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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1884-05-13 · Heft 20 (13.5.1884) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
48 (1884)
Issue
Heft 20 (13.5.1884)
Date
1884-05-13
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Allgemeine Zeitung des Iudenthums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Preis vierteljährig S Mark. Abonne- I ment in Deutschland (Postzeitungsliste Nr. 92) und Oesterreich bei allen Postämtern, außerdem durch den Buch- | Handel. Herausgegeben von Rabbiner Dr. Ludwig Philippson in Bonn. GzepeörLion: Leipzig, Woßptcrh 18. In redactionellen Angelegenheiten wende man sich an Or.L. Philippson in Bonn direct, in allen übrigen an die Berlaashandlung. Beilagen (Gebühr 12 M.) sind gleichfalls an letztere einzusenden. 48. Jahrgang. Leipzig, den 13. Mai 1884. N>. 20. Inhalt. Leitende Artikel: Der Antisemit und das Dynamit. — Das Beten. — Literarischer Wochenbericht. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Bonn, Berlin, Minden, Nordhausen. — Oesterreich-Ungarn: Pest. — Frankreich: Bonn. — Großbritannien: London. — Rußland: Aus Rußland, Warschau, Turek, Jekaterinow-law. — Bonn: Notizen. — Feuilleton: Wie ich Philosemit geworden bin. — Vermischtes: Ein Kuriosum aus Amerika. — Nachtrag: Berlin, Münster. Siett'ciic'c ö-itißcf. Bonn, 7. Mai. Der Antisemit und das Dynamit. Es war ein eigenthümliches, allerdings nicht erfreuliches Schauspiel, als mit einem Male eine Anzahl kleiner Leute j ein großes Geschrei über die Gefahren erhoben, welche in der Existenz der Juden innerhalb der europäischen Gesellschaft bestehen sollten. Der Eine schrie: sie untergraben und vernichten das Christenthum; der Zweite: sie strömen in Masse von Osten herein und entnationalisiren die deutsche Nation! Der Dritte: sie bilden den größten Prozentsatz der Verbrecher und verderben die Sittlichkeit der Deutschen! der Vierte: sie sind die Herren der Presie und zwar der schlechten! der Fünfte: sie sind die Herren des Kapitals und machen das Volk zu ihren Knechten! der Sechste endlich erhob sich noch höher und schrie entsetzlich: die Juden erstreben die Herrschaft über die ganze Welt, dazu sind sie verschworen mit einander, dazu sind sie aus Palästina gekommen, und das ist das Ziel, das sie unverrückbar im Auge haben! Noch eigenthümlicher aber war dieses Schauspiel, als all' dies Geschrei bei der großen Menge, die gebildeten Schichten voran, Glauben fand, wenigstens Jedweder vorgab, etwas davon zu glauben. Man berieth, wie man aufs Baldigste dieser Gefahr begegnen, sie beseitigen könne. Der Eine rieth: die Gleichstellung aufzuheben und wieder beschränkende Ausnahmegesetze einzuführen; der andere, die Juden aus dem Richter- und Lehrerstande, von der Börse und vielen gewerblichen Zweigen auszuschließen; der dritte schrie: kauft bei keinem Juden! und der vierte: haut sie nieder, jagt sie aus dem Lande, confiscirt ihre Güter! Mit den ersten Vorschlägen ging es nicht vorwärts, der letzte war handgreiflich. Die Judenexcesse wurden in Pommern und Preußen, in Ungarn und in Rußland ins Werk gesetzt. Ties aber konnte die Staatsgewalt nicht dulden, und nachdem erst das Regiment Jgnatiew zu Ende war, wurden auch in Rußland diese Raub- und Mordversuche unterdrückt. Allmälig kam man zur Besinnung und suchte die ausposaunten Gefahren in der Wirklichkeit. Ta fand man sie allerdings nicht. Das Christenthum, das seit 18 Jahrhunderten besteht und die Herrschaft über 400 Millionen zählt, sollte von den 6 Millionen Juden untergraben und vernichet werden, von welchen über 4 Millionen nicht einmal eine europäische Sprache zu schreiben verstehen — das war doch zu lächerlich. Die 56 Millionen deutscher Nation sollten von der halben Million Juden in ihrer Mitte oder gar von einer kleinen Zahl rusiisch-polnischer Juden entnationalisirt werden — das war ebenso lächerlich. Dabei fand sich, daß die Zahl der Juden nur dem Bevölkerungsverhältniß gemäß zunimmt und gerade in den östlichen Provinzen Deutschlands abnimmt. Eine genauere Prüfung der Criminalftatistik erwies das Gegenthcil von dem, was jene Schreier behaupteten, nämlich daß der Prozentsatz der Verbrechen bei den Juden ein geringerer ist und daß sie bei den groben Verbrechen fast ganz verschwinden. Ebenso wenig ergab es sich, daß sie einen vorwiegenden Antheil an den Redaktionen und der Corresspondenz der Tagespresse haben, und den besten Beweis lieferten die

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