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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1884-05-13 · Heft 20 (13.5.1884) · p. Seite 316

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
48 (1884)
Issue
Heft 20 (13.5.1884)
Date
1884-05-13
Page
Seite 316 (sequence 8)
Language
German
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316 Stadt bereits 300000 Mk. und 30000 Mk. geschenkt, hat jetzt 15000 Mk. der Synagogengemeinde zum Neubau eines Hauses für Rabbiner und Kantor bewilligt. Oesterreich-Ungarn. Pest, 1. Mai. (Privatmitth.) Die Wahlbewegung ist nunmehr im ganzen Lande eröffnet. Bon den geheim betriebenen Wühlereien der Antisemiten verlautet noch wenig. In einem Bezirke des Saroser Comitats ist trotz des gährenden Antisemitismus ein Jude, Di-. Leopold Glück, Advokat aus Eperies, deffen sympathische Person im ganzen Bezirke bekannt und beliebt ist und der zur liberalen Partei gehört,' als Candidat aufgestellt. In jedem einzelnen Dorfe des Wahlbezirkes hält er seine Programmrede im fließendsten Slovakisch unter allgemeinem Beifall des Volkes. Er wird allenthalben freundlich empfangen, ja es werden Abgesandte der einzelnen Dörfer, die er noch nicht besucht hat, zu ihm geschickt, damit er auch dahin komme und seine Programmrede halte. Mehr denn 600 Wähler haben ihm ihre Unterstützung nicht nur mündlich versprochen, sondern auch mit ihren Unterschriften bekräftigt, so daß seine Chancen sehr gut stehen. Am 23. v. M. verschied in Wien der bekannte Schauspieler Anton Ascher als gläubiger Jude. Ascher war einer von den wenigen seiner Berufsgenvffen, der sich bei jeder Gelegenheit mit Stolz Jude nannte. Frankreich. Bann, 28. April. (Privatmitth.) Wenn die Franzosen; sich irgend eine Meinung gebildet haben, die ihrem Nationalj stolze zusagt, so ist es schwer, sie ihnen wieder zu nehmen,! sie bestärken sich durch immer wiederholten Ausdruck derselben nur immer darin. Denen, welche sich davon betroffen und geschädigt glauben, bleibt nichts übrig, als entschieden dagegen zu protestiren. Dazu haben wir heute volle Veranlaffung. Bekanntlich hat Frankreich Tunesien erobert und annektirt. In Tunis wurden israelitische Schulen, wie in' so vielen anderen orientalischen Städten, gegründet und die' israelitische Bevölkerung der Stadt Tunis sendet bereits fast 1000 Schüler und Schülerinnen in dieselben. Es versteht sich, daß unter der Herrschaft der Franzosen die Unterrichtssprache in diesen Schulen die französische ist. Beiläufig bemerken wir nur, daß die verdienstvolle Direktrice der Mädchenschule eine Deutsche ist. Was folgern nun die Franzosen hieraus? Foncin, Generalsekretär der Alliance fran<;-aise und nach ihm F. Sarcey sagen darüber in der Revue politique et litteraire, und das Univers israelite wiederholt es: „Frankreich hat in Tunesien sehr einflußreiche Verbündete: dies sind die Israeliten. (Das ist sehr natürlich, denn die französische Herrschaft bringt ihnen Befreiung von dem drückenden Joche der Muselmänner und stellt ihnen die Gleichberechtigung in Aussicht. Redakt.) Es ist eine sehr beachtenswerthe Beobachtung, die schon sehr oft gemacht worden, daß seit der französischen Revolution das Französische wie die Nationalsprache der Israeliten geworden, ich meine Derer, welche einige Mittel besitzen. Jeder Israelit kennt die Sprache des Landes, das er bewohnt, und verbindet damit die französische Sprache. Es folgte dies daraus, daß Frankreich das erste Land der Welt war, (das ist nicht richtig, die Nordamerikanische Union war vorangegangen. Redakt.), welches offiziell die durch das Vorurtheil des Fanatismus zwischen Christen und Juden errichteten Schranken umgeworfen hat. Frankreich ist es, welches vor allen anderen Nationen verkündete, daß die Menschen jeder Raffe und jeder Religion vor dem Gesetze gleich sind, welches dieses Prinzip aus der Theorie in die Praxis einführte, das sich unsren Seelen so eingeprägt hat, daß bei jenem wüsten Kreuzznge, der jüngst von einem Ende Europas bis zum anderen gegen den Semitismus entstanden, wir die einzigen sind, die fortfuhren mit den Juden auf dem Fuße herzlicher Gleichheit j zu leben." Auch dies ist nicht richtig, denn in England! und Italien haben Versuche der Antisemiten, Platz zu geswinnen, viel weniger stattgefunden als in Frankreich und Algerien. Aber die Thatsache, welche jene Herren voraus- - setzen, besteht gar nicht. Nicht aus einer besonderen Vorliebe; für Frankreich, sondern aus dem Erforderniß der Bildung erlernen Juden anderer Länder die französische Sprache und zwar durchaus in keinem größeren Maße wie es die Christen anderer Länder thun. Ja, in den letzten Jahrzehnten hat sich aus demselben Grunde die englische Sprache sehr verbreitet und wird neben der französischen ebenso eifrig erlernt. Wir sind allerdings Frankreich dankbar, daß es die Gleichstellung auf dem europäischen Continente zuerst zur Ausführung brachte. Aber diese Anerkennung vermindert unsren Patriotismus nicht im geringsten. Die französischen Juden theilen allerdings jene irrige Meinung ihrer Landsleute, und waren deshalb 1870 und 1871 sehr ergrimmt, als sie wahrnehmen mußten, daß nicht blos die jüdischen Jünglinge und Männer als deutsche Krieger mit der wärmsten Begeisterung i für ihr Vaterland kämpften, sondern die deutschen Juden, j Männer und Frauen, in der Pflege und in den Spenden! für die Verwundeten die größte Thätigkeit und Hingebung bekundeten. Wir müssen deshalb gegen jene französische Insinuation entschieden protestiren, und thun dies auch gegen den Großrabbiner von Paris, Herrn Zadoc Kahn, der in einem, von den deutschen Antisemiten viel benutzten Schreiben die Alliance israelite universelle als eine Propaganda für das Franzosenthum stempelte^ Glücklicherweise sprechen That- , suchen hiergegen, sonst würde Herr Kahn der Alliance eine ' gefährliche Wunde beibringen. Denn wäre seine Auslastung

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