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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1884-05-13 · Heft 20 (13.5.1884) · p. Seite 313

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
48 (1884)
Issue
Heft 20 (13.5.1884)
Date
1884-05-13
Page
Seite 313 (sequence 5)
Language
German
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313 sehen hiervon, wie ich dargelegt zu haben glaube, ist das Beten ebenso Sache des Gedankens wie der Gefühle, der Erkenntniß, der religiösen Anschauung. Mustern wir unser altes jüdisches Gebetbuch, und Sie werden mir zugestehen, daß dies aus der Volksseele hervorgegangen sein und ihr durchaus entsprochen haben muß, weil es sich sonst nicht durch Jahrtausende hätte erhalten und der Masse in allen ihren Schichten so verpflichtend erscheinen können — ich sage, durchmustern wir dies, so finden wir gerade in nur sehr geringem Maße den Erguß der individuellen Gefühle und Wünsche, Bitten für das persönliche Wohl und Bedürfniß, sondern viel mehr Bekenntniß des Glaubens, Anerkennung und Lobpreisung der Eigenschaften, des Schaffens und Wirkens Gottes, Aussprache des Verhältnisses Israels zu Gott und Erinnerungen an die Geschichte Israels, an dessen Rettung und Erhaltung. In der That sprach und spricht der jüdische Beter sein Schema, seine Kcduschah, die doch nur Bekenntniß enthalten, die Aboda, die eine historische Reminiscenz ist, mit tiefer Erregung des Herzens, und in der Anerkennung der Größe und Herrlichkeit seines Gottes fühlt er fich erhoben, gestärkt und sicher aus den Wogen des Lebens. Wollen Sie eine Autorität für meine Ansicht haben? Nun, der Pentateuch ist dasjenige Religionsbuch, welches am wenigsten vom unmittelbaren Beten spricht und seinen Bekennen: keine Gebetformeln vorschreibt. Aber es sagt (Mos. 6, 6): „Und es sollen diese Worte, die ich dir heute gebiete, in deinem Herzen sein und du sollst sie einschärfcn deinen Kindern und davon reden, so du sitzest in deinem Hause und so du gehest aus dem Wege und so du dick niederlegst und so du aufftehst"; und bei Josua (1, 8) heißt es: „Es soll nicht weichen dieses Buch der Lehre von deinem Munde und du sollst darüber sinnen Tag nud Nacht." Hier gilt also das Sinnen und Reden, das Denken und Lehren der religiösen Gedanken und Lehren für das, was später die Weisen als Gebet auf die Lippen des Volkes legten. Und so, verehrter Freund, wird in der einen oder der anderen Form das Beten niemals aus dem Geiste der Menschen weichen, so lange in ihnen eine religiöse Ueberzeugung, ein religiöses Denken und Fühlen vorhanden und rege ist, und dies glaube ich wird so lange bestehen, wie der Mensch selbst. Auch die Wiffenschast kann aus der Seele des Menschen das Gefühl der Abhängigkeit von einer höheren Macht nicht verdrängen, um so weniger, als es sich gerade in unseren Tagen erweist, daß die wiffenschaftlichen Forschungen und Entdeckungen zwar für Leben und Industrie sehr wirksame Hülfsmittel schaffen, mit denen jedoch auch viele Gefahren, viele verderbliche Wirkungen verbunden sind. Sehen wir nun auf die Juden, so wird doch Niemand leugnen, daß ihr Bestehen wesentlich in der religiösen Ueberzeugung beruht, die ihnen durch die Jahrtausende als das eigentliche Element ihres Wesens übergeben worden. So lange deshalb die jüdische Maffe diesem ihrem Wesen und ihrer Aufgabe getreu bleibt, wird ihnen Gottesdienst und Gebet ein dauerndes Bedürfniß bleiben, und, wenn die Zeitbildung und die Zeitströmung Veränderungen in diesen fordern, so wird es eine schöne Aufgabe der Lehrer in Israel sein, aus dem Boden des Ueberlieferten und Eingewohnten den Forderungen der Zeit Befriedigung zu schaffen. — Der Freund drückte mir die Hand und meinte, wenn ich ihn auch nicht ganz überzeugt hätte, so hätte ich ihm doch erwiesen, daß eine entgegengesetzte Ansicht ihre volle Begründung und Berechtigung habe. Ich war hiermit zufrieden, denn insgeheim mußte ich über seinen letzten Ausspruch lächeln, da er entweder einen logischen Widerspruch in sich trug, oder nur eine Verschleierung war für das Zugeständniß einer vollen Ueberführung. Literarischer Wochenbericht. Bonn, 4. Mai. Wenn in Frankreich die antireligiöse — wir sagen nicht blos die antiklerikale — Partei sich auf eine wisienschaftliche Begründung stützen will, so nimmt sie ihre Zuflucht zu dem „Positivismus", der von August Comte sin der Zeit von 1340 —1860 als ein philosophisches System verkündet worden. Es hat aber wohl selten eine sich für Philosophie ausgebende Lehre gegeben, die philosophieloser ist als der französische Positivismus. Wenn irgend eine Schule den Verfall der modernen Philosophie bekundet, so ist es das System und die Schule Comte's. Haben diese in Frankreich so viel Geltung, so kommt es daher, weil der französische Genius und die französische Sprache für eigentliche Philosophie ungeeignet scheinen. In der That haben die Franzosen seit Cartesius (der bekanntlich lateinisch schrieb und nicht in Frankreich lebte) kein wirkliches philosophisches System produzirt, denn weder die Encyklopädisten, noch Le Maistre, noch der Eklektiker Cousin können als strenge Philosophen neben Spinoza, Leibnitz, Wolff, Kaut, Fichte, Schelling, Hegel, Herbart, Krause angesehen werden. Comte's Grundgedanke ist nur das gelten zu lassen, was er sieht und hört. Das Ueber- und Außersinnliche existirt für ihn gar nicht. Dabei aber begnügt er sich mit der oberflächlichsten induktiven Methode, so daß er, was ihm nur wenige Beobachtungen zeigten, schon für Gesetze erklärt. Die Menschheit ist ihm die Gottheit, und er verlangt in seinem letzten Werke, daß seine Schüler jeden Tag ein zweistündiges Gebet an „diese Gottheit" richten sollen. Er begnügt sich, als wäre er nichts als Chemiker, die Existenz der Atome vorauszusetzen, obschon gerade mit dem Atom jeder Philosoph nichts anfangen kann, da der Begriff Atom einen vollen Widerspruch mit sich selbst enthält. Es war deshalb sehr überflüssig, daß v. Kirchmann jüngst i eine deutsche Uebersetzung der Comte'schen Philosophie, oder! vielmehr eines Auszuges aus derselben, in zwei Bänden ver-

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