Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 20 (13.5.1884)
- Date
- 1884-05-13
- Page
- Seite 319 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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319 Rußland an die Auswanderer nach Amerika, die noch der Hülfe bedürftig find. So wurde z. B. an hiesigem Orte eine verhältnißmäßig sehr ansehnliche Summe gesammelt und abgesandt. — In Lodz floriren die von dem jüdischen Fabriksherrn Israel Posnanski mit 15000 Rubeln gestifteteten Volksküchen, eine für Juden, eine andere für polnische Katholiken und eine dritte für Deutsche, da auch andere Fabrikherren, namentlich aber Juden, reichlich zugeschossen haben. Moses Feinkind. Jekaterinowslaw, 28. April. In dem Prozesse gegen den wegen Widerstands gegen die Behörden gelegentlich der im vorigen Jahre hier vorgekommenen Exceffe gegen Israeliten angeklagten Bäcker Alypow vor dem hiesigen Bezirksgericht haben die Geschworenen den Angeklagten für schuldig erkannt, aber demselben mildernde Umstände (!) zugebilligt. Das Gericht hat den Angeklagten in Folge dessen zu einer Gefängnißhaft von acht Monaten verurtheilt. Jekaterinowslaw, 1. Mai. In dem Prozesse wegen Widersetzlichkeit gegen die Behörden bei Gelegenheit der im vorigen Jahre hier gegen die Juden begangenen Ausschreitungen sind von 3 weiteren Angeklagten 2 von den Geschworenen für schuldig erklärt und zu 1'/jähriger resp. 1 jähriger Zuchthausstrafe verurtheilt worden. Der dritte Angeklagte wurde freigesprochen. Bonn, 4. Mai. (Notizen.) Bon Berlin schreibt man: Am 29. v. M. wurde der am 26. verstorbenenc Lector im königlichen Polizeipräsidium, Herr Jacob Friedländer, auf dem jüd. Kirchhofe in der Schönhauser Allee zur letzten Ruhe bestattet. Zu der vorher im Trauerhause stattgefundenen Trauerfeier hatten sich außer den nächsten Angehörigen des Heimgegangenen die Freunde und Berufsgen offen desselben zahlreich eingefunden. In Vertretung des Polizeipräsidiums war Oberregierungsrath Friedheim erschienen. Die Gedächtnißrede hielt der Rabbinatsafseffor Dr. Frankl. — Man schreibt aus Königsberg i. Pr. vom 1. Mai: Am heutigen Geburtstage Jacoby's wurde dessen Grabstätte durch zwei Kränze geschmückt, deren einer eine Widmung des seit Jahren in der Schweiz lebenden Herrn John Reitenbach ist, während der andere die Inschrift trägt: „Gewidmet von den Königsberger Parteigenossen". — In Leipzig verstarb vor Kurzem der Buchhändler Karl Tauchnitz, der sein ganzes Vermögen, bestehend, außer einem sehr großen Grundstück, in mehr als 4 Millionen Mark, der Stadt Leipzig zu wohlthätigen Zwecken vermachte und zwar unter der ausdrücklichen Bedingung, daß die aus der Stiftung hervorgehenden Bortheile „allen Bewohnern von Leipzig ohne Unterschied der Konfession und ohne jede Rücksicht auf deren kirchliche Stellung oder religiöse Ueberzeugung zugänglich sein müssen, dergestalt, daß außer der Bedürftigkeit nur die sittliche Würdigkeit der zu Unterstützenden entscheidet. — In Konstantinopel haben die Arbeiter der Tabaksregie, weil ihnen der Lohn um 25 resp. 33'/:; Prozent verkürzt werden sollte, einen argen Tumult an gestiftet, der nur durch Militärgewalt unterdrückt werden konnte. Unter diesen Arbeitern befinden sich viele Juden und da eine große Anzahl Arbeiter verhaftet wurde, hat dieses Loos auch 40 Juden betroffen. — Die verstorbene Baronin Lionel v. Rothschild in London hat folgende Vermächtnisse hinterlaffen: 15000 L. St. dem Jewish Board of Guardians, 10000 L. St. dem Londoner Hospital und dem Evelina-Hospitol und 54000 L. St. unter 26 Anstalten und Schulen zu vertheilen. — Der General Lambert (Jude), früher Kommandant von Paris, dann von Tunesien, ist zum General-Inspektor der Gensdarmerie ernannt worden. — Der Oberst vom Genie Fix (Jude) ist zum Kommandeur der Subdivision? von Aumale (Algerien) befördert worden. — Feuilleton. Wie ich Philosemit geworden bin. Unter dieser Rubrik giebt der berühmte jetzt lebende ungarische Dichter und gefeierte Reichtagsabgeordnete Moriz J<'>kai im „P. L." folgende „Erinnerung an alte Zeiten." Soll ich's leugnen? Auch ich war als Kind Antisemit; so wie es jeder unentwickelte Mensch ist. Die Mägde hatten mir den Kopf voll gemacht damit, daß die Juden an ihrem Osterfest das Blut christlicher Kinder benützen und zwischen unserem Hause und der Schule lag die Baranyay'sche Kurie, in der Juden wohnen dursten. Auch der Schächter hauste dort. Jeden Tag sah ich, wie die Gänse mit den durchschnittenen Hälsen zum Thore hinaus gehängt wurden und meine Phantasie ergänzte das Uebrige. Was für schreckliche Dinge mußten dort vor sich gehen! Ich hätte es auch nicht gewagt, vor den Gewölbthüren vorbeizugehen, wo die düsteren Männer mit den langen Bärten, mit den in den Kaftanärmeln steckenden Händen und mit den in den Pantoffeln steckenden Füßen saßen; stets mußte mich eine Magd bis zum Schulhofe begleiten oder die Tante Esther mußte sich ins Hausthor stellen, um mir von dort nachzublicken. Schaute ich mich aber vor des Schächters Thür um und sah ich, daß man mir von unserem Hause nicht nachblicke, so lief ich sicherlich noch von der Hälfte des Weges nach Hause zurück. Was ich dann in der Schule aus einem dicken Buche, •>o*