Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 20 (13.5.1884)
- Date
- 1884-05-13
- Page
- Seite 318 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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318 Lang zur Nachahmung. Die Versammlung schloß endlich mit der Annahme einer solchen Verordnung auch für die Charkower Universität, gegen welche, wie man behauptet, wenn auch mit Energie, so doch ganz vergebens, sich blos zwei Professoren ausgesprochen haben sollen! Das Herannahen des Osterfestes brachte uns gleichzeitig im Gefolge eine ganze Fluth der sogenannten Ostermärchen, welche hier und da in den verschiedenen Ortschaften des weiten Zarenreiches auftauchten, glücklicherweise jedoch ohne irgend welche schädliche Folgen für unsere Glaubensgenossen hinterlaffen zu haben. Aus den vielen andern wollen wir an dieser Stelle blos das folgende hervorheben, welches sich in Tiflis (Kaukasien) abspielte, wo anscheinlich doch vor noch nicht ganz langer Zeit durch die z. Z. berühmte Affaire von Kutais nachher bei der öffentlichen Gerichtsverhandlung die ganze Absurdität dieses Hirngespinstes auf solch' eclatanteste Art ans Licht gefördert wurde. Die Zeitung „Kawkas" meldet darüber wie folgt: Einige Tage vor den jüdischen Osterfeiertagen sprach eine alte Hausirerin einem Polizeisoldaten gegenüber die Vermuthung aus, bei ihrem Vorübergehen durch eine gewiffe Straße ans dem Kellergeschosse eines Hauses, wo sich zufälligem jüdischer Fleischladen besindet, das Schreien eines Kindes vernommen zu haben. Das nahe bevorstehende Paffahfest und die alte Geschichte von dem zur Bereitung der Mazot unentbehrlichen Christenblut waren selbstverständlich vollkommen genügend, um die sämmtliche Population dieser entlegenen Stadtgegend in die höchste Aufregung zu versetzen. Nach kurzer Zeit schwoll die Menge zu Tausenden und alle umliegenden Straßen waren vollkommen versperrt. Gleich darauf erschien auch der Procureur des Bezirksgerichts, wie auch der Chef der örtlichen Polizei und unternahmen eine sorgfältige Untersuchung an Ort und Stelle. Das Haus sowohl, wie auch sogar der im Hofe befindliche Brunnen wurden genau durchsucht, und es wurde natürlich nichts gefunden, was irgend etwas ähnliches mit einem schreienden Kinde hatte. Wie es sich nachher herausstellte, befanden sich in dem zur Fleischbude gehörigen Keller einige Lämmer, deren Blöcken der Hausiererin wie Kindergeschrei vorkam. Bis spät in der Nacht waren indessen im Hause, wie auch in den umliegenden Straßen, verstärkte Polizeipatrouillen aufgestellt. Bon der als völlig gelungen zu betrachtenden Uebertragung des I. B. Levinson'schen Werkes „ircn dün" durch Herrn Sorkin, ins Russische, deren in Nr. 1b der Allgem. Ztg. Erwähnung gethan wurde, soll, wie der „Hamelitz" mitzutheilen weiß, demnächst auch eine deutsche Uebersetzung erscheinen. — Das von Ihnen unlängst erwähnte gediegene Werk „Daniel Deronda" ist seit längerer Zeit auch ins Russische übertragen. In B erd itsche w, welches durch seine bedeutende jüdische Population bekannt ist, und wo ein großer Mangel an mittleren Lehranstalten sich äußerst fühlbar macht, trägt man sich, dem judenfeindlichen „Kiewljanin" zufolge, mit dem Gedanken, durch Gründung einer Actien - Gesellschaft ein Progymnasium ins Leben zu rufen. In dem betreffenden Entwürfe figurirt u. A., im vollkommen modernen Stile, auch folgender Punkt: Actionäre können Personen jeglicher Stände und Confessionen sein, wobei die Zahl der Actionäre jüdischen Glaubens keineswegs die Norm von 15 Prz. der Totalsumme übersteigen darf. Ein dem entsprechender Procentfatz kommt auch auf die jüdische Schülerzahl, wie auch in allen stattzufindenden Versammlungen auf die jüdischen Actionäre. 0 teinporu, o mores! H. B. Warschau, im April. Der „Post-L." theilt eine Verordnung des General Gurko vom 14. April mit, welche folgendermaßen anhebt: „Bei einer von den Assent-Kommissionen meines MilitairKommandos sind bedeutende Mißbräuche endeckt worden, welche in gewinnsüchtiger Absicht zum Ziele hatten, zur Stellung einberufene Juden von der Assentirung zu befreien. Die sorgfältige Untersuchung entdeckte den Bestand eines zu diesem schändlichen Zwecke organisirtem Consortiums, bei welchem u. A. auch ein Kommissionsmitglied betheiligt war. Diese glänzenden Resultate der Untersuchung wurden nur durch das ehrliche, uneigennützige Vorgehen des Unterarztes der 18. Artillerie-Brigade, Moisejeff, erreicht, welcher, empört über die trügerischen Vorspiegelungen und über die abscheuliche Berschacherung der Heiligkeit des Diensteides, die Sache dem Gerichte abtrat." Die Ungunst, in welcher die Juden stehen, zeigt sich recht in diesem Circulär. Denn daß die geschilderten Mißbräuche nicht bloß die Befreiung von Juden zum Gegenstände hatten, ist allbekannt; man citirt aber bloß die Juden, um die Sache abzuschwächen; hingegen verschweigt man, daß der Unterarzt Moisejeff ein Jude ist. Turek, im April. (Privatmitth.) Diejenigen Beamten, welche unter dem Regiment Jgnatiews angestellt wurden, oder die dessen Gesinnung theilen, wollen durchaus die sog. „provisorischen Reglements" gegen die Juden in Ausführung bringen. So wird aus Woker (Kreis Balta) berichtet, daß der Kreispräsident befohlen, die Juden sollten alle Dörfer seines Kreises bis zum 22. April verlassen. Ueber 75 Familien sind dadurch heimathslos geworden. Gleiches wird aus Wraschkov (Podolien) gemeldet. Dagegen theilt der „Kur. Marsch." vom 29. März mit, daß der Gouverneur des Gouvernements Lublin (Polen) einen gleichen Befehl erlassen habe, der jedoch vom Generalgouverneur Gurko aufgehoben worden, da jene provisorischen Reglements auf Polen keine Anwendung hätten. — Die Auswanderung jüdischer Familien, namentlich nach Amerika, nimmt immer mehr zu. Es fließen übrigens auch Unterstützungen aus