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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1884-04-06 · Heft 19 (6.4.1884) · p. Seite 297

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
48 (1884)
Issue
Heft 19 (6.4.1884)
Date
1884-04-06
Page
Seite 297 (sequence 5)
Language
German
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297 Die meisten dieser Novellen spielen in Galizien, wohin uns auch die Datirung des Vorworts „Zdislavic" hinweist. Unser Interesse nimmt besonders die erste und umfangreichste dieser „Geschichten" in Anspruch, „der Kreisphysicus" d. h. ein jüdischer Kreisphysicus, und die Verfasserin sah sich auf an sie ergangene Fragen veranlaßt, im Vorwort, einigen Zweifeln gegenüber, nachzuweisen, daß es in Galizien auch in der vormärzlichen Zeit jüdische Kreisphysici gegeben. Die Geschichte geht nämlich im Jahre 1845 vor, wo ein communistisch gefärbter Aufstand in der Gegend von Krakau stattfand, in Folge dessen Oesterreich der Republik Krakau ein Ende machte und Stadt und Gebiet dem Kaiserreiche einverleibte. Der Held der Erzählung führte den Namen Doctor Nathanael Rosenzweig. Er hatte eine harte, entbehrungsreiche Jugend durchlebt und war von Kindheit an darauf angewiesen, keine Anstrengung zu scheuen, um zu „erwerben", sein und seiner alten Großmutter Leben zu fristen, der einzigen Verwandten, die er besaß. So hatte er sich mühsam und in Dürftigkeit durch Gymnasium und Universität gerungen, war Arzt geworden, uud mit den Jahren Kreisphysicus, ansässig in einem armseligen Torfe. Rosenzweig war ein Muster von Berufs- und Pflichttreue, unermüdet in der Ausübung seiner Kunst, die er schwärmerisch hochhielt, und zwar gegen Arm wie Reich. Seine Praxis nahm einen immer größeren Umfang an und sein ärztliches Ansehen war bei den adligen Herren wie im Volke unbeschränkt. Dabei war er jedoch auf den Erwerb sehr bedacht, so wenig er auch den Unbemittelten seinen Beistand irgend versagte; er war bedacht auf Mehrung seines Besitzes, lebte dabei in einfachster Weise, in einem dürftig ausgestatteten Hause mit Garten und Feldern, die er überaus liebte, nach dem damaligen Gesetze jedoch nur als Scheinkauf eines Christen erwerben konnte. Da trat ein „Sendbote" auf, ein polnischer Graf, der plötzlich zur Erkenntniß der damals noch überaus gedrückten Lage und barbarischen Behandlung der Bauern kam, gleich Buddha seine Güter vertheilte und für Polen und Communismus Propaganda machte. Rosenzweig war, wie er ein kaiserlicher Beamter, kaiserlich gesinnt und in der Liebe zu seinem Besitzthum anticommunistisch. Doch nahm er Gelegenheit, den „Sendboten" zu hören, der auch für die Gleichstellung der Juden eingetretcn. Der schwärmerische, jedoch auf dem Grunde der Wahrheit raisonnirende Redner erschütterte ihn auf's Tiefste, und wenn Rosenzweig auch kein Communist wurde, so wandte er doch von da ab seine Bemühungen auf wohlthätigc Wirksamkeit, unterhielt und erzog Hunderte von armen Kindern und war der Vater aller Hülfsbedürftigen in seinem Kreise. Er schrieb auch an den Kaiser eine Petition um Abschastung der Robothe und Frohnen, und obschon er keine Antwort erhielt, erfolgten doch später derartige Gesetze. Alle diese Vorgänge werden in höchst belebter, plastischer Weise gezeichnet. s&eitu/wcpyviac Deutschland. Berlin, 15. April. (Privatmitth.) Auf dem gestrigen Gemeindetage theilte der Vorsitzende Herr Geheimrath Kristeller mit, daß die Vorarbeiten für corporative Einfügung des Ostpreußischen Gemeindeverbandes in den Deutsch-Israelitischen Gemeindebund, nachdem dieselbe von maßgebenden Personen auf beiden Seiten schon lange angestrebt worden ist, nun in ein Stadium getreten, welches für die Rcalisirung dieser heilsamen Thatsache hoffnungsreiche Aussichten bietet. — Diese Mittheilung wurde von dem Gemeindetage mit großer Befriedigung entgegengenommen, sowie denn auch die Einrichtungen der Herren Rabbiner Bambcrger und Stadtrath Elsässer betreffs eines Schulinspectionssystems als treffliche anerkannt und den eben dahin zielenden Unternehmungen des D. I. G. B. als Muster empfohlen worden sind. Berlin, 22. April. (Privatmitth.) Sicherlich wird Ihnen der Bericht über den am 14. d. abgehaltenen 4. ordentlichen Gemeindetag bereits zugekommen sein. (S. Leitart. in dies. Nr.) Gestatten Sie mir nun, einige Bemerkungen über den Eindruck zu machen, welchen die Versammlung hervorgebracht hat. Es wäre überflüssig, auf die Bedeutung hinzuweisen, welche die Gemeinde in der Geschichte des Judenthums seit der Zerstreuung, also Jahrhunderte vor dem Falle Jerusalems, stets behauptet hat. Die Eingewöhnung, solche Gemeinden überall zu bilden, wo eine Anzahl Juden sich niedergelaffen, die Ausbildung der Formen, in welchen sie sich constituirten, der Anstalten und Einrichtungen, die zu treffen ihnen Aufgabe war, alles dies war unter den geschichtlichen Verhältnissen wie ein providentielles Werk, durch welches vorzugsweise der Bestand des Judenthums gesichert wurde. Denn die Gemeinde machte nicht allein die Abhaltung des gemeinsamen Gottesdienstes, Lehranstalten und wohlthätigc Einrichtungen möglich, sondern sie erhielt auch das Bewußtsein der religiösen und sittlichen Zusammengehörigkeit und den Gemeinsinn aufrecht, und bot gewissermaßen ein öffentliches Leben für ihre Mitglieder dar. Indes ist nicht zu verkennen, daß in den Gemeinden sich allmälig ein Weichbildsgeist entfaltete, der über die Grenzen der eignen Gemeinde nicht hinausblicken ließ und jedes Interesse über diesen kleinen Kreis hinaus unterdrückte oder doch sehr beschränkte. Die Geschichte zeigt uns nur selten Beispiele von einer Ber-

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