenn ich die Pantoffel des hinausrennenden Juden schlürfen hörte. Als ich dann größer wurde, schickte man mich nach Preßburg, um Deutsch zu lernen. Dort erfuhr ich. daß es am Ende der Stadt eine verwunschene Stätte gebe, die Schloßberg heiße und blos von Juden bewohnt fei. Das wäre die Brut- und Lagerstätte aller Sünden gegen Gott und Menschen und wenn man von einem Studenten erführe, daß er auf dem Schloßberg gewesen, würde man ihn sofort aus der Schule stoßen. In diesem Glauben erstarkt, kehrte ich wieder nach Ko morn zurück, wo es damals noch ein berühmtes Gymnasium gab mit drei Klaffen Philosophie und Poesie. Bis dahin hatte ich einen jüdischen Studiosus weder im Lyceum noch im Gymnasium getroffen. Wozu hätte ein Jude auch Lateinisch lernen sollen? Er durste kein Amt bekleiden, er durfte weder Advokat noch Ingenieur werden. Wozu hätte ihm also das Latein genützt? Etwa um die Horaz'sche Aufforderung zu verstehen: „Nunc est bibendum, nunc pede libero pulsanda tellus“? Darf der Jude denn froher Laune sein, Wein trinken und tanzen? Das wäre kurios! Blos eine wiffenschaftliche Laufbahn stand dem Juden offen, die ärztliche, oder wie man sie damals nannte, die Doktoren Laufbahn. (Damals durften nur die Aerzte Befikatercn und Schröpfköpfe anwenden, den „Prokatoren" war dies nicht gestattet; deshalb nannte man auch nur die ersteren Doktoren; die anderen hießen Fiskale.) Als ich nun die „Poesie" besuchte, ereignete sich das Wunderbare, daß sich ein jüdischer Studiosus in unsere Klaffe einschreiben ließ. Er hieß Koritschoner. Er war nicht jung mehr; schon über die Vierzig. Bis dahin war er Magister der Kalligraphie gewesen; er unterrichtete Schönschreiben, er kopirte Gratulations-Schreiben mit einer Schrift, die wie gestochen aussah. Das war freilich ein mageres Brod. Trotz seines vorgeschrittenen Alters hatte er den ehrgeizigen Plan, Arzt zu werden gefaßt; zu diesem Bchufe mußte er vorher Humaniora absolviren. Grammatik und Syntax lernte er zuhause als Autodidakt, was ihm nur bei einem riesigen Fleiße möglich war, denn er war nicht von besonders rascher Auffaffung. Uns 14—15 jährigen Burschen machte dieser vierzigjährige Kamerad viel Spaß mit seiner kuriosen, ausgewachsenen Gestalt, mit seinem rasirten Gesicht, mit seiner mauschelnden Aussprache und seiner unwillkürlichen Komik. Eines Tages war er von der Schule ausgeblieben und als ihn der Professor deshalb zur Rede stellte, sagte der gute Koritschoner zu seiner Rechtfertigung: „Ich konnte nicht kommen, weil mich meine Frau eben gestern mit einem Söhnchen beschenkt hat." Man kann sich denken, welche heitere Stimmung sich auf diese ungewohnte Entschuldigung der ganzen Klaffe bemächtigte. Nur der Professor, der Alles ernst nahm, lachte nicht, er wünschte seinem Schüler Glück zu dessen Neugeborenen und entließ ihn für diesen Tag, damit er bei seiner Frau wachen könne. Auch der gute Koritschoner nahm die Geschichte, wie Alles im Leben, sehr ernst. Mit der Kalligraphie verträgt sich eben kein Spaß. Einmal hatten wir, der alte Koritschoner und ich, vor der Schulstunde einen Disput. Die Kontroverse bestand darin, ob in der ungarischen Metrik das b ein Konsonant sei oder nicht. Ich sagte Ja, er Nein. Schließlich warf ich hin: „Was weißt Du davon. Du bist ja nur ein Jud", worauf er ripostirte: „Du aber bist nur ein Kind." Eine schreckliche Beleidigung das, einem vierzehnjährigen Manne zu sagen, daß er ein Kind sei! Heutzutage würde man den Beleidiger hiefür zum Duell fordern. Damals machte man mit ihm kürzeren Prozeß. Ich war 14, er 41 Jahre alt, aber ich war ein Magyar und er blos ein Jude; Grund und Rechtstitel genug, ihn am Kragen zu packen und seinen Rücken mit der Faust zu bearbeiten. Als ich den Konsonanten Charakter des b auf diese Weise auf dem Rücken des jüdischen Kameraden bewies, trat der Professor ein. Er war ein strenger und gerechter Mann, er bestrafte mich, trotzdem ich sein Schwager war, für dieses Vergehen und ich mußte bis zum Abend in der Schule bleiben, was eine große Schande war. Daheim nahm mich meine Mutter vor. Meine in Gott ruhende Mutter hatte ein gutes, gesegnetes Herz; dabei aber war sie eine soldatisch strenge Natur. Sie stagte mich, wo ich geblieben wäre. Ich erzählte ihr, aufs tiefste entrüstet, von dem Unrecht, das mir widerfahren: wie ich mit Bestimmtheit wisse, daß der Buchstabe „b" ein Konsonant sei, ich könne für meine Behauptung Vörösmarty zitiren; „Cserhalom", das sei ein Daktylus; wäre „b" kein Konsonant, so wäre obiges Wort ein Tribrachys: und da