Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 18 (29.4.1884)
- Date
- 1884-04-29
- Page
- Seite 285 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3227501-3227520--41687-3310178- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
_ 28.6 Leben weggeleugnct, in den Schmutz getreten! Sein ganzes! daß eine Reihe angesehener Christgeborener, die noch wissen, Leben war der Vertiefung und Befestigung der ethischen und i was Menschenthnm ist, gegen diese Petition und die ganze socialen Errungenschaften, welche die Jndenemancipation zum; Infamie auftreten werden. Aber das ist zu spät. Es ist Ausdruck gebracht, gewidmet gewesen und nun sah er alles dies auf's Neue in Frage gestellt. In ungeahnter Weise decken die Briefe an Jakob Auerbach auf, wie tief jeder einzelne Moment in dieser Bewegung den Dichter im Innersten erregte, alle Kraft zum Schaffen, alle Lust am Leben lähmend. Sämmtliche Briefe seiner letzten Lebensjahre bringen diese Reflexe seines Gemüths zum Ausdruck. Hier ein Beispiel. Berlin, 11. November 1880. ja in der Welt so, die Anklagen behalten die Menschen in der Erinnerung, die Bertheidigung, die Widerlegung, die Abklärung lesen sie kaum oder vergessen sie bald wieder, und da die Anklage immer schärfer und piquanter ist als die j Bertheidigung, haftet sie auch mehr in der Erinnerung." . . . . „Den 12. November. Was thut man in solcher Ge müthsverfaffung? Ich sehe andere Menschen ihre Thätigkeit I oder ihr Nichtsthun in der alten Weise fortsetzen, die da Ich habe die gauze Nacht kaum eine Stunde geschlafen. Das gestrige Abendblatt der Nationalzeitung enthält den Text der Petition an Bismarck gegen die Inden. Das also müssen wir noch erleben! Ich sah es kommen, ich habe mehrfach gewarnt und gemahnt. Ich wollte, als ich im Januar hierher zurückkehrte, eine große Versammlung veranstalten, zu welcher durch Karten und durch persönliche Aufforderung die angesehensten Männer aus der Wissenschaft, aus der Bürgerschaft und soweit es ging aus dem Beamtenthum, eingeladen werden sollten, um die neu aufgeworfene sogenannte Judenftage auf einmal energisch abzuthun, bevor das Nebel weiter ftaß und bevor diese Aufwiegelungen in die niederen Kreise, in die Bierstuben hinabträufelten, von wo sie schwer mehr herauszuholen sind. Ich wurde theils ausgelacht, theils als Schwärmer und Phantast angesehen. Die Einen sagten mir, das geht bald wieder vorüber; die Anderen entgegneten, von unseren Rechten können sie uns nichts nehmen; die Dritten behaupteten mit Lustigkeit, diese ganze Sache müsse mit Witz und Spott behandelt werden, jede andere Waffe sei zu gut und unwirksam zugleich. Ich habe endlich davon abgelassen, denn ich habe ja noch Anderes zu thun; aber mitten in meine Arbeiten hinein, namentlich in die für die Volksbücher, spukt cs wie ein Gespenst: da suchst du nun ethische Gedanken in die Massen hincinzubringen, da hegst du nun mit aller Emsigkeit einzelne Pflanzen, und ein Gewitiersturm und Windbruch reißt ganze Wälder zusammen! lind wenn nun Bismarck auch darauf antwortet, daß er mit den Postulaten und ihren Begründungen nicht einverstanden sei — da kann selbst der Gewaltige nickt Helsen; die tiefe Verhetzung, die Aufreizung zur Empörung, den scheelen Blick, der auf jeden Juden fällt, das alles kann er nicht aus den Gemüthern Herausreißen, und ich kenne friej Welt genugsam, ich weiß, wie im Kasino zu Rastatt und in! der Weinstube in Bingen und im Bierkeller in München das! alles mit Jubel ausgenommen wird. Was ist da zu thun? | Müssen wir in unserem Alter unthätig und stillduldend zu- > sehen, wie das Unheil immer größer wird und was die! Kinder in den Schulen leiden von Lehrern und Mitschülern?! Ich sehe in die trübste Zukunft hinein. Es ist Hoffnung, j sagen: es ist schrecklich! und doch bei solcher Zerwühlung alles Gerechten und Menschlichen schnell wie bei einem Preßhaften voriibereilcn, um nur den Anblick schnell aus den Augen zu haben. Ich aber kann an gar nichts Anderes denken, wenigstens konnte ich es gestern noch gar nicht, und heute sage ich mir freilich auch, man kann die trage Masse und auch die Höheren, die sich satt und ruhig fühlen, nicht aufrütteln, daß sofort und energisch etwas geschehe und gar nichts Anderes dem vorangehe. Wann werde ich auch einmal alt und ruhig werden? Ich bin es heute auch schon etwas mehr, aber nur aus Resignation. Ich ging gestern hin und her, und was mußte ich hören! Einige sagten sogar, es ist traurig, daß die Blätter Alles so verbreiten. Als ob sich Derartiges durch Verschweigen todt machen ließe! Es ist die alte Geschichte: „Vater, der Gaul ist krank." — „Sei still, Junge, sonst merkt er's." Ich suchte mich zu beruhigen, indem ich die Ausstellung der Bilder und Studien des vor Kurzem verstorbenen Malers Lessing, die in der Nationalgalerie gesammelt ausgestellt sind — du weißt, er hat auch mich porträtirt und das Bild ist auch ausgehängt — genau durchstudirte. Es half mir ein wenig." Nur mit tiefem Grimm kann man den Spuren dieser Wirkung auf den in Ehren grau gewordenen Dichter nachgchen. Dieses letzte, so düstere Kapitel seines Lebens berührt um so tragischer, als es in grellem Kontrast steht zu der Fülle von Dokumenten einer einzig gearteten menschenfreundlichen Milde, mit welcher Berthold Auerbach selber Alles, auch seine Gegner beurtheilt hat und weiter auch zu dem rosenfarbenen Enthusiasmus, mit welchem der Autor von „Waldsried" kurz vorher noch die Zustände in dem Deutschland nack der Begründung des Reiches als vortreffliche gepriesen batte." 18