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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1884-05-13 · Heft 20 (13.5.1884) · p. Seite 311

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
48 (1884)
Issue
Heft 20 (13.5.1884)
Date
1884-05-13
Page
Seite 311 (sequence 3)
Language
German
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311 Zeitalter des Betens überhaupt ist vorüber und wozu also! man allgemeine Sätze aussprechen und als ein wirkliches Er- Gebetbücher abfaffen und so vielen Geist und tiefe Herzenserregung darauf verwenden?" Ich war über diese Apostrophe etwas erstaunt und erwiderte: „Diese Beobachtung können gebniß der Zeit hinstellen will, man die Thatsachen nicht aus einem engen Kreise betrachten darf, sondern wie sie sich aus der Gesammtheit Herausstellen. Jndeß ist es mir viel wich- Sie doch nur an sich selbst und aus Ihrer Umgebung getiger, Ihre Erklärung zu hören, als das Faktum durch Fakta macht haben und so groß auch der Kreis Ihrer Freunde und' zu widerlegen. Bekannten ist, so kann er doch wohl nur als einer bestimmten „Nun, Freund, ich will Ihnen meine Gedanken nicht Richtung angehörend angesehen werden." Er lächelte und, vorenthalten. Das Beten, das wahrhafte und aufrichtige meinte: man solle stch doch nur in den Gotteshäusern Umsehen und werde sie gar oft leer finden, wobei man sich den Zudrang der Gläubigen in früherer Zeit zurückrufen möge, Gebet ist doch nach unsrer jetzigen Anschauung ein Ausfluß unseres bewegten Herzens bei freudigen oder schmerzlichen Erlebnissen, in Stunden der Gefahr und der Rettung, in wie wir ja aus unserer Kindheit leicht thun könnten. Und Augenblicken, wo unsre Gefühle in höherem Maße aufgeregt daß die religiöse Andacht, das Beten aus den Häusern immer sind und sich so unwillkürlich zur Höhe erheben. Aber solcher mehr verschwinde, darüber werde ja von den Religions- Augenblicke giebt es ja nicht viele und sind sie flüchtiger lehrern oft genug geklagt. Uebrigens sei ihm dies nicht blos! Natur. Brauche ich Ihnen zu sagen, daß in unsrer Zeit die eine Beobachtung, sondern er habe dafür auch eine voll- Ausbildung des Verstandes und die Thätigkeit desselben eine ständige Erklärung. — Ich entgegnete ihm, daß wenn in ganz vorwiegende geworden, und zwar auf Kosten der übrigen Norddeutschland die Kirchen, namentlich in den großen Geisteskräfte, der Gefühle und der Einbildungskraft. Die Städten, oft leer blieben, so könne er das Gegentheil in Wissenschaft steht auf allen Lebensgebieten im Vordergründe Mittel- und Süddeutfchland gewahren und hierzu gebe ihm und was mit ihr nicht in Zusammenhang gebracht, von ihr Bonn an jedem Tage und besonders am Sonntage die bestes nicht erfaßt und beherrscht werden kann, fällt aus der allge- Gelegenheit. Er brauche nur die nach beendetem Gottesdienste meinen Beachtung. Der allgemeine Drang nach Popularisirung aus den Kirchen strömende Maffe zu sehen. So dürfe e^ alles wissenschaftlichen Stoffes bezeugt es, daß alle Welt nur auch den verhältnißmäßig geringen Kreis der „ aufgeklärten" j nach der Beschäftigung des Verstandes verlangt und mit jener Juden nicht mit der großen Maffe aus dem Lande und in' breitet sich diese immer mehr bis in die untersten Schichten anderen Ländern identifiziren, wo das Gegentheil seiner Beaus. Was will noch die Poesie sagen? Der allein noch Hauptungen sich überall erweise. Aber selbst in jedem Kreise giebt es Tage im Jahre, wo die Synagogen bis auf den wirksame Zweig des poetischen Schapens und Genießens ist der Roman und die Novelle. Nach diesen greift Jung und letzten Platz angefüllt sind und wo in den größeren Städten j Alt, um ihre Mußestunden auszufüllen. Und gerade diese Dutzende von Betstätten neben den großen Synagogen her-! beruhen am meisten auf Verstandcsthätigkeit, füllen sich mit gestellt werden müffen, um dem Bedürfniffe der „Gläubigen", Reflexionen an; sie sollen aus dem Leben, aus der Wirklichwie er sie nenne, zu genügen. Ferner zeugten doch die zahl-: feit gegriffen sein und überall eine logische Consequenz belosen neuen Synagogen, die in den letzten Jahrzehnten aller thätigen, also völlig realistisch sein. Geben Sie Acht, noch Orten mit großen Opfern seitens der Gemeinden erbaut kurze Zeit und alle jene idealistisch angelegten Romane und worden sind und fortwährend erbaut werden, daß das Be- Novellen werden bei Seite geschoben, um recht realistisch gedürfniß nach Gottesdienst und Gebet ein noch sehr reges ist färbten, sogenannten Sittengemäldcn, selbst häßlichster Art und sich thatsächlich bewähre. Blicken Sie doch, sagte ich,! und in schmutzige Regionen versetzend, Platz zu schaffen. Von nach den Ländern, die erst in jüngster Zeit von Juden bc der Lyrik will Niemand mehr etwas wissen. Das Drama völkert worden sind, wo keine Gemeinden bestanden, keine ist zum eigentlichen Schauspiel geworden, wo die Szenerie staatliche Ordnung für sie existirt, wo also eine lokale Pietät j und die Kunst des Schauspielers in seiner Persönlichkeit das nicht vorhanden ist, und doch sind dort überall Synagogen Hauptinteresse bilden. Die klassischen Stücke locken das Publicrstanden, haben sich Gemeinden constituirt und Prediger und kum nur herbei, wenn ein ganz besonders pikanter Künstler Cantoren berufen. Kaum haben Mexiko und die südameri- oder noch besser eine solche Künstlerin die Hauptrolle spielt, kanischen Staaten die Gewissensfreiheit zu einem Grundrecht Die Fluth des Mittelgutes erstickt die Classicität: in jenem gemacht und daselbst einige Juden sich niedergelaffen, so steht der Dichter hinter dem Künstler, in dieser steht der fanden diese sich zusammen und sorgten für ihr gottesdienst- Schauspieler hinter dem Dichter zurück. Wer liest noch ein lichcs Bedürfniß. (Nach Madrid ist sogar in den letzten Buchdrama und wenn es eine meisterhastc Dichtung ist? Daß Tagen ein Schächter berufen worden, fügen wir heute hinzu.» dasselbe Schicksal die Oper betroffen hat, wo der Maschinen- Dies sind doch wahrlich Beweise genug, die gegen Ihre Bemeister das wichtigste Werkzeug des Spektakelstückes geworden, hauptung sprechen, und Sie werden mir zugebcn, daß, wenn brauche ich nicht zu sagen. Ich würde zu weitläufig werden, 20*

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