Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1884-05-13 · Heft 20 (13.5.1884) · p. Seite 310

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
48 (1884)
Issue
Heft 20 (13.5.1884)
Date
1884-05-13
Page
Seite 310 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3227501-3227522--41714-3310213
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

310 Zeitungen selbst, welche mit sehr geringen Ausnahmen entweder selbst antisemitisch sich geberdeten, oder etwas verschämt dem Antisemitismus Vorschub leisteten, oder Stillschweigen beobachteten, bis etwa eine Wahlbewegung Vortheile in der Bertheidigung der Juden bot. Dies zeigte doch handgreiflich, daß der Einfluß der Juden auf die Presse so gut wie Null sei. Daß der ungeheuer größte Besitz nicht in den Händen der Juden sei, daß das Kapital ebenso gut von der Industrie wie diese vom Kapital abhänge, von der Industrie aber die arbeitenden Klassen, und hinwiederum nur ein sehr geringer Theil der Industrie in den Händen der Juden sich befinde, das konnte dem Fachkundigen und Einsichtsvollen nicht lange verborgen bleiben. Schließlich war das Wahngebilde von einer Verschwörung der Juden um die Herrschaft der Welt zu erlangen, der Juden, welche über anderthalb Jahrtausende in der härtesten Knechtschaft gehalten worden und in kleinen ohnmächtigen Gruppen über die Erde zerstreut sind, doch zu kindisch, um lange auf der Tagesordnung zu figuriren. Als man sich also nach den vermeintlichen Gefahren umsah, um gegen sie vorzugehen — da fand man sie nicht, da fand man die Juden auf allen Lebensgebieten, in allen Berufszweigen in kleiner Anzahl auf einzelne Personen gemünzt, so kümmerte es die Verbrecher nicht, ob Hunderte oder Tausende von Menschen mit in die Luft gesprengt würden. Kurz, das grausigste Schauspiel eröffnete sich vor den Augen der Menschheit, eine nie geahnte Niederträchtigkeit, welcher die Ausbildung der Wisienfchaft und Technik die Mittel an die Hand gegeben, um Tausende und Hunderttausende von Menschen zu vernichten, um Gebäude zu sprengen, um Staaten ins Wanken zu bringen, um die ganze Gesellschaft umzustürzen. Die wirkliche Gefahr ist in den Anhängern einer bodenlosen Anarchie und im — Dynamit gefunden. Alles, was sonst die Gesellschaft drückt, was ihr schwer zu lösende Aufgaben stellt, wird auf dem Wege der Entwickelung, wird auf gesetzgeberischem und sittlichem Wege beseitigt und zum Besieren gestaltet. Nichts beweist mehr die Wahrheit dieses Satzes, als die Geschichte des letzten Jahrhunderts. Mitten durch den Kampf der Parteien, der ja zur realen Lösung der Probleme unentbehrlich ist, geht der Fortschritt in der Entwickelung vor sich, und je schwieriger eine Aufgabe ist, je hitziger um dieselbe gekämpft wird, desto sicherer wird sie Schritt vor Schritt zur Klärung und zu angemesiener Verwirklichung geführt. Gegen die Anarchie und das Dynamit erhebt sich nunmehr die Gesellschaft und völlig gesetzlichem Wege betheiligt, so daß weder Grund noch■ in der Bekämpfung dieser wirklichen Gefahr vereinigen sich Möglichkeit vorlag, sie in vernünftiger Weise zu beschränken. Es ist daher nichts geschehen, weil nichts zu thun möglich war. alle Parteien. Sicherlich wird man nicht gleich die gewissesten Mittel und Wege zur Beseitigung dieser scheußlichen Uebel und weil, was geschah, Plünderung und Todtschlag, nicht gefinden; man wird erst mit der Zeit, mit der Erfahrung daduldet werden konnte. j hin gelangen, Anarchie und Dynamit lahm zu legen. Aber Nun wird man sich fragen, wie konnte es geschehen, die vereinten Kräfte aller noch auf dem gesellschaftlichen und daß der größte Theil des Volkes, und zwar in den gebildeten sittlichen Boden Stehenden werden das Ziel erreichen. Klaffen vornehmlich, an diese vermeintlichen Gefahren! Nun, das Dynamit ist der nachdrücklichste Feind der Antiglauben konnte? Aus dem einfachen Grunde, weil in der!semiten. Nicht bloß, daß die Judenexceffe erwiesen haben, gesellschaftlichen Atmosphäre unseres Continents eine Schwüle! wohin der Antisemitismus führt und daß er der geeignetste herrschte, eine drückende Ahnung vorhandener Gefahren, welche Weg ist, anarchische Gesinnungen und Gewohnheiten herbeinoch keinen greifbaren Gegenstand dieser Furcht zeigte. Als zuführen, sondern auch daß die Menschen nun über die eigentliche vorhandene Gefahr aufgeklärt wurden, einer Gefahr, vor welcher selbst der Rest der Anschuldigungen gegen die Juden, der in den Gemüthern zurückgeblieben sein mag, als kindisch verschwindet — das muß dem Antisemitismus sein Ende bereiten. Der Antisemitismus verblaßt vor dem Dynamit, der Antisemiter verschwindet vor dem Dynamiter. nun die antisemitischen Schreier, deren Motive später sich ganz offen manifestirten, auf die Juden wiesen, in welchen die in der Luft schwebende Gefahr ihren Urheber habe, so war Borurtheil gegen diese noch genug vorhanden, um Glauben zu erregen und die Anschuldigungen für wahr zu halten. Seitdem aber hat sich diese Atmosphäre geklärt. Man erkannte die wirkliche vorhandene Gefahr in dem revolutionären ' - Theile der sozialistischen Partei und noch deutlicher in den DllS AttkN. Anarchisten, die nicht dabei stehen blieben, ihre scheußlichen Ein berühmter Schriftsteller jüdischer Religion weilte vor Theorien zu predigen, sondern diese in allen europäischen Jahren eine längere Zeit in Bonn und war oft und zwar Ländern praktisch auszuführen. Das Dynamit erschien, in ein stets willkommener Gast in unserem Hause. Eines Tages Irland und England, in Frankreich, Spanien und Italien, fand er auf dem Tische unser „Neues Israelitisches Gebetin Deutschland und Oesterreich und mit den gräßlichsten Erbuch zum Gebrauch während des Gottesdienstes und bei der folgen in Rußland. Bomben wurden geworfen, Röhren gehäuslichen Andacht", blätterte und las darin. Dann wandte legt, Uhren verfertigt, welche die Unglückspatronen zu beer sich zu uns und sagte: „Das ist Alles gut und schön, stimmter Zeit explodiren machten. Waren die Attentate auf Aber, Freund, unsre Zeit ist nicht mehr für das Beten, das

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.