Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 18 (29.4.1884)
- Date
- 1884-04-29
- Page
- Seite 286 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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286 ^eibiAM,cy>vicLC Deutschland. Berlin, 18. April. (Privatmitth.) Das Curatorium der Lehranstalt für die Wiffenschaft des Judenthums hat zum Dozenten der talmudischen Wissenschaft an Stelle des Herrn vr. Löwy, der an das theologische Seminar in Breslau berufen worden, den Herrn vr. Joel Müller in Wien, einen literarisch wie praltisch verdienten Mann, gewählt. Derselbe beginnt seine Lehrthätigkeit bereits mit dem Sommersemester, und wird in diesem lesen: 1) Talmud statarisch, Kidduschin: Montag und Freitag 8—10, Mittwoch 10—12 Uhr. 2) Talmud cursorisch, Chullin: Sonntag 8—10, Montag 5—7 Uhr. 3) Massechet Sofrim: Mittwoch 12—1 Uhr. 4) Jore Dea: Dienstag und Donnerstag 8—10 Uhr. — Die Arbeiterpartei hat den (von ihr gewählten) Stadtverordneten Paul Singer (Israelit) in einer großen Volksversammlung zum Candidaten des vierten Berliner Wahlbezirks für die nächsten Reichstagswahlen designirt. — Ein großer Mann von unermeßlichem Einstuß muß es sich gefallen lassen, wenn der geringsten seiner Aeußcrungcn eine Bedeutung bcigelcgt wird- So berichten die Berliner Blätter: Fürst Bismarck, der trotz seiner beschränkten Zeit „aus Höflichkeit" keine Ergebenheits- und Zustimmungsadresse unbeantwortet läßt, hat auch einem hiesigen Antisemitenverein, zu Händen des Herrn Licbermann von Sonnenberg, auf eine Gratulation zum Geburtstage folgende Antwort zu Thcil werden lassen: „Berlin, 0. April 1884. Für die freundlichen Glückwünsche zum Geburtstage sage ich meinen verbindlichsten Dank. v. Bismarck." Breslau, 16. April. Die ultramontane und sehr antisemitische „Schles. Bolksztg." bringt folgende sensationelle Corrcspondenz: „Königshütte, 14. April. (Mord?) Am Charfreitage um 10 Uhr früh ist der hiesige Polizeiinspector in Begleitung eines Sergeanten auf Grund der Anzeige eines Christen nach der Behausung eines jüdischen Bürgers gerufen worden, um daselbst eine Haussuchung vorzunehmen. Das Resultat derselben war, daß auf dem Boden eine rechte Hand und ein linker Fuß, welche einem Kinde im Alter von 13 bis 14 Jahren angehören dürften, vorgefundcn wurden. Das Nähere wird wohl die einzuleitende Untersuchung ergeben. Bisher schwebt über der ganzen Sache noch Dunkel." Für diese sehr mysteriös klingende Nachricht wird in der „Königshütter Zeitung" eine sehr harmlose Erklärung gegeben. Das Blatt schreibt: „In den Verdacht eines rituellen Mordes ist am Freitag ein hiesiger Studiosus der Medicin dadurch gerathen, daß bei seinem Umzuge irgend ein Arbeitsmann in einem nicht verschlossenen Kasten mehrere Menschenknochen fand und hiervon sofort der Polizei Anzeige machte. Auf diese Denunciation hin verfügte sich der Herr Polizei-Jnspector mit einem Wachtmeister und noch einem Polizeisergeanten an Ort und Stelle und richtig, man fand, o Grausen, ein — Fuß- und Armskelett. — Da der Hauswirth, auf dessen Bodenraum man diese Menschentheile fand, gerade in der Synagoge sich befand, so faßten die drei Herren vor der Synagoge Posto und warteten, bis der Gottesdienst zu Ende war, den Hauswirth ab, den sie nun auf der Straße verhörten. Hierbei stellte sich nun heraus, daß der betreffende Studiosus die Knochen von der königlichen Anatomie zu Berlin als Erinnerung und zu Studienzwecken mitgebracht hat." Also für dieses Mal wäre es mit einem rituellen Morde Nichts! Reustettin, 18. April. (N. St. Zt.) In der heutigen Stadtverordnctensitzung gelangten auch die Ansprüche, welche die bei den letzten Unruhen Geschädigten an die Stadt machen, zur Berathung. Der größere Theil der Versammlung glaubte zuerst, daß diejenigen Personen, welche erwiesenermaßen an den Unruhen theilgenommen haben, zur Deckung der Ansprüche herangezogen werden könnten. Zuletzt wurde aber bcschloffen, letztere durch eine besondere Commission prüfen zu lassen und später dieselben aus städtischen Mitteln zu befriedigen. Bochum, 18. April. (Privatmitth.) Am 2. dieses Mts. fand hier am Vororte Bochum die dritte ordentliche General- Versammlung des israelitischen Central-Armen-Berbandes, zu welchem bis jetzt 11 Gemeinden gehören, statt. Aus dem, von dem Vorstande der Synagogengemeinde Bochum, mitgetheilten Geschäftsberichte ergab sich, daß in dem Geschäftsjahre 1883/84 eine Unterstützung in dem Gesammtbetrage von Mark 2857 an 852 Personen verabreicht wurde. Der Vorstand des Vorortes, welcher sich seiner edlen Ausgabe in höchst anerkcnnenswerthcr Weise unterzog, wurde auch fernerhin mit der Leitung dieser höchstwichtigen Angelegenheit betraut. Es darf hierbei nicht unerwähnt bleiben, daß diese Einrichtung nicht ohne den gewünschten Erfolg geblieben; denn die handwerksmäßige Wander-Bettelei, welcher durch derartige Verbände gesteuert werden soll, scheint doch, wenn auch vorläufig die Wirkungen nur geringfügig hervortretcn, von Jahr zn Jahr in der Abnahme begriffen zu sein. In der Versammlung machte sich allgemein der Wunsch geltend, dahin zu wirken, daß den Wanderbettlern seitens der Herren Rabbiner, Lehrer und Gemeinde-Vorsteher Empfehlungsschreiben nicht mehr erthcilt werden mögen, da diese der Wanderbettelei gewiffermaffen Vorschub leisten und gegen ihre Echtheit nicht selten berechtigte Zweifel erhoben werden müffen. Möge der Verband, welcher von den edelsten Absichten durchdrungen ist, dem schönen Ziele immer näher kommen.