Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1884-04-06 · Heft 19 (6.4.1884) · p. Seite 305

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
48 (1884)
Issue
Heft 19 (6.4.1884)
Date
1884-04-06
Page
Seite 305 (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3224737-3227501-3227521--41708-3310200
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

305 beschränkten („der nichs zu fragen weiß"). Hier ist nun das Eigenthümliche, daß er unter den „Weisen" (sin) einen Nichtisraeliten versteht, der jedoch gottgläubig und offenbarungsgläubig ist. Daß dieser ein Nichtisraelit sei, ersieht man daraus, daß man ihm die Satzungen des Peßach mittheilen soll und zwar ganz detaillirt, was einem israelitischen Weisen gegenüber unzutreffend wäre. Ferner fragt er: „Was bedeuten diese Zeugnisse, Gesetze und Rechte, die der Ewige unser Gott Euch befohlen hat." Er erkennt also den Ewigen als Gott, er erkennt die israelitischen Gesetze als von Gott ausgegangen an, aber er zählt sich nicht zu denen, welchen diese Gesetze gegeben worden und denen sie zur Erfüllung als Pflicht auferlegt sind. Nicht minder ist cs für ihn bezeichnend, daß er in diesen Vorschriften nicht bloße, drückende Formen, sondern „Zeugnisse, Gesetze und Rechte", also den geistigen Inhalt, die sittlichen Forderungen, Rechte und Pflichten in ihnen ausgesprochen sieht. Diese Voraussetzung, daß es solche nichtisraelitische „Weise" giebt, und die Achtung, mit welcher der Hagadist gerade diese an die Spitze seiner vier Menschenarten stellt, giebt recht viel zu denken, und ist selbst ein Zeugniß für den Geist der Duldsamkeit, der zu jener Zeit in israelitischen und nichtisraelitischen Kreisen verbreitet war. Doch wollte jedenfalls der Verfaffer dieser Piece in diesem nichtisraelitischen Weisen ein recht scharf gezeichnetes Gegenbild gegen den israelitischen „Bösewicht" aufstellen, den er zu zweit aufführt. Dieser spricht mit boshafter Ironie: „Was soll Euch dieser Dienst?" er erklärt also die Peßachsatzungen für eine Dienstbarkeit, für eine schwere Last, und frägt, was wohl diejenigen davon hätten, welche dieser Dienstbarkeit sich unterziehen. Daß dieser „Böse" als Jude gedacht ist, geht aus den folgenden Worten hervor. Ter Verfaffer hält sich an das Wort „Euch" und betont, daß dieser Fragesteller sich selbst ausschließt; wer aber sich von der Gemeinschaft ausschließt, ist so gut wie ein Gottesleugner, sowohl weil die Gemeinschaft von Gott selbst herrührt, als weil auf ihr die religiösen und sittlichen Jntereffen beruhen, nur in ihr Erfüllung und Befriedigung finden können. Auch schließt der Satz mit der Bemerkung, daß, wenn dieser Mensch bei dem Auszuge aus Egypten gewesen wäre, er nicht mit erlöst worden sein würde. Es ist dies auch keine ungerechtfertigte Bemerkung. Man erinnere sich, daß am Abend vor dem Auszuge jeder israelitische Familienvater ein Lamm schlachten, von dessen Blut mit Asopftengeln an die Pfosten seines Hauses sprengen und zu diesem Behufe das Lamm schon vier Tage vorher aussuchen oder erwerben sollte. Es war hiermit Jedem die freie, wohlerwogene Wahl gewährt, sich zu Israel zu zählen und an dem Auszuge Theil zu nehmen. Derjenige Israelit, welcher eine Gesinnung, wie dieser „Böse" hegte, würde sich dieser „Dienstbarkeit" entzogen und hiermit an dem Befreiungszuge keinen Antheil genommen haben. Nun, man sollte ihm nichts schuldig bleiben: „Stumpfe ihm die Zähne ab", d. h. nimm ihm jeden ferneren Borwand zu bissigen Bemerkungen, nämlich dadurch, daß du ihn eben als ausgeschlossen betrachtest und in der Antwort dich nur auf dich selbst beziehst. Man solle ihm daher das Schriftwort erwidern: Es geschieht dies „um deffentwillen, was der Ewige mir gethan, als ich aus Egypten zog." Der wahre Israelit identificirt sich mit der Gesammtheit, die wiederum nicht allein aus der lebenden Generation, sondern aus allen Geschlechtern besteht, welche dem Volksverbande, dessen Aufgaben und Zwecken treu anhing. — Die beiden folgenden Klassen, der Einfältige und der Geistesbeschränkte, sind nicht weiter von Bedeutung. Jener frägt einfach: „Was bedeutet dieses?" und man erzählt ihm vom Auszuge, indem man hervorhebt, daß dieser die Befreiung aus dem Sklavenjoche gegolten und durch den allmächtigen Gott bewirkt worden. Dem letzteren gehe man nicht stillschweigend und verachtend vorüber, sondern fange mit ihm an und unterrichte ihn in der Bedeutung des Festes. — Für uns hat diese ganze Charakteristik die besondere Bedeutung, daß sie auf eine Zeit hinweist, wo nicht bloß Duldung, sondern auch Anerkennung und Würdigung die Religion Israels in außerjüdischen Kreisen fand, wo aber auch der Unglaube unter den Juden selbst ungescheut auftrat, aber zugleich auf entschiedenen Widerstand traf. Auch das Sich-Ausschließen aus der Gemeinde muß nicht selten gewesen sein, daß sich das strenge Wort bildete: „Wer sich von der Gemeinde ausschließt, ist ein Leugner der Grundwahrheit, ein Gottesleugner." l) Und in der That, in der Gemeinde lag das ganze Mittel, die ganze Bedingung der Erhaltung für das zerstreute, verfolgte Israel. Nicht nur daß durch sie der Kultus, die Schule, die Wohlthätigkeit möglich war, sondern in ihr lag auch die Macht des Bewußtseins, der Bestand der Zusammengehörigkeit, die Widerstandskraft, der Schutz, der Trost, der letzte Rest des gemeinsamen, des öffentlichen Lebens, dessen der Mensch auf die Dauer nicht ganz entbehren kann. — Und nun zum Schluffe der diesmaligen Bemerkungen, welch' ein merkwürdiger Ausspruch, tief aus dem Herzen des Volkes heraus: „Die Verheißung Gottes war es, die unseren Vätern und uns beistand; denn nicht Einer allein stand wider uns auf, uns zu vernichten, sondern in jedwedem Zeit- > alter standen sie wider uns auf, uns zu vernichten; aber der Heilige, gepriesen sei er! errettete uns aus ihrer Hand!"! Dies spricht der Familienvater mit erhobenem Becher. Wir haben hier die Quintessenz der ganzen jüdischen Geschichte. Bon der einen Seite, Zeitalter nach Zeitalter, die sich immer wiederholenden Verfolgungen, eine der anderen gleich l) ~ip',y wurde geradezu für „Gott" gebraucht, so daß "S'O ein Gottesleugner, z. B. Sanhedr. 38, 2 bedeutet.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.