Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 19 (6.4.1884)
- Date
- 1884-04-06
- Page
- Seite 303 (sequence 11)
- Language
- German
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303 zehren darf. Es lag also auch hier jener scheußliche Wahn zu Grunde, der die Augen des Volkes verblendet und es sehen läßt, was gar nicht vorhanden. Die Briten möchten wohl eher ihren Abscheu jenen schmählichen „Hahncnkämpfcn" zuwenden, die bei ihnen noch so sehr beliebt find. Rußland. Petersburg, 15. April. Aus Pultawa sind Berichte über eine Massenauswanderung jüdischer Familien nach Amerika und Palästina eingelangt. Petersburg, 9. April. Der Senat entschied, daß die Juden im Besitze von Immobilien verbleiben können, auch wenn sie kein Handwerk mehr betreiben; doch verlieren die Juden, welche das Handwerk aufgeben, das Recht, sich außerhalb des Bezirkes ihrer beständigen Ansässigkeit aufzuhalten. Krakau, im April. Die Krakauer „Reforma" bringt ein umfangreiches Dokument, bestehend in einem Berichte des Warschauer Gouverneurs nach Petersburg bezüglich der erforderlichen Mittel zur Reform der geistigen Ausbildung, respektive vollständiger Russisicirung der jüdischen Bevölkerung in Kongreß-Polen. In diesem Berichte wird zunächst der stete Kampf zwischen den orthodoxen und den Fortschrittsjuden geschildert und die fortschrittliche Partei als jene Partei im Judenthum Russisch-Polens und Galiziens dargestellt, die nach Assimilirung mit den Polen behufs gänzlicher Polonisirung sämmtlicher Juden strebt und deshalb dem russischen Elemente feindlich sei. Der Bericht sagt: „Die jüdische Fortschrittspartei ist zwischen zwei Feuern; entweder muß sie offen sich für die Regierung erklären und die Umgestaltung der polnischen Juden in treue Unterthanen anstreben, oder der nationalen polnischen Partei huldigen, im Sinne der polnischen Ideale wirken und so den sprichwörtlichen Typus eines „Polen mosaischer Religion" repräsentiren. Leider ist Letzteres der Fall." Der Bericht schildert die re-; gierungsfeindliche Haltung der aufgeklärten Juden im Aufstande von 1863 und sagt, solange die polnische Intelligenz dem russischen Staatssystem feindlich gesinnt sei, solange die jüdische Fortschrittspartei sich mit dieser polnischen Intelligenz zu verschmelzen strebe, müsse die russische Regierung im eigenen Interesse die orthodoxen und konservativen Juden im Kampfe mit den Aufgeklärten kräftigst schützen, um die Polonisirungs-Bestrebungen der Letzteren zu paralysiren. (Wie wäre es, wenn die Russ. Regierung die Gleichstellung der Juden beschlösse? Es würden dann in den „aufgeklärten" Juden ganz andere Sympathieen möglich sein!) Cypern. London, im April. Man kann nicht sagen, daß über den russisch-jüdischen Colonien in Palästina wie in Amerika ein günstiges Geschick waltet, und doch ist ein solches zum Gedeihen menschlicher Unternehmungen nothwendig. Das Londoner Comite des Mansion-House hatte eine Anzahl russischer Emigranten, nachdem sie vergebens versucht hatten, in Syrien sich niederzulasscn, auf die Insel Cypern bringen lassen, die bekanntlich jetzt unter englischer Oberhoheit und Verwaltung steht. Aber man hatte unglücklicher Weise ein so ungesundes Terrain gewählt, daß 56 Personen in einer Woche erkrankten und zu einem großen Theile starben. Verderbliche Fieber rissen bald ein Drittel der Colonisten hin. Auf die Nachricht hiervon will das Comitü ein anderes Grundstück kaufen und die Flüchtlinge daselbst installiren. Bonn, 27. April. (Notizen.) Der vor Kurzem verstorbene Präsident des israelitischen Consistoriums zu Nancy und Hüttenwerksbesitzer Dupont hat unter anderen Legaten für wohlthätige Zwecke 40,000 Frcs. zur Errichtung eines israelitischen Hospitals in Nancy und verschiedene Spenden für die israelitische Gemeinde zu Metz vermacht. — Vor Kurzem verstarb in Meran aufseinem Landgute der in Berlin und Wien bewunderte und als Mensch sehr geachtete Komiker Ascher, der in Dresden geboren war. Ueber sein Leichenbegängniß wird berichtet: Trotzdem die ganze Begräbnißfcier auf den Centralfriedhof hinaus verlegt worden war und der strömende Regen eine Fahrt da weit hinaus ziemlich bedenklich machte, war es doch eine ansehnliche Gemeinde, welche dem Heimgegangenen Künstler die letzte Ehre erwies. In der israelitischen Begräbnißhalle fanden sich kurz vor 11 Uhr unter Anderen ein: Baron Königswarter, Baron Victor Erlanger, die Barone Gustav und Alfred Springer, ferner der englische Consul Nathan, Bankier Schnapper, Gräfin Albrecht, v. Bosckan, Frau Delia Friedländer u. s. w. Die Kunstgenossen Aschers hatten sich zahlreich eingefunden, wir bemerkten verschiedene Mitglieder des Hofburgtheaters, Gabillon, Baumeister, dann die Directoren Bukovics, Jauner und Andere. Der Sarg war mit Kränzen und Schleifen bedeckt: aus Meran hatte die Gemeindevertretung, aus Berlin Hugo Pringsheim, von! hier das Burgtheater, der Journalisten- und Schriftsteller- J verein „ Concordia" und zahlreiche dem Verstorbenen ehemals j nahegestandene Personen Kränze gewidmet. Pünktlich um 11 Uhr Vormittags begann die eigentliche Leichenfeier mit dem rituellen Gesang. Dann trat Prediger Di-. Jellinek an den Sarg, um in längerer Rede die Vorzüge des Todten, dem er mährend seiner ganzen glänzenden Künstlerlaufbahn als Freund nahegestanden, zu feiern. Als zweiter Redner mar in letzter Stunde an Stelle Gabillon's Josef Lewinsky eingetreten. Dieser widmete dem Verstorbenen einen begeisterten Nachruf, dessen markanteste Stellen, wie folgt, lauteten: „Schlaf wohl im engen Raum! Dankbar wird so Mancher dir's gedenken, daß du oft die Sorge des Lebens ~ 19*