Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 20 (13.5.1884)
- Date
- 1884-05-13
- Page
- Seite 312 (sequence 4)
- Language
- German
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312 wenn ich Nachweisen wollte, daß die Malerei und die Skulptur! und sozialen Stürme, die offen oder unter der Oberfläche in denselben Weg eingeschlagen haben. Kurz, selbst in den schönen Künsten ist die Verstandesthätigkeit die beherrschende, die Einbildungskraft nur noch eine Magd und Gefühle und den Volksmassen aller Lander wüthen, sind eben solche Zeugen der Leidenschaftlichkeit, also der aufgeregten und vorwaltenden Gefühle, wie im Privatleben z. B. das Ueberhandnehmen Empfindung nebensächlich. Bei dieser Richtung, welcher der der Selbstmorde, die in zahllosen Fällen aus dem Zurückmenschliche Geist sich zugewandt hat, und die doch eine natürliche Folge der menschheirlichen Entwickelung ist, hat auch weichen des ruhig erwägenden Verstandes vor der überwältigenden Furcht, vor der Energielosigkeit des Willens, vor das Beten nur noch einen kleinen Raum, der sich von selbst dem Sturme ausgeregter Gefühle entspringen. Würde der immer mehr einschränkt. Dies ist meine Erklärung, die an! Verstand in unsrer Zeit, wie Sie meinen, wirklich die Obsich wahr und begründet, selbst durch zeitliche und örtliche Herrschaft besitzen, und die Menschen in ihrer Geistesthätig- Thatsachen nicht widerlegt würde." i keit vorwiegend leiten, cs würde dieses Alles in viel ruhi- Jch entgegnete: Sie haben da, verehrter Freund, viel! gerer und besonnener Weise sich abspielen, ja die Menschenwelt Wahres ausgesprochen, und dennoch kann ich Ihrem Grundwürde viel sittlicher sein, denn die Sittlichkeit, die aus der gedanken nicht beistimmen. Gestatten Sie mir daher, mich vernunftgemäßen Erwägung von Pflicht und Recht ersteht, ist darüber etwas ausführlich auszulaffen. Ich gestehe, daß ich! sicher und fest, während die Gefühle schwanken und sich einkein Freund von jener scharfen, zur Gewohnheit gewordenen! ander überschlagen. — Ihre Erklärung also, durch welche Unterscheidung der einzelnen Geisteskräfte bin: Verstand, Ge- Sie die Abnahme des Betens bei dem neueren Menschen erfühl, Einbildungskraft, Willenskraft, und noch weniger von weisen wollen, ist deshalb meiner Meinung nach eben so der abgrenzenden Einordnung jeder Geistesthätigkeit in eine unzuverlässig wie die Thatsachen, die Sie dafür anführten. jener Kräfte. Es ist dieselbe Sucht zu rubriziren, welcher die Natur Hohn spricht, wenn der Naturhistoriker seine Familien, Arten, Gattungen und Klaffen abscheidet, während in Wirklichkeit dieselben Merkmale unter den verschiedensten Spezies von desperater Entfernung nach dem Sinne des Naturhistorikers vertheilt sind, und die Uebergänge überall, wie in den Fischen, die Säugethiere sind, Pflanzen, die „Fleisch fressen", Mineralien, die wie Pflanzen wachsen, zum Vorschein kommen. Nein, der menschliche Geist ist Eines, Aber ich glaube auch, daß Sie vom Beten eine sehr einseitige Definition gegeben haben. Sie sagten, das wahre Gebet sei nur der Erguß unsres Herzens in freudiger oder schmerzlicher Erregung, in Augenblicke der Gefahr oder des Glückes. Nein, lieber Freund, darauf beschränkt sich das Beten nicht. Das Beten ist die bewußte und gewollte Annäherung des menschlichen Geistes an Gott; jede Betrachtung der göttlichen Vollkommenheiten und der Gotteswerke, jede Erhebung zu Gott, jede innere Anschauung des göttlichen die menschliche Seele einheitlich. Es gehet keine Procedur! Wesens und Willens, jede fromme Hingebung an die göttin unsrem Geiste vor, bei welcher nicht alle diese von uns glichen Vorschriften und an das göttliche Geschick, ja jede unterschiedenen Kräfte mitspielen. Selbst der Mathematiker That, die mit dem bewußten Hinblick auf Gott und die uns kann der Einbildungskraft nicht entbehren d. h. der Vorstellung der Zahlen- und Raumgrößen in ihren Berhältniffen zu einander, um seine Schlüffe daraus zu folgern. Immer muß der Wille dabei thätig sein, um den Geist in seiner Arbeit festzuhalten; immer wird das Gefühl der Freudigkeit oder ihres Gegentheils an der Thätigkeit des Geistes betheiligt sein. Umsoweniger kann ich es zugeben, daß in der großen Entwickelung des Menschengeistes im Ganzen die eine Richtung des geistigen Lebens voranschreitet auf Kosten der anderen oder gar mit dem fühlbaren Zurückgang der anderen. Wenn Sie behaupten, daß in der Neuzeit der Verstand die vorherrschende Geisteskraft geworden und das Gefühlsleben davor zurückgetreten sei, so kann ich dies durchaus nicht gelten lassen. Ich brauche Sie nur auf die gewaltigen Leidenschaften hinzuweifen, die in unsrem öffentlichen, wie Privatleben tagtäglich zum Ausbruch kommen. In früherer Zeit von ihm auferlegten Pflichten vollbracht wird — alles dies ist Beten, ob es nun in bestimmten Worten, in von den Borvordern gegebenen Formeln ausgesprochen wird, oder ohne solche in den inneren Kammern unsres Geistes, irr der stillen Werkstätte unsres Denkens und Fühlens vor sich geht. Und glauben Sie wirklich, daß sich der Mensch irgend einer Zeitperiode, und sei cs unter dem Einflüsse zerstreuender und zersetzender Momente, sich dem entschlagen, dem entziehen, dessen entbehren könne? Wenn ich z. B. Ihre Dichtungen durchlese, so treffe ich unzählige Male auf Scbilderungen von Naturscenen und von menschlichen Situationen, die so erhebend, so zum höchsten Ideale, zu Gott hinaufschwingend wirken, daß ich mir sage: hier hat der Dichter gebetet, in der innersten Erregung und den reinsten Gedanken gebetet. Nicht wahr, Freund, das trifft zu? Mit nichten ist also das Gebet nur der Erguß eines durch irgend ein Ereigniß bewögen die Leidenschaften roher und ungezügelter in ihren wegten Herzens. Führt uns doch das Gefühl des Still- Aeußerungen gewesen sein, dafür waren sie einfacher, während; lebens, der ruhigen Einsamkeit, der Sicherung in allen unsren sie jetzt mannichsaltiger und raffinirter sind. Die politischen! Lebensverhältniffen zum lautersten Beten hin. Aber abge-